“Hinein, tummelt`s euch, holts euch Gewehre”
Franz Jurica (SAJ Wien-Ottakring):
Am Vormittag des 12. Februar war ich in Sandleiten, im Jugendheim, um mit ein paar Genossen zu sprechen. Mittags wollte ich nach Hause gehen und anschließend in unser Bereitschaftslokal. Ich bin auf die Straße hinaus, Ecke Wilhelminenstraße war eine große Uhr, die Uhr stand. Ich war der Meinung, es müsste schon viel später sein. Dann haben wir die Straßenbahn gesehen, der 46er steht. Wir haben jemanden gefragt, was los ist. Sagt er: "Wisst ihr es nicht, gestreikt wird! Generalstreik!".
Ich bin gleich nach Hause gelaufen, habe den Rucksack geholt. Das war in der Vorschrift, wenn es soweit ist, nichts mitnehmen, außer dem Rucksack. Mit dem Rucksack bin ich in das Bereitschaftslokal gelaufen, dort waren bereits Wehrsportler versammelt. Unser Kommandant sagte, wir müssen ein Kommando zur Alarmabteilung des Schutzbundes schicken, zur Verstärkung. Mit dieser Gruppe bin ich zum Fritz Thuma gegangen. Er hat gesagt: "Kommt´s hinauf in meine Wohnung, aber unauffällig."
Wir sind schön langsam in Abständen zu seiner Wohnung gegangen, am Richard-Wagner-Platz im 1. Stock. Man konnte gut auf die Straße sehen. Wir haben gewartet. Dann sind die Burschen von der Alarmabteilung gekommen. Dann ist die Polizei die Hasnerstraße heraufmarschiert. Eine Kompanie, bewaffnet, Karabiner und Stahlhelme, schwarze Mäntel, wintermäßig, es war ja noch kalt. Sie sind heraufmarschiert, zur Panikengasse, zur Polizeiwachstube. Wahrscheinlich haben sie befürchtet, dass die Wachstube gestürmt wird. Wir sind sehr nervös geworden.
Frauen haben uns in ihren Einkaufstaschen Handgranaten und Schmiervasen gebracht. Das waren ziemlich primitive Handgranaten, und um sie zur Explosion zu bringen, benötigte man eine Streichholzschachtel. Wir haben uns jeder zwei in den Sack gesteckt und verzweifelt nach Streichhölzern gesucht. Die Frauen haben uns auch Zündholzschachteln besorgt. Wir haben weiter gewartet. Nach einer Weile hat es geheißen, einer nach dem anderen soll losgehen, aber möglichst unauffällig.
Als erster ist der Thuma weg, alle zehn Sekunden der nächste, ihm folgend, in die nächste Gasse hinauf, in die Haymerlegasse. Wir sind kaum ums Eck gebogen, haben wir den Thuma schon stehen gesehen, gleich beim zweiten Haus, mit einem Stahlhelm auf und einem mächtigen Revolver. Einen uralten Trommler, den er ausgegraben hatte. Mit dem ist er da gestanden, hat herumgefuchtelt. "Hinein, tummelt´s euch, holt´s euch Gewehre".
Es war ein altes Haus, ein Altbau, da sind wir hineingestürzt, zum Keller, und der Keller war zugesperrt. Von Gewehren keine Rede, der Fritz Thuma war nervös, ist hinuntergekommen: "Na, was ist?" Der Keller war zu. `Der Hausmeister hat die Schlüssel`. Der Hausmeister war natürlich nicht zu finden. Jetzt hat er mit dem gewaltigen Revolver das Schloss durchgeschossen. Das Kellerabteil haben wir noch aufbrechen müssen und fanden die Kisten mit den Gewehren. Die waren eingegraben, aber bloß mit einer dünnen Schicht bedeckt. Wir haben die Gewehre herausgezogen, jeder hat sich einen Karabiner geschnappt, jeder hat sich noch zwei Magazine in die Taschen gesteckt. Alles hat sehr schnell gehen müssen, und auf der Straße hat es schon eine Ansammlung gegeben.
Auf einmal hat einer geschrieen: "Polizei ist im Anmarsch." Die Nervosität ist noch ärger geworden, mit Mühe und Not habe ich im Laufen das Magazin ins Gewehr hineingeschoben und raus auf die Straße. Wir sind bis zur Koppstraße gelaufen. Wie wir ums Eck kommen, ich war so im hinteren Teil der Gruppe, ist vorne schon geschossen worden. Die Polizei ist die Koppstraße runtermarschiert, über die ganze Straße, in Ketten, formiert und die Gewehre im Anschlag. Es war wahrscheinlich so, und das war unser Glück, dass die genauso überrascht waren wie wir, weil die hätten uns glatt über den Haufen schießen können.
