Donnerstag 17. Mai 2012

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Rollenbilder

Wirklicher Fußball

Über die Abseitsstellung des Frauenfußballs

Mit Fußball wird prinzipiell Männerfußball gemeint. Allein die Bezeichnung „Frauenfußball“ zeigt, dass Frauenteams das Andere im Fußball darstellen. In der Öffentlichkeit wird immer wieder das Bild von einem Sport reproduziert, den in erster Linie Männer verstehen, und der bei Frauen nur Langeweile hervorruft. In Wirklichkeit können Fußballerinnen auf eine lange Geschichte zurückblicken.

Es gibt Meisterinnenschaften – auch auf internationaler Ebene – und mittlerweile gründen Frauen auch eigene Fanklubs. Fußball zählt wohl zu einer der am meisten inszenierten Sportarten. Frauenfußball ist in den Medien jedoch so gut wie überhaupt nicht präsent, Fan-Artikel gibt es bis jetzt noch nicht.

Fußball hat seine Ursprünge in England. 1863 wurden die beiden Sportarten Rugby und Fußball getrennt, die Football Association gegründet und die bis heute gültigen Regeln aufgestellt. 1894 wurden in England die ersten Fußball-Klubs für Frauen gegründet, und ein Jahr später fand das erste bedeutende Spiel zwischen Nordengland und Südengland statt.

Während des 1. Weltkriegs konnte sich der Frauenfußball rasant weiterentwickeln, weil die Männer im Krieg kämpften und den Sport nicht für sich beanspruchen konnten. Zu dieser Zeit waren schon 53.000 ZuschauerInnen live dabei, als zwei englische „Frauschaften“ gegeneinander antraten. Zwischen 1910 und 1920 wurden auch in anderen Ländern, z.B. Schweden, Frankreich, Norwegen oder Deutschland, Teams gegründet. Um 1919 wurde in Österreich noch diskutiert, ob Frauen und Fußball überhaupt zusammen passten. Davor wurden Frauenfußballspiele nur für wohltätige Zwecke abgehalten und geduldet, weil sie keine Konkurrenz für den, wegen des Krieges brach liegenden, Spielbetrieb der Männer darstellen sollten. Nach dem 1. Weltkrieg versuchten die Männer, Frauen wieder aus dem Fußball zu verdrängen. Es sollte wieder die alte Geschlechterordnung hergestellt werden.

1924 wurde der erste Wiener Damenfußballklub „Diana“ gegründet und bis 1936 regelmäßig Meisterinnenschaften abgehalten. Der Fußballbund verbot es allerdings 1936, für Wettspiele zwischen Frauen Sportplätze oder Schiedsrichter zur Verfügung zu stellen. Da Versuche, Frauen mit Warnungen vor Gefährdungen der Gesundheit und der Gebärfähigkeit, und der Infragestellung der Weiblichkeit Fußball spielender Frauen vom Fußball abzuhalten, nichts nützten, wurde der organisierte Fußball für Frauen durch den Entzug von Ressourcen einfach unmöglich gemacht. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wurde der Frauenfußball endgültig verboten.

Noch in den 1950ern wurde behauptet, dass Leistungssport sich schlecht auf die Psyche und Physis der Frau auswirke, und das Treten der Bälle besonders männlich wäre. Der Frauenfußball wurde erst Ende der 1960er Jahre wieder belebt, und vor Mitte der 1970er finden sich keine Dokumente über Frauen und Fußball. Es ist kein Zufall, dass Frauenfußball in den späten 1960er Jahren, fast zeitgleich mit der zweiten Frauenbewegung, einen neuen Aufschwung erlebte. Zu dieser Zeit wurden in vielen europäischen Ländern Frauenteams gegründet und auch Meisterinnenschaften ausgetragen. 1970 fand die erste inoffizielle Fußballweltmeisterinnenschaft in Italien statt. Die Berichte darüber zeigten aber vor allem die Geringschätzung von Frauen. Als Folge mussten jedoch Staaten wie Deutschland, England oder Frankreich ihre noch immer bestehenden Verbote aufheben. Bis flächendeckend Nationalteams gegründet wurden, dauerte es aber noch. Das österreichische Frauenfußballnationalteam wurde bis 1990 verhindert. Das Argument des ÖFB: Zu teuer.

1991 wurde in China die erste Weltmeisterinnenschaft von der FIFA ausgerichtet. Seit den 1980er Jahren gilt der Frauenfußball als die am schnellsten wachsende Sportart. Diese „neue“ Euphorie wurzelt in den USA. Dort haben Frauen es geschafft, ihren Fußball zu etablieren. Der Männerfußball hat in den Vereinigten Staaten, anders als in Europa, keine weit zurück reichende Tradition. Soccer zählt nicht zu den „großen Vier“ des nordamerikanischen Sports – Football, Baseball, Basketball und Eishockey.

