100 JAHRE FRAUENTAG
19. März 1911, Wien: Auf der Wiener Ringstraße demonstrieren knapp 20.000 Menschen - mehrheitlich Frauen - für die Rechte von Frauen. Ihre Anliegen: das allgemeine Frauenwahlrecht, Arbeitsschutzgesetze, Mutter- und Kinderschutz, der 8-Stunden-Tag, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Senkung der Lebensmittelpreise, Einführung einer Sozialversicherung und die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs. Gleichzeitig setzen die marschierenden ArbeiterInnen ein Zeichen gegen den 1. Weltkrieg, der quasi vor der Tür steht. Viele ihrer Forderungen von damals sind heute Gesetz. Mutterschutz und 8-Stunden-Tag, Frauenwahlrecht und Sozialversicherung sind, dank der zahlreichen Kämpferinnen des letzten Jahrhunderts, Realität.
Tatsächliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Gesellschaft wurde aber ganz offensichtlich noch nicht erreicht - viele der Forderungen, die Frauen schon vor hundert Jahren aufgestellt haben, sind 2011 noch weit von ihrer Realisierung entfernt. Zeit für eine Demonstration für Frauenrechte!
SozialistInnen kämpfen für Frauenrechte!
Die ArbeiterInnen, die 1911 auf die Straße gingen, setzten ein Zeichen. Nachdem das Wahlrecht für Männer "schon" Tatsache war, kämpften (mehrheitlich) Sozialistinnen nun um das allgemeine Wahlrecht, das auch für Frauen gelten sollte. Bei der Demonstration waren in erster Linie Arbeiterinnen dabei: nach Sternmärschen durch die ganze Stadt trafen sie sich am Ring beim Stadtpark in Wien um gemeinsam am Parlament vorbei bis zum Wiener Rathaus zu marschieren. Einen Aufmarsch für Frauenrechte dieser Größe hat es davor noch nie gegeben. Plötzlich waren arbeitende Frauen sichtbar, an ihren Forderungen sind die Herrschenden nicht vorbei gekommen. Anlässlich der aktuellen Diskussionen rund um Frauenpolitiken in Österreich, muss eine solche Situation wieder geschaffen werden.
Konservative Standpunkte widerlegen!
Damalige Forderungen wurden umgesetzt, neue - an die Zeit und ihre Politik angepasste - sind dazu gekommen, andere wurden verworfen. Tatsache ist, dass Frauen- und Familienpolitiken, die ja leider in erster Linie Frauen betreffen, wieder immer rückschrittlicher diskutiert werden. Fortschrittliche, linke, feministische Standpunkte werden von der Öffentlichkeit auch 2011 genauso ungern wahrgenommen wie schon Jahrzehnte davor. Konservative Meinungen hingegen finden ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft. Dafür gibt es viele Beispiele. Sei es die aktuelle Debatte rund Pränataldiagnostik.
Ministerin Bandion-Ortner möchte einen Gesetzesentwurf durchsetzen, der besagt, dass ÄrztInnen, die in ihrer pränatalen Diagnostik falsch liegen, nicht mehr haften. Argumente: Kinder, die mit einer Behinderung zur Welt kommen, dürfen nicht als Schaden empfunden werden. Dass solche Punkte für die GegnerInnen der Novelle nicht an erster Stelle stehen, sondern es einzig und allein um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen geht, wird ignoriert und um dem ganzen noch eines drauf zu setzen, wird auch der frauenverachtenden Organisation "AktionLeben" Platz einberaumt, mit ÄrztInnen und Betroffenen allerdings nicht gesprochen.
Claudia Bandion-Ortner, vermeintlich unabhängige Justizministerin, die mit einem Ticket der ÖVP in der Regierung mitmischen darf, setzt sich auch für die automatische gemeinsame Obsorge nach Scheidungen/Trennungen ein. Feministinnen, Linke, SozialdemokratInnen sind dagegen. Nicht, weil sie nicht wollen, dass Väter sich um ihre Kinder kümmern, sondern weil Errungenschaften der Frauenbewegungen nicht einfach zunichte gemacht werden dürfen. Die alleinige Obsorge der Mutter für ihre Kinder bedeutet nicht, dass Väter ihre Kinder nicht sehen dürfen, sie heißt einzig, dass die Menschen, die den größten Teil der Versorgungsarbeit übernehmen, auch eigenständig Entscheidungen zum Wohl des Kindes treffen können. Für dieses Recht haben SozialistInnen jahrelang gekämpft.
