Mittwoch 8. Februar 2012
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Inhalt:

Austrofaschismus

Der Republikanische Schutzbund

Bilanz einer gescheiterten Strategie

Nachdem die alte Ordnung mit dem Ende des Ersten Weltkrieges zusammengebrochen war, machte sich innerhalb der Sozialdemokratie vor allem der linke Flügel um Otto Bauer und Julius Deutsch für die Aufstellung eines neuen Militärapparates stark, doch nicht als Fortsetzung der K. und K. Armee, sondern als Schutztruppe für die noch junge Demokratie.


Aufs erste mag das paradox klingen: In einer Situation, in der wie nie zuvor von den allermeisten Menschen Pazifismus als das Gebot der Stunde betrachtet wurde, als nichts unter ArbeiterInnen so verhasst ist wie Krieg und Militär, als Offizieren in den Straßen die Rangabzeichen von den Uniformen gerissen und sie als besiegte Anhänger des monarchistischen Systems beschimpft und verhöhnt werden – in genau dieser Situation gilt das Hauptaugenmerk der Linken dem Aufbau einer neuen Armee.

Der spätere Oberbefehlshaber des Schutzbundes, Julius Deutsch, meinte zu diesem scheinbaren Widerspruch: "War man pazifistische gesinnt, dann musste man die Kasernen meiden und den Aufbau eines neuen Heeres zu verhindern versuchen. Stellte man sich aber auf den Boden der Revolution, dann galt es, gerade umgekehrt zu verfahren, nämlich selbst in die Kasernen einzudringen und eine revolutionäre proletarische Wehrmacht aufzustellen. Selbst wenn man nämlich nicht an die Möglichkeit einer durchgreifenden, gesellschaftlichen Umwälzung in diesem Augenblick glaubte, musste man auf die Aufstellung einer verlässlichen Truppe bedacht sein, um wenigstens das schützen zu können, was die ArbeiterInnenklasse bisher erreicht hatte: die demokratische Republik."

Mit anderen Worten: Die junge Demokratie, die dem Kaiserreich gefolgt war, hatte keineswegs nur FreundInnen. Viele jener, die zu Kaisers Zeiten privilegiert gewesen waren bangten nun um ihre Positionen und fürchteten einen sozialen Abstieg. Großgrundbesitzer, Aristokratie, Fabriksbesitzer und Bankiers, denen die kurz vorangegangene russische Revolution noch allzu gut in Erinnerung war, fürchteten eine ähnliche Entwicklung auch in Österreich. Hinzu kamen viele aus dem Krieg heimkehrende Soldaten die vom Krieg schwer traumatisiert nicht mehr ins zivile Leben zurückfanden und sich durch die Wirtschaftskrise jeglicher Perspektiven beraubt sahen. Sie alle waren geeint im Hass auf die junge Republik und wollten sie lieber heute als morgen wieder beseitigt sehen.

Entsprechende Versuche des abgesetzten letzten Habsburgerkaisers in Ungarn durch einen Putsch wieder an die Macht zu kommen zeigten deutlich, dass es bei verbalen Hasstiraden gegen die Republik auch in Österreich vermutlich nicht bleiben würde. Die AnhängerInnen der Republik standen daher vor der Frage, tatenlos auf rechte Versuche die "alte Ordnung" wieder her zu stellen zu warten, oder Vorkehrungen zu treffen, reaktionäre Umsturzversuche im Keim zu ersticken. Die österreichische Sozialdemokratie entschied sich für die zweite Variante und sicherte damit nicht nur die Republik als solche sondern auch alle in ihrem Rahmen erreichten Zugeständnisse an die Arbeitenden.

Noch in Kriegszeiten hatte der ehemalige KuK-Offizier Deutsch Pläne für ein republikanisches Militär entworfen und konkrete Vorbereitungen zu dessen Schaffung getroffen. Als mit dem Ende der Monarchie auch deren Armee unterging, und die heimkehrenden Soldaten zu hunderttausenden in endlosen Kolonnen durchs Land zogen wurde in Wien die "Volkswehr" gegründet, in der Soldaten für 6 Kronen Taggeld Dienst taten. Die Sozialdemokratie sorgte für systematische Eintrittswellen eigener Anhänger, was durch die herrschende Massenarbeitslosigkeit erheblich erleichtert wurde, und sicherte sich damit Einfluss auf das Treiben hinter den Kasernenmauern.

