Donnerstag 17. Mai 2012

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Internationales

Vom 26. Juni bis zum 17. Juli ist es soweit: Die Fifa Frauen WM 2011 wird als Happening in Deutschland gefeiert. Anders als in den Jahren davor, wird dem Frauenfußball heuer Aufmerksamkeit geschenkt, es gibt Public-Viewings und die Medien kommen um eine halbwegs ordentliche Berichterstattung nicht mehr herum.


Dennoch stolpern Interessierte bei der Beobachtung der WM über eine Menge an sexualisierten Meldungen rund um ein Event, bei dem es eigentlich um Fußball gehen sollte - nicht um Haare, Brüste und Beziehungen. Prinzipiell wird mit Fußball noch immer Männerfußball gemeint. Allein die Bezeichnung "Frauenfußball" zeigt, dass Frauenteams noch immer das Andere im Fußball darstellen. Während ihre männlichen Kollegen sich regelrecht goldenen Nasen verdienen, müssen so gut wie alle Spielerinnen neben dem Sport zumindest Teilzeit arbeiten - ordentliche Gagen für Frauenteams: weit gefehlt. Obwohl das deutsche Nationalteam im Frauenfußball um einiges besser ist als jenes der Männer, ist das Spektakel rund um die "normale" FIFA Weltmeisterschaft um einiges riesiger und das, obwohl die Geschichte von Fußballerinnen sich wirklich zeigen lassen kann.


"Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!"

Fußball hat seine Ursprünge in England. 1863 wurden die beiden Sportarten Rugby und Fußball getrennt, die Football Association gegründet und die bis heute gültigen Regeln aufgestellt. 1894 war es soweit: die ersten englischen Fußball-Klubs für Frauen sprießen aus dem Boden. Frauen haben seit dem Bestehen des Fußballs auch Fußball gespielt, sie wurden mal mehr, mal weniger von der Bildfläche verdrängt. Während des 1. Weltkriegs konnte sich der Frauenfußball rasant weiterentwickeln, weil die Männer im Krieg kämpften und den Sport nicht für sich beanspruchen konnten.


Damals waren bei bedeutenden Spielen sogar schon 53.000 Fans live dabei, als zwei englische "Frauschaften" gegeneinander antraten. Während zwischen 1910 und 1920 in zahlreichen Ländern Teams gegründet wurden, diskutierte man in Österreich noch, ob Frauen und Fußball überhaupt zusammen passten. Nach dem Krieg verdrängten die Männer ihre Fußball spielenden Frauen wieder aus dem populären Sport - die alte Geschlechterordnung sollte wieder hergestellt werden.


In Österreich wurde der erste Damenfußballklub "Diana" 1924 gegründet, bis 1936 gab es regelmäßig Meisterinnenschaften. Dann sollte ein Verbot erlassen werden, das verhinderte, dass für Spiele von Frauen Sportplätze und Schiedsrichter zur Verfügung standen. Da Versuche, Fußball spielende Frauen mit Warnungen vor Gefährdung der Gesundheit und der Gebärfähigkeit, und mittels Infragestellung ihrer Weiblichkeit vom Fußball abzuhalten, nichts nützten, wurde der organisierte Fußball für Frauen durch den Entzug von Ressourcen einfach unmöglich gemacht. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wurde der Frauenfußball endgültig verboten.


Noch bis in die 1950er Jahre behaupteten fragwürdige MedizinerInnen, Leistungssport würde sich negativ auf die Psyche und Physis der Frau auswirken, das Treten der Bälle sei zu männlich. Der Frauenfußball wurde erst Ende der 1960er Jahre wieder belebt, vor Mitte der 1970er Jahre finden sich keinerlei Dokumente über Frauen und Fußball. Es ist kein Zufall, dass Frauenfußball in den späten 1960er Jahren, fast zeitgleich mit der sogenannten zweiten Frauenbewegung, einen neuen Aufschwung erlebte.


Die erste inoffizielle Fußballweltmeisterinnenschaft fand 1970 in Italien statt, die Berichterstattung damals glänzte aber vor allem mit Geringschätzung der Frauen. Als Folge davon mussten immer noch bestehende Verbote aufgehoben werden. Bis es flächendeckend Nationalteams gab, dauerte es allerdings noch einige Zeit. Das österreichische Team wurde bis 1990 verhindert. Das Argument des ÖFB: zu teuer.


