In den letzten Jahren ist viel passiert: der Dachverband der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) wurde gegründet, bundesweit öffneten 28 Frauenhäuser, es gibt Beratungsstellen und eine Hotline, die Betroffenen Hilfe anbieten, und eines der besten Gewaltschutzgesetze weltweit ermöglicht es der Exekutive, Täter aus Wohnungen weg zu weisen. Trotzdem fehlen noch immer Plätze für über hundert Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind. Die Finanzierung der Einrichtungen ist in einigen Bundesländern noch immer nicht fix geregelt und bis heute wird männliche Gewalt gegen Frauen nicht ausreichend sichtbar gemacht.
Gewalt gegen Frauen beim Namen nennen!
Das Thema Männergewalt wird gerne als das individuelle Problem von vereinzelten Frauen und Familien dargestellt. Ganz im Gegenteil jedoch ist Gewalt an Frauen ein extremer Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverhältnissen: sie ist für viele eine „normale Zutat“ der Geschlechterordnung und zeigt betroffenen Frauen, dass sie sich unterzuordnen haben. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft fördert Gewalt nur noch mehr und demnach hindert ihre oft schlechte ökonomische Situation Frauen oft daran, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien.
Für Frauen und Mädchen ist nicht, wie so oft behauptet, der dunkle Park die Gefahrenzone Nummer 1, sondern das eigene Zuhause. In Österreich hat jede fünfte in einer Beziehung lebende Frau Erfahrungen mit körperlicher Gewalt.
Allerdings ist Gewalt mehr als prügeln, würgen, misshandeln und im schlimmsten Fall ermorden. Neben physischer Gewalt existieren auch noch psychische und ökonomische Gewalt. Als psychische Gewalt werden alle Handlungen bezeichnet, die darauf abzielen, das Selbstwertgefühl von Frauen zu zerstören und ihre psychische Gesundheit zu gefährden. Mit ökonomischer Gewalt wird die Unterdrückung von Frauen durch (ihre) Männer mit Hilfe von finanziellen Mitteln gemeint – das könnte z.B. bedeuten, dass einerseits das Einkommen der Betroffenen kontrolliert wird, während die restlichen Ressourcen vor ihr verheimlicht werden.
Eine der genannten Formen von Gewalt tritt eigentlich nie alleine auf, aber egal wie Gewalt von Männern an Frauen ausgeübt wird und welche Arten sich vermischen, dahinter steckt immer ein und das selbe Ziel: die Ausübung von Macht und Kontrolle über die Frau.
Freiraum Frauenhaus
Frauenhäuser sind Einrichtungen, die misshandelten und bedrohten Frauen und deren Kindern Unterkunft, Hilfe und Schutz bieten. Nach einer Gewaltsituation können betroffene Frauen in Ruhe in einem Frauenfreiraum über ihre nächsten Schritte nachdenken und bekommen auf Wunsch auch Unterstützung bei Behörden- und Gerichtswegen und Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Frauenhäuser sind keine Heime für Opfer, sondern Orte, an denen misshandelte Frauen selbstbestimmt Entscheidungen treffen können, sei es ihre Rückkehr zum Partner oder ein Neubeginn. Dabei bleibt die Anonymität der Betroffenen gewährt, es werden keine Akten geführt und die Hilfe passiert sofort und unbürokratisch. Hierarchische Strukturen gibt es genauso wenig wie Aufnahmekriterien, die über eine Gewaltbedrohung hinausgehen.
Die Anfänge
Ausgehend von der autonomen Frauenbewegung in Großbritannien, die an der Gründung des ersten Frauenhauses weltweit maßgeblich beteiligt war, gibt es seit 1978 auch in Österreich Schutzeinrichtungen für misshandelte Frauen. Damals erkämpfte Johanna Dohnal gemeinsam mit einigen feministischen Sozialarbeiterinnen im Zuge der Frauenbewegung in Österreich die Errichtung des ersten Frauenhauses in Wien.
Vor der Gründung unternahmen ein paar der Initiatorinnen eine Reise nach Großbritannien, genauer gesagt nach London. Dort gründete Erin Pizzey quasi durch Zufall das erste Frauenhaus der Welt. Eigentlich war der Freiraum zu Beginn nur als ein Ort gedacht, an dem Frauen sich nach dem Einkaufen erholen konnten und etwas Zeit für sich in Anspruch nehmen konnten. Als eine junge Frau erzählte, dass ihre Mutter seit Jahren von ihrem Mann misshandelt und geschlagen wird, intervenierten die Betreiberinnen. Von Ämtern war damals keinerlei Hilfe zu erwarten. An ein Gewaltschutzgesetz, wie es seit 1997 in Österreich existiert, war 1972 nicht einmal zu denken.
