Schöne neue Arbeitswelt?
In Österreich ist im Jahr 2000 die durchschnittliche Jahresarbeitslosigkeit erstmals seit 1992 wieder unter 6% der Gesamtbeschäftigten gesunken. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Situation jedoch schnell als weniger rosig.
Ein Großteil der neu entstehenden Arbeitsverhältnisse sind prekäre und atypische Beschäftigungen. In nahezu allen Bereichen, werden Vollzeitbeschäftigungen durch sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse ersetzt. Bereits jede zweite beim AMS gemeldete offene Stelle fällt in die Kategorie Teilzeit oder prokjektbezogenes Diernstverhältnis.
Was versteht mensch unter "atypischer Beschäftigung"?
Laut Definition sind alle Beschäftigungsverhältnisse atypisch, die von der historisch entstandenen und in Regelwerke gegossenen Norm der unbefristeten Vollbeschäftigung mit "optimaler" sozialer Absicherung abweichen. Obwohl atypische Arbeit nicht unbedingt prekär sein muss, haben Betroffene dieser neuen Beschäftigungsformen oft gravierende Nachteile gegenüber Beschäftigten in "Normalarbeitsverhältnissen", wie niedriges, kaum kontinuierliches Einkommen, unkalkulierbare Beschäftigungsstabilität, ungenügende soziale Absicherung, mangelnder Zugang zu betrieblicher Mitversicherung,... Statt der "individuellen Gestaltung der Lebens- und Arbeitszeit" bringt die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse für die Betroffenen daher meist nur Unsicherheit und Stress.
Die wohl am weitest verbreitete Form atypischer Beschäftigung ist die der Teilzeitarbeit. Stark im Kommen ist dabei vor allem auch die geringfügige Beschäftigung, bei der sich der / die ArbeitgeberIn Lohnebenkosten spart. (seit 1.1. 1998 muss der / die DienstgeberIn Sozialversicherungsbeiträge zahlen, von der Arbeitslosenversicherung sind geringfügig Beschäftigte nach wie vor ausgeschlossen).
Eine Extremform der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse ist die sogenannte "Arbeit auf Abruf" oder "Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit (KAPOVAZ). Dabei sind sowohl Zeitpunkt wie auch Dauer des Arbeitseinsatzes und damit auch die Höhe des Einkommens bei Vertragsschluss ungewiss und hängen vom unmittelbaren Arbeitskräftebedarf des Unternehmens ab. Auch Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit sowie Heim- oder Telearbeit werden zu den atypischen Beschäftigungsverhältnissen gezählt. Daneben nehmen auch befristete und auch projektbezogene Dienstverhältnisse stark zu.
Warum nehmen atypische Beschäftigungen zu?
Atypische oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse bzw. der sogenannte informelle Sektor als Ganzes sind keine neuen Phänomene. Im Gegenteil, weltweit betrachtet wäre die Existenz des Kapitalismus ohne diese Form der Überausbeutung, der in vielen Ländern des Trikonts die Mehrheit der Bevölkerung unterworfen ist, nicht möglich. Seit Bestehen des Kapitalismus versuchten UnternehmerInnen wirtschaftliches Risiko und konjunkturelle Schwankungen möglichst auf die Beschäftigten abzuwälzen. Die Industriestaaten Europas- und Nordamerikas stellten in den letzten 50 bis 80 Jahren die große Ausnahme dar.
Die Stärke der ArbeiterInnenbewegung in vielen dieser Länder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie die Bedrohung durch soziale Aufstände und Revolutionen nach dem Vorbild der russischen Revolution zwangen die UnternehmerInnen, den ArbeitnehmerInnen Zugeständnisse zu machen. Der Nachkriegsaufschwung 1948-1974 bot darüber hinaus die Möglichkeit für eine "Formalisierung" von Beschäftigungsverhältnissen. Nach 1974 wurde Raum für Wohlfahrtsstaat und regulierten Arbeitsverhältnissen enger. Ausgehend von Großbritannien und den USA, wo die ArbeiteInnenbewegung in den 80er Jahren schwere Niederlagen erlitten hatte, gingen die UnternehmerInnen in die Offensive.
Teilzeit ist Frauensache
Während rund 3,5 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten, liegt die Quote bei den Frauen bei 30 Prozent. Und das, obwohl zwei Drittel der Teilzeitbeschäftigten lieber Vollzeit arbeiten würden. Im Lebensmittel- und Textilhandel beträgt der Anteil der Teilzeitkräfte über 60%. Hinzu kommt die neue Art der Sklavenarbeit in Form von "Arbeit auf Abruf" bzw. täglich oder wöchentlich neu fixierte Dienstpläne.
Seit 1945 ist die Frauenerwerbsqoute stetig gestiegen. Doch trotz der Einbindung der Frau in das Berufsleben bleibt die Hausarbeit, Erziehung der Kinder, das Pflegen älterer Menschen an ihr hängen. Hinzu kommt, dass viele Frauen aufgrund der finanziellen Situation meist nicht in den Genuss einer weiteren Ausbildung nach der Pflichtschule kommen (nur 1/3 der Lehrlinge sind weiblich; ca. 45% aller Frauen haben nur einen Pflichtschulabschluss).
Diese Situation zwingt Arbeitnehmerinnen in schlecht bezahlte Arbeitsplätze (Fließband) und/oder in die Falle der atypischen Beschäftigung. Gerade im Handel fragt niemand mehr nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Und die Sparpakete der letzten Jahre (Karenzgeld, Kinderbeihilfe, Kürzungen der Gelder für Kindergärtenplätze) drängen die Frauen noch stärker in die ökonomische Abhängigkeit des Mannes bzw. des Unternehmens.
Familie und Privatleben gibt es nicht
Von der UnternehmerInnenseite werden ungeregelte Beschäftigungen als Traumlösung präsentiert, um Familie, Beruf, Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Aus der Froschperspektive der ArbeitnehmerInnen betrachtet sieht dieser Traum aber ein wenig anders aus. Durch die ungeregelten und verlängerten Arbeitszeiten gerät das Privatleben natürlich auch unter Beschuss. Interessantes Detail: Die Scheidungsrate der Handelsangestellten ist am höchsten. Und auch die Kinder werden eher wenig von ihren Eltern mitbekommen, wenn diese, wie zum Beispiel bei Amadeus in Wien Landstraße jeden Tag bis 22:00 Uhr und am Sonntag arbeiten müssen.
So schaut der "Schutz für die Familie und für die Frau" der blauschwarzen Regierung konkret aus: Frauen zurück an den Herd bzw. Frauen als billige Reservearbeitskräfte.
Zeit für Gegenwehr!
Atypische Beschäftigte sind keineswegs ein neuer ArbeitnehmerInnentypus, der sich, wie viele fälschlicherweise meinen nicht gewerkschaftlich organisieren lässt. Im Gegenteil, jüngste Beispiele wie der erfolgreiche Streik der GebäudereinigerInnen in L.A. und Chicago (auch der UPS-Streik 1997 wurde nicht zuletzt von Atypischen getragen) zeigen, dass die Gewerkschaftsbewegung von den "Prekären" noch einiges lernen kann.