In Salzburg musste erst kürzlich ein Frauenhaus geschlossen werden. Die zuständige Landeshauptfrau musste einsparen und meinte, dass es für Frauen die im Salzkammergut leben, kein Problem darstellen würde, ob sie nun in die Stadt fahren müssten oder nicht. Expertinnen sehen das anders: Schon seit Jahrzehnten ist klar, dass Frauenhäuser immer überbelegt sind und es für Betroffene von Gewalt wichtig ist, dass ihr Leben halbwegs normal weiterlaufen kann - ein Umzug vom Land in eine Stadt stellt eine schwerwiegende Veränderung der Lebensumstände dar.
Neben diesen drei aktuellen Beispielen, gibt es noch eine Vielzahl an Punkten, die dringend umgesetzt werden müssen - für Frauen und damit die Gesellschaft in der wir leben. Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen liegt knapp bei einem Drittel, Österreich ist im EU-Vergleich an vorletzter Stelle. Schwangerschaftsabbrüche sind immer noch nicht völlig straffrei, der Aufenthaltsstatus von Frauen ist an ihre Männer gekoppelt, Gewalt gegen Frauen ist ein reales Problem, dass nicht verschwiegen werden darf. In Medien werden Frauen auf erniedrigende Weise dargestellt, Frauen in Spitzenfunktionen - egal in welcher Institution - müssen wir lange suchen. Diese Liste ließe sich noch lange, lange fortsetzen.
Laut sein! Viele sein! 20.000 sein!
Es ist Zeit für sichtbare Frauenpolitik, an der sich viele beteiligen. Wütende, selbstbestimmte Frauen und Männer, die ein unterdrückendes System nicht mehr wollen. Verändern wir gemeinsam die HERRschenden Diskussionen, die die Lebensrealitäten der Hälfte der Bevölkerung maßgeblich bestimmen und setzen wir ein Zeichen für eine andere Gesellschaft, in der die Unterdrückung von Frauen Vergangenheit ist. Am 19. März 2011 um 14 Uhr am Schwarzenbergplatz bei der großen Demonstration für Frauenrechte! www.zwanzigtausendfrauen.at
HERstory
Über die Wahl des 8. März als Datum für den jährlichen Frauenkampftag gibt es verschiedene Erklärungen, die sich zeitlich unterscheiden. Ein Überblick.
Die früheste Erwähnung eines Ereignisses, das die Entstehung dieses Tages begründen könnte, liegt etwas mehr als 150 Jahre zurück und wird an einem Streik New Yorker Textilarbeiterinnen festgemacht. Sie sind am 8. März 1858 auf die Straße gegangen um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren, der Widerstand wurde blutig niedergeschlagen.
1907 gedachten angeblich New Yorker Sozialistinnen den Opfern dieses Arbeitskampfes. Anderen Quellen zufolge wurde der Tag gewählt, um 149 Arbeiterinnen zu gedenken, die am 8. März 1908 gemeinsam in einen Streik getreten sind. Um eine Solidarisierung von anderen ArbeiterInnen und der Gewerkschaft zu verhindern, wurden die Frauen in der Fabrik eingesperrt. Aus unerklärlichen Gründen brach in jener Textilfabrik ein Brand aus, nur wenige der Frauen konnten sich retten. Die Wurzel des 8. März liegt offensichtlich in der Tradition der ArbeiterInnenbewegung.
Schon 1909 hielten nordamerikanische Feministinnen einen nationalen Frauentag ab um auf das Frauenwahlrecht zu pochen und für den Sozialismus zu werben.
Der erste Frauentag im eigentlichen Sinn fand ein Jahr danach am 19. März 1911 in Europa statt, er sollte an die Märzgefallenen der Revolution 1848 erinnern.
Dass sich der 8. März dann durchgesetzt hat, ist unmittelbar mit der Russischen Revolution 1917 verknüpft: Arbeiterinnen forderten "Brot und Frieden", ihr Streik war der Auslöser der russischen "Februarrevolution". Nach dem heute gültigen Gregorianischen Kalender war es der 8. März, in damaliger Zeitrechnung der 23. Februar 1917.
Laura Schoch








