Der „neue“ Feminismus
Schon langsam sind die Ausläufer der Debatte um den medial konstruierten „neuen“ Feminismus auch hier zu Lande angekommen. Unter dem Schlagwort sammeln sich Alphamädchen, die neuen deutschen Mädchen, Charlotte Roche und dazu der passende Gegenpol: Eva Herman. Eigentlich hat es DEN Feminismus nie gegeben, und auch der „neue“ Feminismus ist nur ein alter Hut im neuen Kleid. Feminismus bezeichnet zwar ganz grundsätzlich den Kampf für eine gleichberechtigte Gesellschaft, aber da hören sich die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Denn diesen Kampf stellen sich viele Menschen sehr unterschiedlich vor.
Der „neue“ Feminismus hat noch nicht einmal laufen gelernt, da sieht er sich schon mit heftiger Kritik konfrontiert. Neben Alice Schwarzer haben auch unterschiedliche Journalistinnen, Schriftstellerinnen usw. zum Gegenschlag ausgeholt. Gleich vorab: Ich werde mich nicht mit Intimrasuren, Analfissuren und Körperflüssigkeiten beschäftigen. Die Debatte darum erscheint mir genug ausgeschöpft – wer mag, kann das ja im Internet nachlesen. Nur soviel dazu: Provokation allein ist weder neu noch zwingend revolutionär-politisch – Profit bringt es allemal.
Vielleicht kurz etwas zu den Büchern: Alphamädchen ist das, was der Titel verspricht. Es ist klein, hübsch und ein wenig frech. Es liest sich gut, und wenn du das Buch weglegst, hast du ein gutes Gefühl und bist dir sicher, dass wir alle – wenn wir es nur wollen – die Welt zum Besten verändern können. Einfach und in Mädchensprache wird gesagt, dass der Feminismus cool und sexy ist, und dass sich Mädchen heute nicht mehr durch Diskriminierungen nerven lassen sollen-wollen. Es ist ein Wir-machen-uns-die-Welt-wie-sie-uns-gefällt-Buch. Genau an diesem Punkt liegen die Stärken, aber auch die Schwächen der Alphamädchen. Es vermittelt jungen Frauen, dass Feminismus nichts mit frustrierten Emanzen zu tun hat, und dass es in der Welt nach wie vor tausende Dinge gibt, für die es sich lohnt, auf die Barrikaden zu steigen. Das andere Buch, das im Zentrum der Aufmerksamkeit steht ist „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Die Heldin des Romans, Helen, liegt im Krankenhaus und auf ca. 200 Seiten wird uns Roches Alternative zum gegenwärtigen Rasurzwang und der Hygienehysterie präsentiert.
Ein Aspekt scheint mir in dieser Debatte aber doch ein wenig zu fehlen. Was unter dem Begriff der Alphamädchen oder neuen Feministinnen diskutiert wird, erhebt meist den Anspruch auf Vollständigkeit. In jüngerer Zeit mehren sich aber die kritischen Stimmen, und es steht der berechtigte Vorwurf im Raum, dass diese Gruppe junger Frauen nämlich nur eines, und zwar weiße Frauen aus der Mittelschicht, und nicht alles ist. Sie schreiben so, wie die Welt, in der wir leben, sich darstellt: flexibel und individualisiert. Was zählt ist der eigene Körper, es geht um ein gutes Selbstgefühl (wie auch immer das erreicht wird), es geht um Selbstbestimmung, die bei einer reinen Ich-Bezogenheit hängen bleibt.
„Ich hasse es, wenn ich mir nicht selbst helfen kann [...] Ich verlasse mich ungern auf andere. Selber machen klappt am besten. Mir selbst ist am meisten zu trauen.“ (Roche, Feuchtgebiete, 188)
Dieses Themenspektrum bzw. der Fokus auf sich selbst und den eigenen Körper ist nicht zufällig: erst die gesellschaftliche Position erlaubt es, diese Themen in den Vordergrund zu rücken. Die materiellen Lebensgrundlagen dieser neuen Frauengeneration, der jetzt medial eine Stimme verliehen wird, sind nicht die selben Bedingungen, die eine Schichtarbeiterin vorfindet – und daher sind konsequenterweise auch die Themen und Interessen andere. Wie schon Clara Zetkin anmerkte: „Die bürgerliche Frauenbewegung ist nicht Vorkämpferin, Interessenvertreterin aller befreiungssehnsüchtigen Frauen. Sie ist und bleibt bürgerliche Klassenbewegung.“ Manche versuchen es doch durch das exzessive Gebrauchen des Begriffes „Wir“ zu überdecken. Ansonsten bleiben die Statistinnen auf der Bühne des neuen Feminismus in ihrer eigenen Klasse und in der Individualisierung stecken. Genau aus dieser von allen verinnerlichten Individualisierung kommt auch die Blindheit für andere Differenzkategorien, wie Klasse, Herkunft, sexuelle Orientierung usw. Ausgehend von der eigenen Lebenslage werden Girl-Power-Parolen los gelassen, die aber davon abweichende Lebensentwürfe gänzlich ausblenden. Sie blenden aus, dass es für viele Frauen nicht so einfach möglich ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dass viele Frauen einfach keine Wahl haben, und dass der von ihnen präsentierte Weg vor allem eines erfordert: genügend ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital.
Gerade die Frauen, die keine Stimme haben und von der Gesellschaft immer wieder – mit Ausnahme von Jahrestagen – totgeschwiegen und wieder einmal vergessen werden: Alleinerzieherinnen, Migrantinnen, Arbeiterinnen, Arbeitslose oder auch jene, die nicht in das klassische heteronormative bürgerliche Normsexualitätsgehäuse hinein passen. Das gesamte Gedankenkonstrukt des „neuen“ Feminismus bleibt daher immer nur im Rahmen des herrschenden Systems. Wie schon damals die bürgerliche Frauenbewegung, bleiben auch die „neuen“ Feministinnen auf dem Kapitalismus hocken und finden ihn nicht einmal erwähnenswert. Dass Geschlechterverhältnisse immer in einem gegebenen gesellschaftlichen System ausverhandelt, reproduziert und ausgelebt werden (müssen), wird kein einziges Mal reflektiert. Die eigenen Bedürfnisse werden zelebriert und als Frauenbefreiung verkauft, ohne in Frage zu stellen, dass unsere Wünsche und Bedürfnisse nicht einfach so in uns wohnen – auch sie haben wir uns in einer Gesellschaft angeeignet, die nun einmal beides ist: patriarchalisch und kapitalistisch.
Auch wenn sich vor allem die Alphamädchen dazu eignen, jungen Mädchen einen positiven Einstieg in die Thematik zu vermitteln, so bleiben die Gedankenspenden des neuen Feminismus doch an der Oberfläche – die tatsächlich vorhandenen Missstände bleiben da unangetastet. Und um nochmal Juli Zeh zu Wort kommen zu lassen: „Wenn öffentliche Selbstentwürdigung durch Vertierung ("Vagina Style") oder Infantilisierung ("neue Mädchen") tatsächlich das wäre, was von weiblicher Freiheit im 21. Jahrhundert übrigbliebe, dann gute Nacht.“
Carina Altreiter
"Trotzdem" Juli 2008







