Mittwoch 8. Februar 2012
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Inhalt:

Austrofaschismus

Austrofaschismus: Politik – Ökonomie – Kultur


Der Austrofaschismus ist, da er im Schatten der Gräuel des NS-Regimes steht und nach 1945 kaum Gegenstand öffentlicher Diskussion war, ein weitgehend unerforschtes Gebiet. Die Neuauflage des gleichnamigen Buches analysiert detailliert den Ständestaat auf politischer, kultureller, ideologischer sowie wirtschaftlicher Ebene.

Das von Emmerich Talós und Wolfgang Neugebauer herausgegebene Buch ist wohl das umfangreichste und kompakteste Werk zum Themenkomplex Austrofaschismus. Es untersucht das Regime in seinen unterschiedlichen Aspekten wie dem politischen Selbstverständnis in Kontrast zur tatsächlichen politischen Realität, der Wirtschafts- und Sozialpolitik und des Repressionsapparates.

Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert, wobei der letzte eine Zusammenfassung darstellt. Im ersten Teil werden das politische Selbstverständnis und die Akteure (es handelt sich hier überwiegend um Männer) des Austrofaschismus behandelt. Erwähnenswert ist die seltsame Österreich- Ideologie des Ständestaats, die das „bessere Deutschtum“ propagierte und in Verkennung der außenpolitischen Realität einen kulturellen Führungsanspruch Österreichs über Südosteuropa stellte. Auch Antisemitismus war, wenn auch nicht Hauptbestandteil der Ideologie wie bei den Nazis, doch ein Merkmal des Austrofaschismus.

Der zweite Teil befasst sich mit der politischen Struktur, der Verfassung und der politischen Wirklichkeit. Hier ist noch einmal der massive Widerspruch zwischen Anspruch und Realität hervorzuheben. Die berufsständisch-„ harmonische“ Organisation gelang nur im Beamtenapparat und in der Landwirtschaftskammer, was auch die soziale Basis des Austrofaschismus widerspiegelt. Im dritten Abschnitt werden wirtschaftliche und soziale Realität unter die Lupe genommen. Zwischen Austro- und Nazi-Faschismus gab es beispielsweise in der Bevölkerungspolitik eklatante Unterschiede. Beide Regime wiesen den Frauen eine untergeordnete Rolle als „Gebärmaschinen“ zu. War für die Nazis jedoch jeder den „Nürnberger Rassegesetzen“ entsprechende Geburt erwünscht, war für den Ständestaat nur jener Nachwuchs wertvoll, der ohne Inanspruchnahme der Fürsorge durchgebracht wurde. Für das Regime in Österreich galten die Kinder der Ausgesteuerten und Arbeitslosen als minderwertig.

Das Buch ist ein Standardwerk für all jene, die sich eingehend mit dem Thema Faschismus auseinandersetzen wollen. Gerade in einer Zeit, in der in ganz Europa faschistische Parteien die Macht ergriffen, erscheint im Vergleich die spezifische österreichische Ausformung als eine kuriose aber auch tragische historische Entwicklung, die letztendlich im Terror des NS-Regimes münden musste.

Wolfdietrich Hansen

Trotzdem August 2005

Buchtipp:
Emmerich Talós / Wolfgang Neugebauer (Hg.), Austrofaschismus. Politik – Ökonomie – Kultur 1933-1938, Lit Verlag, Wien 2005, 19.90 Euro


Link:
Lit Verlag

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