Donnerstag 17. Mai 2012

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Arbeitswelt

Ab Herbst arbeiten Frauen in Österreich gratis. Klingt komisch, ist aber so. Seit 2009 berichten österreichische Medien im frühen Herbst vom Equal Pay Day, dem Tag ab dem Frauen im Vergleich zu Männern gratis arbeiten. Berechnet wird der Termin jedes Jahr aufs Neue. Als Grundlage für die Rechnung werden die durchschnittlichen Gehälter von Vollzeitbeschäftigten auf 12 Monate hochgerechnet und verglichen, daraus ergibt sich eine Differenz von ca. 25%. In Tage übersetzt ergibt sich daraus der Equal Pay Day.


Gleicher Lohn für gleich(wertig)e Arbeit? - Situation
Die Tatsache, dass Frauen in Österreich, bekanntlich eines der reichsten Länder der Welt, noch immer ein Viertel weniger als Männer für ihre Arbeit aufs Konto bekommen, macht wütend. Noch wütender macht der europäische Vergleich: Im Ranking der Gehaltsunterschiede liegt die kleine alpenländische Steueroase an vorletzter Stelle. Für jedes der 9 Bundesländer wird der Equal Pay Day noch mal extra berechnet. Frauen die in Vorarlberg wohnen und arbeiten steigen besonders schlecht aus, seit dem 6. September arbeiten sie umsonst.


In Wien verdienen sie am besten, die Hauptstadt begeht den Equal Pay Day "erst" am 15. Oktober - die Stadt Wien arbeitet aber auch konsequent gegen Einkommensunterschiede. Zwischen Anfang September und Mitte Oktober liegen bekanntlich ca. 5 Wochen, eine lange Zeit wenn man sie in Lohn denkt - überlegt man hier weiter, muss man schnell zu dem Schluss kommen, dass es eine politische Entscheidung ist, wie viel Frauen verdienen oder eben nicht verdienen.


Dass die Lohnschere zwischen Männern und Frauen groß ist, wissen Feministinnen schon seit einer Ewigkeit, keine Forderung der Frauenbewegungen hat solange überdauert wie die nach gleichem Lohn für gleich(wertig)e Arbeit. Schon die Sozialistinnen der ersten Frauenbewegungen hatten das Thema auf ihrer Agenda - Zeit, dass sich was dreht!


Seinen Ursprung fand der Equal Pay Day in den USA - deshalb auch die Benennung in englischer Sprache, ins Deutsche übersetzen lässt sie sich nicht wirklich, als politische Bezeichnung wäre wohl "Zahltag" am passendsten. 1966 hatten sich verschiedene Frauen- und Bürgerrechtsorganisationen, die Gewerkschaft und religiöse Vereine zusammen getan um im Zuge der Bürgerrechts- und zweiten Frauenbewegung für Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen zu kämpfen. Wenn ein Mann einen Dollar verdiente, bekam eine Frau im Vergleich dazu 59 Cent. Die Situation von afroamerikanischen Frauen am Arbeitsmarkt war besonders schlecht.


Zwei Kampftage?
Bevor hier endlich die Frage, warum denn Frauen tatsächlich um so vieles weniger verdienen als Männer, geklärt wird, soll noch ein offener Punkt rund um den Equal Pay Day angesprochen werden. Aufmerksamen MedienbeobachterInnen ist vielleicht aufgefallen, dass auch im Frühling 2011 schon mal die Rede vom Equal Pay Day war, genauer gesagt im April. Ziemlich verwirrend, eine Forderung und zwei Tage mit der gleichen Bezeichnung, die beide Kampftag für gleichen Lohn für gleiche Arbeit sein wollen.


Aber leicht aufzulösen: es gibt schlicht und einfach zwei Möglichkeiten den Stichtag zu berechnen. Weiter verbreitet ist die "Herbstvariante", bei der es darum geht, ab wann Frauen im Vergleich zu Männern gratis arbeiten. Organisationen, die den Equal Pay Day im Frühling kampagnisieren zeigen auf, um wie vieles länger Frauen arbeiten müssen um gleich viel zu verdienen wie ihre Kollegen.


Der Equal Pay Day ist der echte Beweis dafür, dass Gleichstellung von Männern und Frauen in Österreich nicht zur Tagesordnung gehört. Keine Frage, in den letzten Jahrzehnten ist frauenpolitisch eine Menge vorangetrieben worden. FeministInnen haben vieles geschafft: Frauen dürfen wählen, sie können über ihren Körper selbst bestimmen, Gewalt gegen Frauen gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt und vor dem Gesetz sind Männer und Frauen gleichberechtigt.


