Im Namen Gottes
Was ist "Politischer Katholizismus"?
Die Elite der Christlich-Sozialen Partei rekrutierte sich ebenso wie jene des "Ständestaates" zum allergrößten Teil aus der Katholischen Kirche und ihrem Umfeld. Keine andere Interessensgruppe profitierte derart von der Diktatur zwischen 1934 und 1938 wie die katholische Kirche. Aber mit diesen Feststellungen alleine die Rolle der Kirche bzw. des politischen Katholizismus bei der Beseitigung der Demokratie und der Aufrichtung der Diktatur erklären zu wollen wäre zu kurz gegriffen.
Wovon ist nun die Rede, wenn wir vom "politischen Katholizismus" sprechen? Zu den wichtigsten Forderungen der Aufklärung gehört die strikte Trennung von Religion und Staat. Es sei, wurde proklamiert, allen Menschen selbst überlassen, sich Gedanken über das woher und wohin des Menschen und seiner Seele zu machen. Ob wir nach unserem Tod aber einfach nur in einer Holzkiste vermodern oder aber gen Himmel fahren solle keinerlei Einfluss darauf haben, wie das gesellschaftliche Leben auf Erden organisiert werden solle. Zu verheerend war die Vermengung von Politik und Religion in der Vergangenheit gewesen, als dass den Kirchen im Zeitalter der Vernunft weiterhin der gleiche enorme Einfluss zugebilligt werden durfte wie zuvor. Im Namen keiner Religion sollten mehr Kriege geführt, Menschen ausgegrenzt und umgebracht, Herrschaft legitimiert und Wissenschaft kontrolliert und gelenkt werden. Religion sollte von nun an bloße Privatsache sein und keinen darüber hinausgehenden Einfluss mehr auf Staat und Gesellschaft haben.
Wo mit bürgerlichen Revolutionen das Gedankengut der Aufklärung gesiegt und sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten hatte festigen können, waren (und sind) diese Vorstellungen unumstrittene Eckpfeiler des allgemeinen Demokratieverständnisses. Nicht so in Österreich. Das Habsburgerreich hatte Macht und Reichtum der Katholischen Kirche niemals in Frage gestellt, sondern im Gegenteil immer gegen alle liberalen und sozialistischen Bestrebungen wütend verteidigt. Der Klerus dankte es den KaiserInnen mit unverbrüchlicher Loyalität und der Verankerung einer irrationalen Ideologie in den Köpfen der gläubigen Massen, die jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit der "gottgewollten Herrschaft auf Erden" von vornherein ausschloss. Unter "politischem Katholizismus" wird nun generell der Versuch der Kirche zusammengefasst, ihren Einfluss auf das politische Leben gegen die Säkularisierung ("Verweltlichung") der Gesellschaft durch die Aufklärung zu verteidigen.
Kirche und Kapitalismus: Stand oder Klasse?
Schon lange vor dem Zusammenbruch der Monarchie war die traditionelle, von der Kirche dominierte Lebensform des Mittelalters massiven Veränderungen von außen ausgesetzt gewesen. Die Gesellschaft gliederte sich im großen und ganzen seit dem 10. Jahrhundert in drei ordines, also drei Stände. Während die ersten beteten, hatten die zweiten zu kämpfen, und die dritten schließlich zu arbeiten. Über allem stand Gott bzw. der Kaiser als sein weltlicher Vollstrecker. Jede/r hatte in diesem Gesellschaftsmodell einen fixen Platz.
Das Mittelalter, das für ihn die "Hochblüte der deutschen Kultur" war, nannte Dollfuß in seiner berühmt-berüchtigten Rede auf dem Trabrennplatz im September 1933 "jene Zeit, in der der Arbeiter gegen seinen Herrn nicht aufstand und organisiert war". Damit sprach der spätere Diktator den Kirchenfürsten aus der Seele: Statt die gottgewollte Hierarchie in Frage zu stellen, hätten in diesen seligen Zeiten eben alle widerspruchslos gewusst wo ihr Platz war – ob in den behaglichen Gemächern der Schlösser und Klöster oder im fraglos nicht ganz so bequemen Verschlag für das "Gesinde".