"Ich bin körperlich und physisch topfit!"
Vor 20 Jahren war es dann soweit: Die FIFA richtete die erste Weltmeisterschaft in China aus. Seit damals gilt Frauenfußball als die am schnellsten wachsende Sportart. Das Desinteresse am Frauenfußball ist besonders in Europa verbreitet, in den USA und Asien wird der Sport ganz anders beachtet, die Spielerinnen verdienen meist genug, bekommen tolle Auszeichnungen - sie werden beachtet wie männliche Kollegen hierzulande. Der Grund dafür ist recht simpel: Weder in den USA noch in Asien gehört Fußball zu den traditionellen Nationalsportarten, sondern eher in eine Nische. Erst in den letzten Jahren hat Fußball an Popularität gewonnen, den großartigen Spielerinnen sei Dank.


"Abseits ist, wenn der Schiri pfeift"
Im Fußball müssen Frauen sich besonders gut auskennen, um von Männern akzeptiert zu werden. Weiblichen Fans wird immer wieder durch sexistisches Verhalten von Männern klar gemacht, dass sie hier nichts zu suchen haben. Welche Frau, die gerne bei Meisterschaften zuschaut wurde noch nicht gefragt, ob sie denn auch die Abseitsregel erklären kann. Und auch bei der WM 2011 fällt aufmerksamen LeserInnen und ZuschauerInnen der medialen Berichterstattung vor allem eines auf: Die Spielerinnen bekommen in erster Linie Tipps.


Nicht nur solche, die sie vielleicht nutzen könnten - hier darf man sich die Frage stellen, warum die besten Spielerinnen der Welt sich Hilfe von weniger gut spielenden Männern holen sollten - sondern auch Ideen für ein feminineres Styling. Deutsche Spielerinnen haben sich sogar für den Playboy ausgezogen, um zu zeigen, dass sie gar nicht so "männlich" sind, wie viele meinen, sondern sich sehr wohl wie "richtige Frauen" fühlen.


"Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken"
Wann immer in diesen Wochen über Fußball, Frauen und die WM geredet wird, geht es vor allem um die sexuelle Inszenierung mancher Spielerinnen und die Fragen, welche der Kickerinnen nun eigentlich lesbisch sind und wie viel Männlichkeit im Frauenfußball steckt. Mit Feminismus wollen die wenigsten Spielerinnen in Interviews etwas zu tun haben. Was soll das eigentlich? In ganz Europa wird über Frauenquoten und Familienbilder diskutiert, Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit werden immer lauter und Gewalt gegen Frauen kann nicht mehr verschwiegen werden.


All diese Errungenschaften wären ohne Feminismus und Frauenbewegungen niemals erreicht worden. Wenn Frauen allerdings Fußball spielen muss sofort interveniert werden, "Weiblichkeit" wird betont und mit Feminismus will niemand etwas zu tun haben. Dabei liegt es eigentlich auf der Hand, dass es anscheinend Unbehagen auslöst, dass Frauen so erfolgreich in eine der letzten wirklich erfolgreich inszenierten Männerbastionen vordringen. Mit dem sexualisierten Blick und dem Gerede über alles bis auf den Sport, wird heftig daran gewerkt, die Geschlechterordnung wieder herzustellen.


"Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär."
Als Frauenfußball in den 1970ern populärer wurde und immer mehr Frauen den Sport wirklich aktiv betrieben, hatten Feministinnen weit Wichtigeres zu tun, als sich für die Anerkennung des Frauenfußballs zu engagieren: Kämpfe um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, Maßnahmen und Regelungen gegen Gewalt an Frauen und eine Neuverteilung der unbezahlten Arbeit standen auf dem Programm (und sind bei weitem noch nicht abgeschlossen).


Trotzdem wäre es ohne die Erfolge der feministischen Kämpferinnen auch nicht möglich, Frauenfußball in dem Rahmen zu sehen, den die FIFA 2011 dennoch bietet. Die Spielerinnen sind Rolemodels für eine Menge junger Frauen, ein Bekenntnis zu echter Frauenpolitik ist also wünschenswert. Kritik am Umgang der Medien mit den besten Fußballspielerinnen der Welt ist ebenso notwendig wie die Forderung, dass weibliche Profis genauso finanziell abgesichert sind wie ihre männlichen Kollegen. Zur Erinnerung: Die Verbindung von Fußball und Männlichkeit ist nicht natürlich, sondern gesellschaftlich gewachsen und daher veränderbar.


Laura Schoch

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