Dienstag 21. Oktober 2014

Inhalt:

Unser Körper

Prostitution - zwischen Ablehnung, Marginalisierung und Akzeptanz

Interview mit Eva van Rahden von SILA

EVA VAN RAHDEN: Eva van Rahden ist Gesamtkoordinatorin von Sila, einem Beratungszentrum für Prostituierte. Sila ist im Internet unter www.sila.or.at zu finden.

SJÖ: Wovon müssen wir ausgehen, wenn wir heute von Prostitution sprechen? Das heißt, wie viele Frauen arbeiten nach eurer Schätzung in der Prostitution?

Van Rahden: Es gibt registrierte und nicht registrierte Prostituierte. Es liegen Zahlen vor, dass zwischen 500 und 600 Frauen in Wien registriert sind, aber es wird geschätzt, dass es insgesamt ungefähr zwischen 5000 und 6000 sind.

SJÖ: Das heißt, viele dieser Frauen sind nicht registriert und arbeiten illegal. Welche Frauen arbeiten in der Prostitution? Lässt sich das sagen?

Van Rahden: 60 bis 80 Prozent der Prostituierten sind Migrantinnen. Sie stellen die größte Gruppe dar. Und es ist natürlich klar, dass Migrantinnen dann noch mal zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt sind, weil sie kaum Zugang zu Informationen, zum Gesundheitssystem oder zum Arbeitsmarkt haben. Wir verwenden in der Arbeit mit den migrierten Prostituierten auch die Methode der kulturellen Mediation, nach einer Methode die von Lefö/Tampep entwickelt wurde. Das heißt, es gibt Frauen, die in der Muttersprache der Frauen mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Da sie als Migrantinnen einen Bezug zur Kultur wie auch zur Migrationserfahrung der Sexarbeiterinnen haben, finden sie leichter Zugang zu den Frauen und können so Vermittlerinnen sein. Wenn man von Prostituierten spricht, ist es auch wichtig zu sagen, dass diese Gruppe sehr heterogen ist. „Die Prostituierte“ gibt es nicht.

SJÖ: Kann die Nachfrage von Seiten der Freier geschätzt werden

Van Rahden: Das ist ja ein Feld, das nicht sehr offiziell und intensiv beforscht wird. Aber ich weiß von Wien, dass Schätzungen vorliegen, die davon ausgehen, dass es am Tag 15.000 Kontakte gibt.

SJÖ: Wie sind die Geschlechterverhältnisse bei den NachfragerInnen? Lässt sich sagen, dass die meisten Männer sind?

Van Rahden: Davon ist auszugehen, ja. Unsere Beratungsstelle Sila ist ja ein Beratungszentrum für weibliche Prostituierte. Wir wenden uns an Frauen, weil ihr Anteil an in der Sexarbeit Tätigen 98% ist. Da ist der Anteil der Stricher gering. Und auch bei denen sind die Hauptnachfrager Männer.

SJÖ: Wie seht ihr diese Geschlechterungleichheit? Bedeutet die Tatsache, dass vor allem Frauen in der Prostitution sind, auch etwas für eure Arbeit?

Van Rahden: Dazu ist zu sagen, dass Sila von einem feministischen Ansatz ausgeht und uns natürlich bewusst ist, dass die Situation, wie sie sich jetzt darstellt, Ausdruck einer patriarchalen Struktur ist. Es ist so, dass wir die Ist- Situation akzeptieren und den Frauen mit einer solchen Haltung gegenübertreten. Uns ist auch wichtig, dass Sila einen pragmatischen und nicht einen moralisierenden Ansatz in der Arbeit mit den Prostituierten verfolgt. Häufig wird, wenn Hilfe angeboten wird, nur Hilfe zum Ausstieg angeboten. Uns ist wichtig, die Frauen in ihrer derzeitigen Lage zu unterstützen, Restriktionen, denen die Frauen ausgesetzt sind, zu reduzieren und Lobbying zu machen, dass ihre Arbeit als Arbeit anerkannt wird.

SJÖ: Wie sieht Sila das Thema der angeblichen „Freiwilligkeit“? Lässt sich der Anteil der Frauen, die sich aus freiem Willen prostituieren, schätzen?

Van Rahden: Freiwilligkeit nur im Kontext von Prostitution oder Arbeit in der Sexindustrie zu sehen, ist zu kurz gegriffen. Es gibt viele Bereiche, in denen Menschen nicht unbedingt freiwillig arbeiten, und daher denke ich mir, der Begriff der Freiwilligkeit hat, wenn er immer nur im Zusammenhang mit Prostitution diskutiert wird, auch mit Abwertung, Stigmatisierung und dem Opferstatus der Gruppe zu tun. Prostituierte werden nie als handelnde Subjekte gesehen. Hier ist auch die Trennung von Frauenhandel und Prostitution wichtig. Frauenhandel ist kriminell und unfreiwillig. Prostitution ist freiwillig, wie auch andere Bereiche der Lohnarbeit freiwillig sind.