Um ein Gegengewicht zu den mehrheitlich monarchistischen Offizieren zu bilden, wurde auch das gewerkschaftliche Organisationsmuster aus den Betrieben übernommen: In der Volkswehr entstand ein Vertrauensmännersystem, die "Soldatenräte", ohne deren Zustimmung im neuen Militär gar nichts ging – sie waren die eigentlichen Träger der Autorität, und mit ihnen die Sozialdemokratie.

Die Bürgerlichen bemühten sich deshalb nicht ohne Grund, bei den Friedensverhandlungen mit den Alliierten zu erreichen, dass Österreich eine eigene Armee gänzlich untersagt wurde. Zur alleinigen bewaffneten Macht im Staat sollten auf Wunsch von Christlich-Sozialen und Deutschnationalen Polizei und Gendarmerie werden, die nach wie vor mehrheitlich rechts standen. Dem Wunsch wurde von Seiten der Alliierten nicht in vollem Ausmaß entsprochen, allerdings griff die Rechtsregierung, die 1920 der Koalition von Christlich-Sozialen und Sozialdemokratie folgte, zur Selbsthilfe. Innerhalb weniger Jahre machte sie durch Entlassungen, Versetzungen und Ausschaltung der Soldatenräte den sozialdemokratischen Einfluss auf das Militär zunichte.

In dem Maß, in dem der Einfluss der Sozialdemokratie auf die Armee sank, stiegen gewalttätige Übergriffe und Morde rechter Banden, die sich in "Heimatschutz" bzw. "Heimwehren" organisiert hatten und von Unternehmerverbänden, Großgrundbesitzern aber auch der katholischen Kirche großzügig unterstütz wurden. Nach der Ermordung des Semperit-Betriebsrats Karl Birnecker Anfang 1923 in Wien war auch der letzte Rest Unklarheit beseitigt: der organisierten Gewalt von Rechts musste eine organisierte Verteidigung von links entgegenstellt werden.

Mit der Gründung des Republikanischen Schutzbundes wurden zunächst nur bereits bestehende Arbeiterwehren organisatorisch unter einem Dach erfasst. Von einer nach traditionellem Muster militärisch disziplinierten Parteiarmee war die neue Organisation allerdings weit entfernt: Wert gelegt wurde neben der "Wehrhaftmachung" besonders auf politische Erziehung und der Schutzbund wurde zu einer Gruppe mit regem Eigenleben und eigener Organisationskultur. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre wurde die Gefahr, die Demokratie könnte durch die Bürgerlichen beseitigt und durch eine Diktatur ersetzt werden, immer realer.

Daher wurde 1927 der Schutzbund neu organisiert: Durch die Reduzierung auf seine militärische Funktion fand eine folgenschwere Entpolitisierung statt, die interessanterweise besonders Theodor Körner, an sich keineswegs ein Parteilinker, vehement kritisierte. Er hielt diese "geistlosen Militarisierung" für katastrophal und den Versuch für aussichtslos, ein "Konkurrenzunternehmen" zum herkömmlichen, besser ausgerüsteten und gedrillten Militär schaffen zu wollen. Statt dessen plädierte er dafür, sich in einem Stadtguerilla-Kampf jene Stärken der ArbeiterInnenbewegung zunutze zu machen, über welche die Gegenseite nicht verfügte.

Bruno Kreisky kommentierte die Kritik Körners und die fatalen Auswirkungen des neuen Schutzbundkonzepts in einem Interview später so: " ... Es hat einen weiteren furchtbaren strategischen Fehler gegeben. Unter dem Kommando von Alexander Eifler, der ja ein Militär war, und unter denen, die den Schutzbund organisiert hatten, hat man die These vertreten: Zivilisten sollen sich von Kämpfen fernhalten. Das machen wir, wir sind die Armee. Das war konzeptiver Wahnsinn. Entweder, man bereitet sich auf einen Bürgerkrieg vor, dann muss jeder an die Front, auch jede Frau, dann muss alles mobilisiert werden, oder man hat eine Privatarmee. Nun ist der Kopf des Schutzbundes ein paar Tage vor den Kämpfen verhaftet worden und damit war der ganze Schutzbund beim Teufel."

Die hausgemachten Fehler für die Niederlage der Linken während der Februarkämpfe 34 waren mit Sicherheit mannigfaltig. Doch die sture Durchmilitarisierung des Schutzbundes trug mit Sicherheit das ihrige zur schließlichen Niederlage bei.

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