Die Basis für ein selbstbestimmtes Leben ist trotzdem noch immer nicht für alle Frauen gegeben: Genug Einkommen zum Auskommen. Ein kleiner Teil der Lohnschere lässt sich erklären: Wie lange arbeitet frau schon für ein Unternehmen? In welcher Branche ist frau beschäftigt? Wie sieht die höchste abgeschlossene Ausbildung aus? Um nur einige Fragen, die hierfür gestellt werden müssen, aufzulisten. Sind alle diese Faktoren berücksichtigt, bleibt aber immer noch eine Lohnschere von ca. 18 Prozent für die es schlicht und einfach keine logische Erklärung mehr gibt. Frauen verdienen weniger als Männer, weil sie Frauen sind.


Mehr am Konto mit Bart? - Ursachen
Das System, mit dem der Wert von Arbeit in Österreich bestimmt wird, stammt noch aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Rollenbilder, denen Frauen, aber auch Männer, entsprechen sollten, waren damals noch extremer als sie es heute sind. In einer Familie war ganz klar, dass der Mann die Rolle des Ernährers einnehmen muss und die Frau im besten Fall dazu verdienen soll. Die "typischen" Berufe für Männer und Frauen waren schon damals die gleichen wie heute. Und in Branchen, in denen in erster Linie Frauen arbeiten, wird schlechter entlohnt als in männerdominierten Sparten.


Wichtig zu berücksichtigen bei der Suche nach Antworten für die Einkommensunterschiede sind auch verschiedene Berufslaufbahnen von Männern und Frauen. Während Männer sobald sie mit ihrem Job zufrieden sind, eigentlich in den meisten Fällen ohne Unterbrechungen in dem Unternehmen bleiben, machen Frauen in der Regel längere Pausen oder arbeiten Teilzeit. Der Grund: Hausarbeit, Kindererziehung und die Pflege von älteren Familienmitgliedern.


Teilzeitarbeit ist ein spezielles Problem. Frauenpolitikerinnen, auch linke, waren der heute verhassten Teilzeit nicht immer abgeneigt - sie dachten sich, dass es eine gute Lösung wäre, wenn Frauen nicht völlig vom Arbeitsmarkt verschwinden, sobald sie eine Familie gründen. Sie ahnten damals wohl noch nicht, wie problematisch sich diese Arbeitsverhältnisse auf die Lebensrealitäten von Frauen auswirken würden. Im Frauenbericht 2010 kann man nachlesen, dass etwa 955.000 Menschen Teilzeit arbeiten. Davon sind 81 Prozent Frauen, Männer sind hingegen zu 92 Prozent Vollzeit beschäftigt.


Arbeit zu Hause wie Kinderbetreuung oder Altenpflege wird nicht als Arbeit gesehen. Oft hören Frauen, dass sie sich über das "Mehr an Freizeit" freuen sollen. Diese Freizeit äußert sich für Frauen dann so, dass sie wöchentlich durchschnittlich 21,6 Stunden zusätzlich zu ihrer bezahlten Arbeit im Haushalt arbeiten, das gilt für Voll- und Teilzeitbeschäftigte.
Das wohl größte Problem im Bezug auf Gleichstellung von Männern und Frauen ist die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Wir müssen uns fragen: Wer wäscht und kocht? Wer hilft bei der Hausübung oder der Oma im Haushalt? Wegen uralter Rollenbilder erfüllen noch immer Frauen diese Aufgaben, während Männer die Karriereleiter hinaufklettern.


Das Private ist noch immer politisch!
Oft wissen Frauen gar nicht, dass sie weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Dafür wurde 2010 ein neues Gesetz geschaffen, dass garantiert, dass Betriebe die Gehälter offen legen müssen, sodass Frauen vergleichen können. Immer wieder meinen PolitikerInnen, dass Frauen mutiger werden sollen und sich einfach bei Gehaltsverhandlungen mehr trauen sollen. Sicher ist es wichtig, zu wissen wie viel frau verdienen sollte und dann gestärkt in Gespräche mit dem Chef zu gehen. Trotzdem muss klar sein, dass die Politik dafür verantwortlich ist, dass gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit ausbezahlt wird! Veränderungen in der Bewertung von Arbeit müssen mit der Schaffung von neuen Kinderbetreuungsplätzen einhergehen. Das Private ist noch immer politisch - 4. Oktober 2010: Zahltag!


Laura Schoch

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