Nach und nach erzählten mehr Frauen von ihren Erfahrungen mit Gewalt, die von ihren eigenen Männern ausging, und zunehmend wollten Frauen mit ihren Kindern Zuflucht finden. 1973 war im besagten Frauenhaus Platz für 30 Frauen – oft wohnten dort allerdings 130 Menschen.
Erin Pizzey veröffentlichte das Buch „Schrei leise“, in dem sie Gewalt an Frauen erstmals sichtbar machte. Eine der Gründerinnen des Wiener Frauenhauses entdeckte das Werk, und an der Idee eines Frauenhauses für Österreich wurde weiter gefeilt.
Zur damaligen Zeit gab es in keiner Weise hierarchische Strukturen zwischen den Betreuerinnen. Sie waren so gut wie immer jünger als die Frauen, die sie betreuten, und das Projekt „Frauenhaus“ beinhaltete einen learning by doing Prozess für die Mitarbeiterinnen. Es gab bis dato noch keine Erfahrungsberichte von der Arbeit mit Opfern von männlicher Gewalt.
Der Andrang von misshandelten Frauen war so groß, dass schon zwei Jahre später das zweite Frauenhaus in Wien eröffnet wurde – damals reisten sogar Frauen aus Tirol nach Wien, um in einem Frauenfreiraum unterzukommen und in Ruhe die nächsten Schritte zu überlegen.
Von der Aufbruchsstimmung zur strukturellen Veränderung
1988 wurde der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser gegründet, nachdem in den zehn Jahren nach der ersten Eröffnung in Wien auch in Tirol, Oberösterreich, Niederösterreich sowie in Kärnten und der Steiermark Frauenhäuser errichtet wurden. Es war bald klar, dass die Strukturen sich verändern mussten. Das Ziel war natürlich – und so ist es auch bis heute geblieben – dass es so gut wie keine Hierarchien in den Häusern gibt und alle Mitarbeiterinnen gleichermaßen eingebunden werden. Allerdings war es notwendig, Zuständigkeiten abzuklären und klar zu machen, dass fix angestellte Sozialarbeiterinnen eine andere Verantwortung haben als Betreuerinnen, die nur für Nachtdienste zuständig sind. Die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser beschreiben das als einen schwierigen und aufreibenden Prozess, der aber wegen der Professionalisierung dringend notwendig war.
Aktuelle Situation
Obwohl Gewalt an Frauen alle Frauen treffen kann, egal ob sie arm oder reich sind, sind Frauenhäuser fast ausschließlich Anlaufstellen für Frauen aus der Unter- und Mittelschicht. Betroffene aus wohlhabenden Familien können sich aufgrund ihrer finanziellen Mittel leichter eine Auszeit nehmen, indem sie z.B. auf Kur fahren. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass es besonders für Migrantinnen zu Problemen kommen kann, wenn sie sich von ihren gewalttätigen Partnern trennen wollen. Aufgrund ihres oft sehr unsicheren Aufenthaltsstatus haben sie noch eher Skrupel die Polizei zu rufen, weil damit auch ihr Aufenthalt gefährdet ist. In Frauenhäusern sind deshalb stark Frauen mit migrantischem Hintergrund anzutreffen – das liegt aber nicht daran, dass Migranten gewalttätiger sind als andere Männer, sondern an dem schon genannten Problem mit Aufenthaltstiteln.
Derzeit stehen für ca. 600 Frauen Plätze zur Verfügung, notwendig wären allerdings 800. In allen Bundesländern, abgesehen von Wien, fehlen noch Einrichtungen. Vor allem im ländlichen Bereich ist es schwer für Frauen, in ein Frauenhaus zu flüchten oder eine Beratungsstelle aufzusuchen. Die Distanzen, die zurückzulegen wären, sind einfach zu groß. Oft scheitert es daran, dass die Verkehrsanbindung zu schlecht ist und kein eigenes Auto zur Verfügung steht. Allein die Überlegung aus der Gewaltbeziehung auszubrechen oder sich nur für einige Tage im Frauenhaus zu erholen sind große Schritte.
Dazu kommt noch, dass die finanzielle Situation der bestehenden Frauenhäuser prekär ist: jedes Jahr müssen die Betreiberinnen erneut um die Finanzierung kämpfen. Noch gibt es bundesweit auch keine gesetzliche Absicherung von Frauenhäusern.
Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es dringend mehr Frauenhäuser, die für alle betroffenen Frauen leicht erreichbar sind, bedarf, die Präventionsarbeit, deren Anfänge mit der Gründung der Frauenhäuser einhergehen, noch weiter ausgebaut werden muss und Gewalt an Frauen weiterhin als das sichtbar gemacht werden muss, was sie ist: ein extremer Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Laura Schoch
Trotzdem Dezember 2008







