Die Beseitigung des Kapitalismus bleibt das Ziel
Am 4. November 1894 konstituierte sich der Verein Jugendlicher Arbeiter, die Vorläuferinnenorganisation der Sozialistischen Jugend Österreich. Die Gründungsmitglieder waren Lehrlinge, die sich organisiert ihrer Ausbeutung durch die Lehrherren entgegenstellen wollten. Neben dem Kampf für ihre Rechte bildete gemeinsames Lernen und Diskutieren einen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten. Der Verein entstand aus dem Verständnis heraus, dass wir den Lauf der Dinge nicht einfach hinnehmen müssen, sondern dass die Welt, in der wir leben, aktiv verändert werden kann.
Die Geschichte der SJ ist eine sehr bewegte, die durch Höhe- wie auch Tiefpunkte gekennzeichnet ist. Dennoch bilden Werte wie Gleichheit, Solidarität, Demokratie, Antimilitarismus und Antifaschismus auch heute noch den Kompass des politischen Handelns der Sozialistischen Jugend und stellen den Hauptgrund dar, warum sich Jugendliche in der SJ organisieren. Heute wie damals ist der Kampf um Mitbestimmung der Jugend ein wesentliches Element in der politischen Arbeit der SJ. Um den AktivistInnen das geistige Werkzeug für ihre politische Arbeit zu liefern, nimmt die Bildungsarbeit innerhalb unserer Organisation immer noch eine zentrale Stelle ein.
Der Verein Jugendlicher Arbeiter benötigte allerdings 18 Jahre, um auch ein Verein für jugendliche Arbeiterinnen zu werden, denn erst 1912 wurden erstmals Mädchen und Frauen als Mitglieder zugelassen. Dies bringt uns zu einem weiteren Aspekt, der innerhalb der sozialistischen Jugendbewegung Jahrzehnte hindurch immer wieder eine unterschiedliche Bewertung erfahren hat - dem Feminismus und dem damit verbundenen Kampf.
Stellten die Frauen in den Anfängen der ArbeiterInnenbewegung den Kampf für eine sozialistische Gesellschaftsordnung über den Kampf um Emanzipation, so hat uns die Erfahrung gelehrt, dass der Kampf um eine gerechte Gesellschaftsordnung immer mit einem gleichzeitigen Kampf für die Rechte der Frauen verbunden sein muss. Innerhalb der Sozialistischen Jugend wurde mit der statutarischen Festlegung eines eigenen Budgets für frauenpolitische Arbeit am Verbandstag 2003 ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Es muss uns aber klar sein, dass auch die SJ die patriarchalischen Strukturen unserer Gesellschaft widerspiegelt. Aus diesem Grund wird es weiterhin notwendig sein, aktiv für gelebte Gleichberechtigung zu kämpfen.
Mit dem Verbandstag 2004 wird die SJÖ ein Grundsatzprogramm beschließen, das der Organisation als politischer Wegweiser in die Zukunft dienen soll. Einiges darin wird Ausdruck eines Kompromisses zwischen den einzelnen ideologischen Anschauungen innerhalb der SJ sein. Verbindendes Element bleibt allerdings das klare Bekenntnis zum wissenschaftlichen Sozialismus und das Festhalten an seinen Prinzipien, was gerade am Ausgangspunkt des 21. Jahrhunderts aktueller denn je ist.
Auch wenn von der Zeit der Industrialisierung und dem Beginn der ArbeiterInnenbewegung an bis zum heutigen Tag der Kapitalismus in seiner äußeren Form, auch durch den Kampf der ArbeiterInnenbewegung, Veränderungen vollzogen hat, so wird der Kampf für eine gerechtere, klassenlose Gesellschaft auch weiterhin das Ziel am Horizont unserer politischen Arbeit bleiben, weil wir fest davon überzeugt sind, dass es einen gezähmten und gezügelten Kapitalismus nicht geben kann, und die Befreiung der Menschheit nur durch die Beseitigung der Ausbeutung der Menschen durch Menschen erzielt werden kann. Nur die Beseitigung des Kapitalismus kann wirkliche Gleichberechtigung und Frieden auf der Welt in Aussicht stellen. Darum ging es vor 110 Jahren. Darum geht es heute!
Andreas Kollross
Verbandsvorsitzender der Sozialistischen Jugend Österreich (2000-2004)