Dienstag 9. Februar 2010
Auftaktveranstaltung zur Denkfabrik, Foto: Daniel Novotny
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Antifa

Das Wesen des Faschismus


"Der Faschismus erstrebt die zügelloseste Ausbeutung der Massen, tritt aber mit einer raffinierten antikapitalistischen Demagogie an sie heran. Aber welche Maske der Faschismus auch aufsetzen, in welcher Form auch auftreten und auf welchem Wege auch immer er zur Macht gelangen mag: Der Faschismus - das ist die grausamste Offensive des Kapitals gegen die werktätigen Massen... das ist der zügelloseste Chauvinismus und Raubkrieg... das ist der schlimmste Feind der Arbeiterklasse und aller Werktätigen!", Georgi Dimitroff, am 2. August 1935

Dimitroff, ein bekannter bulgarischer Arbeiterfunktionär, legte klar den wahren Charakter des Faschismus dar. Von solch klaren Definitionen sind jedoch heute viele AnalytikerInnen weit entfernt. Zwar sind die Verbrechen des Faschismus bereits allgemein bekannt, jedoch ist wenig davon zu hören, wer eigentlich Interesse an der faschistischen Machtübernahme hatte, und wer die Nazis jahrelang finanzierte.

Beliebt sind heute rein psychologische Erklärungsmuster. Der Faschismus hätte eben durch sein pompöses Auftreten ( Aufmärsche,Uniformen...) enorme Anziehungskraft gehabt. Obwohl uns heute der inszenierte Pomp und die Phantasieuniformen lächerlich vorkommen, mag das Ganze in der Zeit der Wirtschaftskrise wohl angekommen sein. Eine weitere Rolle spielen die charismatischen Führungspersönlichkeiten, die Massen wie durch Hypnose auf ihre Seite brachten. Während dieser Ansatz durchaus noch mit Massenphänomenen arbeitet, konzentrieren sich einzelne Arbeiten ganz auf die faschistischen Führungspersönlichkeiten.


Kindheitstraumata und Sexualneurosen von Einzelpersonen werden für die Terrorherrschaft verantwortlich gemacht. Mögen solche Phänomene ja durchaus die Ursache dafür sein, dass sich einzelne an diesem System beteiligten oder es sogar organisierten - die faschistische Machtübernahmelässt sich nicht durch Pesönlichkeitsstörungen erklären.


Kein typisch deutsches Phänomen

Weiters wird oft argumentiert, der Faschismus sei ein typisch deutsches und österreichisches Phänomen, da diese Völker besonders autoritätshörig seien.Dabei wird jedoch vollkommen übersehen, daß es nahezu in jedem europäischen Land eine faschistische Partei gab, an deren Machtübernahme das nationale Kapital jedoch meist nicht interessiert war und die meisten Parteien somit wieder in der Bedeutungslosigkeit versanken. Auch muss darauf hingewiesen werden, dass die NSDAP bei demokratischen Wahlen nie die absolute Mehrheit erreichte und zahlreiche Deutsche und ÖsterreicherInnen aktiven Widerstand leisteten.


Ein typisches Merkmal für die faschistische Ideologie sind die ihr innewohnenden Feindbilder. Der deutsche Faschismus vertrat einen extremen Antisemitismus,womit von den ungelösten sozialen Problemen und der schließlich verlorenen strategischen Lage abgelenkt werden sollte. Jüdinnen und Juden mussten in den Konzentrationslagern wie SklavInnen für deutsche Konzerne arbeiten. Auch dieLeichen der Opfer der industriellen Massenvernichtung wurden noch nach wirtschaftlichen Prinzipien verwendet (Goldzähne, Haare als Isuliermaterial....).


Allen faschistischen Parteien war die GegnerInnenschaft gegen die demokratischen Parteien und besonders der Antikommunismus zu eigen. Eine besonderes Merkmal des Antikommunismus war (und ist es auch noch heute), dass eindeutig nicht kommunistische Personen als Wegbereiter des Kommunismus dargestellt wurden.Auch die Gewerkschaften wurden verboten. Für Klassenkampf sollte kein Platzmehr im Führerstaat sein. Den Rest der faschistischen Ideologie bildet einSammelsurium aus irrationalen rassistischen, nationalistischen undmilitaristischen Anschauungen.


