Donnerstag 17. Mai 2012

Inhalt:

Internationales

Verbrechen Frauenhandel


Frauenhandel – ein internationales Verbrechen. Jährlich werden über eine Million Frauen aus Mittel- und Osteuropa, aus Asien, Lateinamerika und Afrika in reiche Industrieländer verkauft. Schlepperbanden machen allein in Europa jährlich etwa 7 Milliarden Dollar Gewinn mit der sexuellen Ausbeutung.

Formaljuristisch existiert der Begriff „Frauenhandel“ nicht. Im Strafgesetzbuch ist lediglich von „Menschenhandel“ die Rede. In der Praxis sind jedoch über 99,7% der Opfer Frauen. Es gibt unterschiedliche Definitionen von Menschen- bzw. Frauenhandel. Strafrechtlich geht es um den Zwang, in der Sexindustrie zu arbeiten.

Darüber hinaus kann aber (und wird von vielen NGO´s auch diese Definition verwendet) der Begriff ausgeweitet werden, so dass nicht der Handel im Vordergrund steht, sondern die wirksam werdenden Mechanismen. Das LEFÖ (Der Verein LEFÖ - Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen – www.lefoe.at) spricht von Frauenhandel, wenn „Frauen aufgrund von Täuschungen und falschen Versprechungen durch VermittlerInnen migrieren, dafür hohe Verschuldung in Kauf nehmen und sich in Folge im Zielland in einer Zwangslage befinden, und aufgrund dieser Zwangslage zu Tätigkeiten und Dienstleistungen gegen ihren Willen gezwungen werden, in ausbeuterische, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse gebracht, oder ihrer persönlichen Freiheit und sexuellen Integrität beraubt werden“.

Das heisst, es geht um Benutzung, Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt im Kontext des Migrationsprozesses von Frauen. Das meint nicht nur die Zwangsprostitution, sondern auch den Handel in illegale Beschäftigungsverhältnisse (häufig sind das Hausangestellte in DiplomatInnenhaushalten) oder den Handel in die Ehe. Die Händler setzen nicht nur Gewalt ein, sondern nützen mit Falschinformationen ganz gezielt die Unwissenheit vieler Frauen. Falsche Informationen über die Tätigkeit, falsche Informationen über die Bedingungen, unter denen gearbeitet werden muss, falsche Informationen über die Situation im Ankunftsland, falsche Angabe von Namen, überteuerte Flugtickets, Schuldscheine und Androhungen von Gewalt gegen die Familien im Herkunftsland, Androhung und Durchführung von Vergewaltigungen, psychischer wie physischer Druck.

Strafen auf Menschenhandel sind z.B. im Vergleich mit Strafen gegen Drogenhandel sehr moderat: eine Höchststrafe von zwei Jahren Haft stellt für viele Schlepper kein allzu großes Risiko dar. Und dann? Meistens werden den Frauen sofort nach der Einreise die Papiere weggenommen. Sie müssen zusätzliche hohe „Vermittlungsgebühren“ und Reisekosten bezahlen und sind sofort „hochverschuldet“. Diese Schuld muss dann abgearbeitet werden. Eines der Hauptprobleme im Kampf gegen Frauenhandel liegt an der Situation der betroffenen Migrantinnen im Zielland. Sie leben illegal hier, haben keine Möglichkeit sich rechtlich oder sozial abzusichern, und laufen bei einer Anzeige gegen den Täter Gefahr, sofort abgeschoben zu werden. Sollte sich die Aussage der Frau als nützlicher Hinweis für die Polizei erweisen, dann bekommt die entsprechende Person noch eine Genehmigung bis zum Beginn des Prozesses in Österreich zu bleiben. Aber auch das hängt vom „good will“ unserer Polizeibeamten (selten auch Beamtinnen) ab.

Darüber hinaus besteht über Gewaltandrohungen seitens der Händler gegen die Familien im Herkunftsland immer Unsicherheit und besteht akute Gefahr für die Frau in ihrem Heimatland wieder auf die Händler oder deren Verbündete zu treffen. Strafverfolgung passiert nur sehr selten und häufig ist den Tätern nur Förderung von Prostitution, nicht aber Menschenhandel nachzuweisen.

Ursachen und Gegenmaßnahmen

Frauenhandel ist eingebettet in einen internationalen Migrationsprozeß, dessen Ursachen vielfältig sind: laut UNO–Schätzungen leben in Asien, Afrika und Lateinamerika rund 565 Millionen Frauen unter der Armutsgrenze. Über ein Drittel davon ist alleine verantwortlich für das existenzielle Überleben der Familie. Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der Universität von Chicago analysiert Migrationsbewegungen anhand von Push- und Pullfaktoren: Als Pushfaktoren definiert sie die Bedingungen im Herkunftsland. Dazu zählen neben individueller Armut auch das Leiden unter repressiven Regierungssystemen, Kriege, wirtschaftliche Stagnation etc. Als zweite Ursache von Migration versteht sie „Pullfaktoren“: ohne die Nachfrage in den Industrieländern, gäbe es keine Frauenmigration.

Nachfrage besteht im reproduktiven Arbeitsbereich, also in Tätigkeiten wie Kranken-und Altenpflege, Hausarbeit, Heirat oder eben Sexarbeit. Nach Schätzungen gehen in Deutschland täglich eine Million Männer in Bordelle. Ahnlich beschreibt es Seiko Hanochi: „Die Ausbildung eines transnationalen und schließlich globalen Frauenhandels setzt die allgemeine Tendenz eines Weltmarktes fort, wo die Arbeitskraft der Peripherie für das Zentrum der Weltwirtschaft ausgebeutet wird. Natürlich müssen Maßnahmen für die Opfer gesetzt werden, wenn gegen die Täter vorgegangen werden will. Eine Möglichkeit wäre ein umfangreiches Zeuginnenschutzprogramm, dass Frauen nicht nur Aufenthalt sondern auch Existenzsicherung über Arbeitserlaubnis sichert. Das allein wird jedoch nicht reichen.

Der Kampf gegen Frauenhandel muss auf einer internationalen Ebene passieren. Auch wenn konkrete Maßnahmen im nationalen Migrationsrecht und Schutz für die Opfer unabdingbare Forderungen sind, kann das Verbrechen so nicht gestoppt werden. Menschenwürdige Zustände und menschenwürdige Arbeitsverhältnisse müssen auf der ganzen Welt geschaffen werden. Eine gerechte Verteilung des Reichtums der Welt und ein gleichberechtigtes Teilhaben an Chancen sind die Vorraussetzung für die Veränderung unserer Gesellschaft.


vorheriges Bild Bild Pause/Fortsetzen nächstes Bild
vorheriges Video Video Pause/Fortsetzen nächstes Video
IMPRESSUM © sozialistische jugend
http://www.sjoe.at/