Interview
Trotzdem: Die SJ und die aks prangern mit ihrer Kampagne „Ficken?! – Klartext reden“ den veralteten Sexualkundeunterricht an. Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich in deiner Schulzeit gemacht und welche Missstände müssen bekämpft werden?
Heinisch-Hosek: In meiner Schulzeit war Aufklärung und Sexualerziehung noch nicht wirklich Thema. Vieles wurde tabuisiert und es gab im Rahmen des Unterrichts kaum Aufklärung. Diese beschränkte sich nur auf Biologieunterricht und das Benennen von Geschlechtsorganen. Heute wissen wir, dass Sexualerziehung ein ganz wesentlicher Bestandteil des Erwachsenwerdens sein muss. Denn sie ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Wissen um den eigenen Körper und Verhütung. Ebenso wichtig ist es, dass Verhütung keine reine „Frauensache“ ist, sondern beide Geschlechter gleichermaßen angeht. Das muss schon bei Jugendlichen und beim „Ersten Mal“ klar sein. In Gesprächen mit GynäkologInnen wird mir immer wieder bestätigt, wie schlecht das Wissen über Sexualität und den eigenen Körper ist. Besonders junge Menschen werden immer mehr durch Pornografie und einschlägige Internet-Seiten scheinaufgeklärt. Das erschreckt mich.
Trotzdem: Wie sollte deiner Meinung nach ein fortschrittlicher Unterricht aussehen und wie kann der geforderte neue „Sexkoffer“ optimal eingesetzt werden?
Heinisch-Hosek: Sexualkundeunterricht sollte nicht nur Thema des/der KlassenlehrerIn sein. Der Zugang – den auch die SJ fordert – externe, ausgebildete PädagogInnen stattdessen einzusetzen, halte ich für einen sehr guten Weg. Man muss auch die Medien und Kommunikations-Zugänge, die Jugendliche erreichen, nutzen - in den Schulen, vor den Schulen, in Kinos, in Jugendzentren und im Internet.
Klartext reden ist wichtig. Hier bietet z. B. auch die Online-Plattform Monanet wichtige Infos für Mädchen. Auch das Konzept des Love Bus in Niederösterreich oder des Mona-Mobils im Burgenland halte ich für ein Gutes. Darüber hinaus bieten z.B. die First Love Ambulanzen in Wien entweder vor Ort an Schulen oder direkt in der Beratungsstelle einen entsprechenden Rahmen für Aufklärung und Sexualkunde. Auch der neue, der heutigen Zeit entsprechende Aufklärungsfilm „Sex, we can?!“ hat meine ganze Unterstützung. Auf der Homepage des Unterrichtsministeriums finden sich zum Thema ebenfalls verschiedene Unterrichtsmaterialien und Anlaufstellen.
Trotzdem: Als Frauenministerin hast du erst vor kurzem mit der „Barbiefreien Zone“ für Jugendliche ein Angebot geschaffen, mit dem sie sich altersadäquat mit Frauenpolitik beschäftigen konnten. Und immer wieder betonst du, wie wichtig es ist, junge Frauen zu stärken. Welche Schwerpunkte und Aktionen möchtest du in Zukunft setzen, um Jugendliche von feministischer Politik zu begeistern?
Heinisch-Hosek: Die Anliegen von jungen Frauen und Mädchen bilden einen meiner Schwerpunkte. Hier ist es mir ganz besonders wichtig, dass wir Mädchen Wahlmöglichkeiten bieten. Nicht durch Zufall wählen 52 % aller weiblichen Lehrlinge ihren Lehrberuf aus lediglich 3 Lehrberufen. Tradierte Rollenbilder und unzureichende Berufsinformation führen dazu, dass Mädchen sich einerseits gewisse Fertigkeiten nicht zutrauen und andererseits gar nicht erst auf die Idee gebracht werden, vielleicht als Physikerin geeignet zu sein. Hier setzen z.B. Maßnahmen wie der Girls Day oder bewusstseinsbildende Kampagnen zum Thema atypische Berufswahl an. Auch die in ganz Österreich ansässigen Frauen- und insbesondere Mädchenberatungsstellen sind hier wichtige Kooperationspartnerinnen für mich. Neben der Berufswahl sind Mädchen mit einem sehr extremen Schönheitsideal konfrontiert. Das Bild der superschlanken makellosen „Idealfrau“ ist omnipräsent – sei es durch einschlägige TV-Sendungen oder andere Medien. Dies kratzt am Selbstbewusstsein der Mädchen und führt zu enormer Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Körper. Daher gilt es auch hier entschieden gegen den Schlankheitswahn, gegen Essstörungen und für mehr Empowerment von Mädchen einzutreten!
Laura Schoch, Naomi Dutzi
Trotzdem November 2009
Hintergrundinfos:
Seit 2008 ist die Niederösterreicherin Heinisch-Hosek Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst. Zuvor war sie zehn Jahre Nationalratsabgeordnete und von April bis Dezember 2008 Landesrätin für Gesundheit, Soziales und Jugendwohlfahrt in Niederösterreich
Die „Barbiefreie Zone“ ist eine Wanderausstellung, die vom Mädchenzentrum Amazone gestaltet wurde. Mit adaptierten Barbiepuppen werden jungen Frauen und Mädchen die Eckpunkte feministischer Arbeit adäquat näher gebracht: z.B.: Gewalt, Sexismus, Schönheitsideale, Migration
das sind: Einzelhandelskauffrau, Frisörin und Bürokauffrau
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