Führerprinzip

Eine wichtige Rolle dabei spielt das "Führerprinzip". Ein kultisch verehrter starker Mann soll alle Probleme des Landes lösen. Dazu kommt oft noch ein Ständestaatsmodell nachmittelalterlichem Vorbild. Die Frau wurde auf die Rolle der Gebärerin von Kriegern beschränkt, die einem rassistischem Ideal entsprechen sollten. Wie irrational das Weltbild der FaschistInnenen auch war, sie schafften es, sich in ihrer Propaganda nicht als Lobby der Monopolherrn und der Rüstungsindustrie darzustellen, sondern als Bewegung, die ein korruptes Zeitalter überwinden wollte, wenn auch mit archaischen Idealen und die besonders etwas für den"kleinen Mann" übrig hat.


Die NSDAP - anfangs eine obskure Kleingruppevon rassistischen Spinnern - wurde durch einflussreiche Förderer und die propagandistische Verarbeitung von sozialen Problemen zur Massenpartei. Den Kern der Anhänger(Inn)en schaft bildeten deklassierte Kleinbürger(Inn)en. Sie sahen sich in der Mangel zwischen Großkapital und ArbeiterInnenbewegung. Obwohl immer stärker verarmend und wirtschaftlich bedeutungslos, wollten sie sich weiterhin von der Arbeiterklasse abgrenzen. Die Nazis boten ihnen eine Verschwörungstheorie als ideologische Basis, nach der ein Zusammenhang zwischen der angeblich jüdischgeführten ArbeiterInnenbewegung und dem angeblich jüdisch kontrolliertem Teil des Großkapital bestehen soll.


Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Änderungen im NSDAP-Parteiprogramm. Wurde anfangs noch die "Abschaffungder Zinsknechtschaft" gefordert, so wurde der Passus später in "Abschaffung der jüdischen Zinsknechtschaft" abgeändert. Gegen andere Formen der Zinsknechtschaft war offensichtlich nichts mehr einzuwenden.Italien war das erste Land, in dem der Faschismus die Macht übernahm.


Faschismus in Italien

Das Wesen des Faschismus lässt sich daher gut am Beispiel dieses Landes darstellen.Italien hatte nach dem l. Weltkrieg seinen Einfluss auf Überseegebiete verloren. Das italienische Kapital hatte geringere Rohstoffquellen und Absatzmärkte. Die italienische ArbeiterInnenklasse begann sich verstärkt zuorganisieren. Das Volk hatte genug von den Kriegshetzern und Kriegsgewinnlern des l. Wettkrieges. Ländereien von Großgrundbesitzern wurden besetzt.


Andererseits gab es viele Offiziere, die durch den Frieden Beruf und Ansehen verloren hatten. Diese wurden von den Großgrund- und Fabriksbesitzern angeheuert, um in Kampfbünden gegen die Streikenden vorzugehen. Da es nicht sehr motiviert, auf Befehl der Kapitalisten gegen Streikende einzuschreiten, erklärten die Kampfbündler (fascio, ital. = Bund, daher die Bez. Faschisten), für den Schutz des Abendlandes vor dem Bolschewismus zu kämpfen. Sie behaupteten jedoch auch, gegen die herrschende Dekadenz vorgehen und eine sozial gerechte Ordnung einführen zu wollen. Das römische Reich sollte wiedererrichtet werden.


Durch diese Programmatik bekamen sie rasch neue Anhänger, die sich eine Verbesserung ihrer sozialen Lage erhofften. Mit den Kampfbünden konnten zwar die Streikenden bekämpft werden, die Kapitalisten wollten jedoch Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien ganz verbieten und Kolonien erobern, aus denen sie Rohstoffe und billige Arbeitskräfte gewinnen konnten. Daher wurden die Kampfbünde zur faschistischen Partei umorganisiert, die Macht im Staat erkämpfen sollte. Bei Wahlen konnten sie keine Mehrheiterzielen, aber durch die massive Unterstützung durch das Finanzkapital und den militärisch organisierten "Marsch auf Rom" erlangten die Faschisten die Macht.