Aus Deutschland gibt es Studien, die sehr deutlich belegen: Es hängt davon ab, in welcher Situation die Frau vor ihrer Entscheidung, als Prostituierte oder in der Sexindustrie zu arbeiten, gewesen ist, wie gut oder schlecht es ihr nachher geht. Je stärker Prostitution illegalisiert wird und mit Restriktionen bedacht wird, desto größer ist die Gefahr, dass es den Frauen schlechter geht, dass sie Gewalt ausgesetzt sind, dass die Arbeitsbedingungen schlecht sind, sie abgedrängt werden in Randbezirke, wo sie schlecht zu erreichen sind und wenig Unterstützung erfahren können.

SJÖ: Wie du bereits angesprochen hast, wird Prostitution ja oft in Zusammenhang mit Frauenhandel gebracht. Wie klar ist dieser Konnex wirklich?

Van Rahden: Ich bin keine Expertin für Frauenhandel, da würde ich die Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels empfehlen. Wir machen sehr viel Streetwork, und ich würde behaupten, dass wir die Betroffenen des Frauenhandels da auch nicht sehen. Die sind nicht offen auf der Straße oder in den Bars.

SJÖ: Es gibt unterschiedliche rechtliche Zugänge zum Thema Prostitution. Kannst du einen Überblick dazu und zur Situation in Europa und Österreich geben?

Van Rahden: Aus rechtlicher Sicht lassen sich vier unterschiedliche Zugänge zur Regelung von Prostitution ausmachen. Da gibt es das Prohibitionsprinzip, es bestraft alle mit Prostitution in Verbindung stehenden Handlungen und Personen. Dann gibt es das Abolitionsprinzip, dessen langfristiges Ziel die Abschaffung der Prostitution ist und nicht die Prostitution an sich unter Strafe stellt, aber wohl alle damit in Zusammenhang stehenden Handlungen wie Zuhälterei, Unterhaltung von Bordellen, Frauenhandel,... Die Prostituierten selbst werden aber nicht rechtlich belangt, da sie als Opfer angesehen werden. Dann gibt es das Regulationsprinzip, das Prostitution als notwendiges Übel toleriert und unter staatliche Kontrolle stellt, also staatliche Genehmigung von Bordellen und Rotlichtvierteln, Registrierung und Einkommenssteuerpflicht für Sexarbeiterinnen und Gesundheitskontrolle. Und dann gibt es das Entkriminalisierungsprinzip, das Sexarbeit als Form der Erwerbsarbeit anerkennt und sie entsprechend regeln will, das heißt, Prostitution entkriminalisieren und Ausbeutung von Frauen in der Sexarbeit rechtlich entgegen wirken.

Im Moment lässt sich sagen, dass die Tendenz in Europa sehr stark dahingeht, die schwedische Linie, also Bestrafung der Freier und Strafmaßnahmen, zu verfolgen. Dann gibt es die andere Tendenz – Deutschland, Holland – die eher dem vierten Prinzip entspricht, Sexarbeit als Arbeit anzuerkennen. In der Folge haben sich die Gewerkschaften zuständig gefühlt, eigene Abteilungen einzurichten und sich für die Belange und Interessen der Sexarbeiterinnen einzusetzen. In Österreich sind wir dazwischen: im Regulationsprinzip. Auch in der Gesetzgebung ist Prostitution nicht grundsätzlich verboten, sondern wird als „unsittliche Handlung“ bezeichnet. Das lässt natürlich einen großen Spielraum, gerade auch in der Judikatur – es wird nicht konkret benannt, was unsittlich ist, das ist ein Kritikpunkt.

SJÖ: Euer Büro liegt im 15. Bezirk in Wien. Wie sieht die Situation derzeit in eurem direkten Umfeld aus?

Van Rahden: Im 15. Bezirk ist es so, dass sich die Situation relativ zugespitzt hat. Es hat starke AnrainerInnenproteste gegeben, und es wird wohl zu einer Ausweitung des Sperrgebietes kommen. Es hat einen Mehrparteienantrag gegeben, der die Interessen der AnrainerInnen als höher zu bewertend darstellt als die Interessen der Prostituierten. Das ist aus menschenrechtlicher Sicht höchst problematisch und wir haben uns sehr stark dafür eingesetzt, dass es einen ExpertInnenarbeitskreis geben soll, weil das Ausweiten eines Sperrgebietes ohne Begleitmaßnahmen keine Lösung, sondern Verdrängung ist. Wir wünschen uns, dass im Sinne einer funktionierenden und nachhaltigen Lösung etwas gefunden wird, das für alle passend ist.

SJÖ: Danke für das Gespräch.

Steffi Vasold
Kati Hellwagner

vorheriges Bild Bild Pause/Fortsetzen nächstes Bild
vorheriges Video Video Pause/Fortsetzen nächstes Video
IMPRESSUM © sozialistische jugend
http://www.sjoe.at/