Es ist zu einer unregelmäßigen Schießerei gekommen, wir haben im Laufen geschossen, ohne Ziele, eben auf das Ganze da vor uns. Dann ist schon gezielter geschossen worden, und wir haben uns hinter Bäumen verschanzt. Die Polizisten sind auch auseinandergespritzt, ein paar von ihnen sind umgefallen, es hat schon ein paar Treffer gegeben. Auf einmal haben sie sich zurückgezogen, fluchtartig, haben die mitgeschleppt, die gelegen sind, und sind zur Panikengasse geflohen, gleich ums Eck.
Der Vorteil, den wir hatten, war vorbei, denn wenn wir ums Eck gekommen wären, wären wir im Schussfeld der Polizeiwache gewesen, das haben wir nicht riskieren können. Wir haben uns in einen Gemeindebau zwischen Haymerlegasse und Koppstraße zurückgezogen. Bei den Toren haben wir Posten aufgestellt, und Fritzl Thuma hat einige auf das Dach hinaufgeschickt. Dann habe ich gehört, dass bei uns zwei Leute fehlen, wir haben zwei Tote gehabt, die auf der Straße gefallen sind.
Wir sind also auf dem Dach oben gewesen, auf einmal ist von der Radetzkykaserne geschossen worden. Die haben Scharfschützen postiert und waren anders ausgerüstet als wir, die haben auch getroffen. Der Fritzl Thuma hat einen Schuss in die Hüfte gekriegt. Wir haben ihn vom Dachboden heruntergetragen, er war bei Bewusstsein, die ganze Seite war aufgerissen, der Mantel zerfetzt, alles war blutig. Wir wollten ihn in einer Wohnung hinlegen, wir konnten ihn doch nicht auf die Erde im Hof legen. Die Leute haben uns nicht aufgemacht, wir haben gepumpert. Endlich hat sich einer gefunden und hat gesagt: "Bringt ihn zu mir."
Es ist finster geworden und wir haben die Schießerei vom Arbeiterheim gehört. Dieses ist nicht weit entfernt, und wir hörten dazwischen Maschinengewehrfeuer. Wir wollten mit denen Verbindung aufnehmen und haben den Franzl Meier hingeschickt. Aber er ist zurückgekommen und hat gesagt: "Da kommt man nicht durch". Wir haben weiter gewartet, es wurde Nacht. Nach Mitternacht haben wir Artillerieschüsse gehört, ganz in der Nähe, und gewusst, das muss beim Arbeiterheim sein.
Keiner hat gewusst, wie es aussieht, wo man hin soll. Wir saßen in einer Mausefalle. Wenn es hell wird, dann wird ganz bestimmt die Polizei kommen. Die Verteidiger des Ottakringer Arbeiterheims haben sich in der Früh zurückgezogen. Vom Wehrsport und von der SAJ waren Barrikaden gebaut worden. Um dieselbe Zeit, wie die das Arbeiterheim geräumt haben, sind auch wir aus dem Gemeindebau raus, solange es noch dunkel war. Wir haben sonst keinen Schutz mehr gehabt, und von der Kaserne hätte man uns unter Beschuss nehmen können, die Straße ist frei gelegen.
Irgendwie ist es uns gelungen, wegzukommen. Wir sind über Privathäuser bei den Fenstern raus. Jetzt hat jeder auf eigene Faust versucht durchzukommen. Ich bin in Richtung Arbeiterheim, aber es war alles abgesperrt, nicht nur von der Polizei, hauptsächlich waren dort Heimwehr und Bundesheer. Später habe ich die Nachricht erhalten, dass ich gesucht werde. Ich bin natürlich nicht mehr nach Hause, sondern habe im Garten bei meinem Vater am Satzberg geschlafen. Mein Vater hat großes Verständnis für die Sache gezeigt. Er hat nicht viel geredet, nur gefragt, ob ich etwas bei mir habe, was die Polizei interessiert. Einen Revolver habe ich noch gehabt. Er hat gesagt: "Gib her, den lasse ich verschwinden." Dann hat die Jagd angefangen.
Franz Jurica konnte sich in die Tschechoslowakei durchschlagen und ging noch 1934 in die Sowjetunion ins Exil