Soziale Errungenschaften wurden rückgängig gemacht, Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien verboten und mit dem II. Weltkrieg sollten neue Kolonienfür das Kapital erobert werden. Die faschistische Terrorherrschaft richtete sich nicht nur gegen die ArbeiterInnenklasse, sondern gegen breite Bevölkerungsschichten, wie Bauern und Bäuerinnen, fortschrittliche KünstlerInnen und Intellektuelle.


Schließlich wurde der Faschismus durch den Widerstand des Volkes zerschlagen. Mussolini errichtete mit Hilfe deutscher Besatzungstruppeneinen einen von Hitlerdeutschland abhängigen Marionettenstaat. Der glühende Nationalist Mussolini rief fremde Truppen ins Land. Anhand dieser kurzen historischen Betrachtung sehen wir sehr gut, gegen wen der Faschismus gerichtet war und in wessen Interesse er arbeitete - nämlich im Interesse von Teilen des Kapitals und gegen das Interesse aller Werktätigen.


Faschismus als kapitalistisches Phänomen

Müssen wir bei den anfangs angeführten Erklärungsansätzen, die ja teilweise ihren wahren Kern haben mögen, nicht die Frage stellen, ob sie uns nicht vom wahren Wesen des Faschismus ablenken? Die wohl beste Faschismusdefinition lieferte uns Dimitroff:" Der Faschismus an der Macht... ist... die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals".


Faschismus ist ein kapitalistisches Phänomen. Wieso verwendete dann aber die NSDAP die Worte "sozialistisch" und "Arbeiterpartei"? Dimitroff hat in dem zu Beginn des Kapitels zitierten Text auf die antikapitalistische Demagogie der Faschisten hingewiesen. Durch die damals offensichtliche Krise des Kapitalismus musste sich die faschistische Bewegung in ihrer Propaganda teilweise vom Kapitalismus distanzieren. Die Erklärungen der Nazitheoretiker zum Wesen des "Nationalsozialismus" führen im Kern meist eine Zusammenarbeit von ArbeiterInnenn und Unternehmern an, die den Klassenkampf ablösen soll. Gerade vor der Machtübernahme stießen viele Menschen zum Faschismus, da sie tatsächlich eine sozialere Gesellschaftsordnung und antikapitalistisches Engagement erhofften.


Die faschistischen Führer erkannten die Wichtigkeit gerade dieser sozialpolitisch argumentierenden Aktivist(Inn)en, konnten damit doch wesentlich breitere Bevölkerungsschichten angesprochen werden, als durch bloßen Rassismus und Antisemitismus. Nach der Machtübernahme wurde diese Menschen jedoch zu einer Gefahr für den Faschismus. Was wäre, wenn sie die versprochenen sozialen Veränderungen nun wirklich einfordern würden? So wurden schließlich sogar zahlreiche Repräsentanten dieses Flügels ermordet (Strasser).


Man darf jedoch nicht den Fehler machen, den " linken" Flügel der NSDAP positiv zu bewerten. So wahren auch seine Vertreter radikale Rassisten und organisierten Überfälle auf GewerkschafterInnen und Anschläge gegen Kundgebungen der ArbeiterInnenparteien. Sie waren am Aufstieg des Faschismus beteiligt, auch wenn sie schließlich seine Opfer werden wurden.


Der Faschismus erfüllte für das Kapital zwei Hauptaufgaben: Einerseits waren die Faschisten schon vor der Machtübernahme als Schlägertrupps gegen die ArbeiterInnenorganisationen nützlich, andererseits konnte nach der Machtübernahme der Staat ganz im Interesse der agressivsten Kapitalfraktion umgebaut werden. An einer faschistischen Machtübernahme waren keineswegs alle Teile des Kapitals interessiert, sondern eben nur eine bestimmte Fraktion und das wieder nur in einigen Ländern.


War zwar der Faschismus die Diktatur dieser einen Kapitalfraktion, so hörte der Kampf zwischen den Kapitalfraktionen keineswegs auf. Das kann man an den fortdauernden Auseinandersetzungen innerhalb des faschistischen Systems erkennen. So wurde Mussolini schließlich von seiner eigenen Partei entmachtet. Für die heutige Situation ist es wichtig, rechtsextreme Ansätze bereits im Anfangsstadium zubekämpfen und v.a. auf die sozialen Ursachen einzugehen, die solche Ideen zum Massenphänomen werden lassen.

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