2001 wurde die Women’s United Soccer Association (WUSA), die erste Profiliga für Frauenfußball, gegründet. Die WUSA nahm die weltweit besten Fußballspielerinnen unter Vertrag. Damit erlangte der nordamerikanische Frauenfußball seinen Höhepunkt. Die USA gewannen fast alle wichtigen Turniere, und zu Spitzenzeiten verfolgten in den USA knapp 40 Millionen Menschen das Endspiel der WM 1999 vor dem Fernseher, knapp 90.000 ZuseherInnen waren live dabei. 2003 musste die WUSA allerdings wegen abnehmender Einschaltquoten wieder aufgelöst werden.

Auch in ostasiatischen Staaten wie Japan oder Korea konnte sich der Frauenfußball etablieren. Dort ist Fußball wie in den USA keine traditionelle Nationalsportart. In fast allen Ländern, in denen die Frauennationalteams zur Weltspitze gehören, sind die Leistungen ihrer männlichen Kollegen eher schlecht. Die einzige Ausnahme ist Deutschland. Das deutsche Nationalteam der Frauen hat letztes Jahr den begehrten WM-Pokal gewonnen, das der Männer stellt „nur“ den Vizeweltmeister.

Obwohl der Frauenfußball immer größere Erfolge zu verbuchen hat, war es ihm bis jetzt nicht möglich, auch nur ein Minimum jener Aufmerksamkeit in den Medien und der Gesellschaft zu erlangen, die der Männerfußball genießt. Diese Tatsache lässt sich recht einfach erklären. Alle für den Fußball und seine Öffentlichkeit wichtigen Bereiche werden von Männern besetzt. Vom Trainer über den Sportjournalisten bis zum idealen Fan werden, mit Ausnahme der USA, nur Männer präsentiert. Fußball hat sich zu einem Spektakel entwickelt, das von Männern für Männer veranstaltet wird. ExpertInnen verwenden in diesem Zusammenhang oft den Begriff „Reservate der Männlichkeit“. Im Fußball kann bis heute „echte“ Männlichkeit noch gelebt werden. In einer Welt, in der es sich für Männer nicht schickt Gefühle zu zeigen, können z.B. im Stadion Emotionen einfach zugelassen und inmitten von Männern neue Energien getankt werden. Dafür bedarf es männerbündlerischer Strukturen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie Frauen ausschließen.


Frauen müssen sich im Fußball besonders gut auskennen, um von Männern akzeptiert zu werden. Weiblichen Fans wird immer wieder durch sexistisches Verhalten der fußballinteressierten Männer klar gemacht, dass sie hier nichts zu suchen haben. In Deutschland haben Frauen in den letzten Jahren vermehrt männerfreie Fanklubs gegründet. Sie nennen sich „TivoliTussen“ oder „Titten Auswärts“ und nehmen mit ihren Namen oder Trikots häufig Männern ihre sexistische Munition vorweg und damit dem herrschenden Sexismus den Wind aus den Segeln. Als Frau alleine unter Männern ihre sexistischen Handlungen beim Spiel zu kritisieren, erweist sich als äußerst schwierig, weil Frauen sich dadurch selbst ausschließen und eigentlich ja Teil der Gemeinschaft sein wollen. In einer Gruppe ist es aber möglich, frauenfeindliche Aktionen aufzugreifen, zurückzuweisen und somit zu bekämpfen.


Die gelebte „Männlichkeit“ kann aber für Irritationen sorgen. Denn Handlungen, die im Alltag zumindest als homoerotisch bezeichnet werden würden, stellen im beim Fußball eben diese „Männlichkeit“ nur erneut unter Beweis. Die Verbindung von Homosexualität und Fußball bleibt jedoch ein Tabu. Der einzige Profispieler, der sich bist jetzt outete, brachte sich kurz danach um. Nicht nur unter Spielern darf die eigene Sexualität, wenn sie nicht der Heteronormativität entspricht, nicht gelebt werden, auch homosexuelle Fans sind nicht gerne gesehen. Mit homophoben Sprechchören grenzen „echte“ Männer sich von „falschen“ ab und reproduzieren so immer wieder Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexuellen. Indem immer wieder betont wird, dass ihre Gemeinschaft keine schwule ist, kann zugelassen werden, dass Männer auch zärtlich zueinander sind.

Schon die Geschichte des Frauenfußballs zeigt, dass sich für Frauen, die diesen Sport betreiben oder sich „nur“ dafür interessieren, massive Probleme ergeben. Sei es, dass ihnen das Spielen verboten wird, ihre Leistungen von der Öffentlichkeit nicht anerkannt werden, sie als Profis um vieles weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen oder ihnen einfach die Wege ins Stadion erschwert und sie als Fans nicht respektiert werden. Im Lauf der Zeit haben Männer den Fußball für sich beansprucht und eingenommen, und bis heute werden laufend die herrschenden Geschlechterverhältnisse reproduziert. Aber die Verbindung von Fußball und Männlichkeit ist nicht natürlich, sondern gesellschaftlich gewachsen und deshalb auch veränderbar.

Laura Schoch

"Trotzdem" Juli 2008

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