Mit dem Ende der Feudalgesellschaft und dem Siegeszug des Kapitalismus seit dem 18. Jahrhundert vollzog sich der Übergang von der Gesellschaft der Stände zur Klassengesellschaft. In den Industriezentren begannen Arbeitende, ihr Elend nicht mehr einfach hinzunehmen. Was früher aufgrund der überschaubaren und leicht kontrollierbaren ländlichen Struktur massiv gehemmt worden war, vollzog sich nun in den Industriezentren innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit. Unter den gleichen furchtbaren Lebensbedingungen leidend, begann sich das Proletariat in den Städten zu organisieren um ein menschenwürdigeres Schicksal gegen die Herrschenden durchzusetzen. Die Kirche stand solchen Bestrebungen natürlich ablehnend gegenüber. Allerdings konnte auch sie nicht ganz umhin einzusehen, dass die Ursache für Revolten und Aufruhr in der Armut breiter Bevölkerungsschichten lag.
Die Antwort lag aus Sicht des Klerus in einer Rückbesinnung auf das verklärte Mittelalter und seine Gesellschaft der Stände. Jeder solle seinen Platz haben und akzeptieren. Der "hasserfüllte Klassenkampf" von unten müsse ein Ende haben. Die Reichen sollten im Gegenzug schon im eigenen Interesse doch bitte niemanden verhungern lassen. Es sei recht und billig, von den Herrschenden Gnade zu erbitten und Brot zu erhoffen. Es aber zu fordern wäre Kommunismus. Dieses Prinzip – Mildtätigkeit als Christenpflicht der Reichen statt dem Recht auf gleiche Teilhabe aller am Reichtum der Welt - ist bis heute der Kerngedanke der katholischen Soziallehre.
Die Macht der Kirche in der jungen Republik
Als der – in naher Zukunft heilige – Kaiser Karl I am Ende des Ersten Weltkrieges davongejagt und Österreich zur Republik geworden war, hatte es die einzige demokratische politische Kraft im Land, die Sozialdemokratie, nicht nur mit feindlich eingestellten Parteien zu tun. Mit der Katholischen Kirche stand ihr ein Gegner gegenüber, der über beispiellose Möglichkeiten verfügte, die Meinung im Land in seinem Sinne zu beeinflussen. Daran, dass sie von dieser Möglichkeit ausgiebig Gebrauch machen würden, ließen die Männer Gottes von vorneherein keinen Zweifel aufkommen. Landauf, landab wetterten Pfarrer wütend von den Kanzeln gegen den ersten Paragraphen der neuen Verfassung, der besagte: "Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volke aus." Einen Staat, dessen Recht sich nicht von Gott, sondern vom Volk herleite könne kein Christ wollen, hieß es.
Die Macht der Kirche beruhte wesentlich auf zwei Eckpfeilern. Zum einen waren die Eliten in Beamtenapparat und Wirtschaft nach 1918 weitgehend die selben wie schon in der Monarchie. Abgesehen von einer kleinen Minderheit antiklerikaler Deutschnationaler waren sie konservativ-katholisch geprägt und standen in Anbetracht ihrer eigenen gefährdeten Privilegien der antirepublikanischen Hetze der Kirche durchaus offen gegenüber. Andererseits hatte der Klerus besonders in den ländlichen Regionen eine beispiellose Möglichkeit, soziale Kontrolle auszuüben. Bei einer Quote von 70 – 80% der Gesamtbevölkerung, die zumindest einmal wöchentlich der Messe beiwohnte ist dies kaum verwunderlich. Keine andere Organisation hatte die Möglichkeit, einmal wöchentlich praktisch allen die irgendwie kreuchen und fleuchen konnten zu vermitteln, wer für das gute und rechte in der Welt stand, und wer im Dienste des Satans Politik machte.
Der Pfarrer bestimmte in der österreichischen Provinz, wer als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft zu gelten hatte (und wer nicht), welche Form des Umgangs miteinander gepflogen werden sollte, wie also das kulturelle, soziale und damit zu wesentlichen Teilen auch das politische Leben auszusehen hatte. Ein großes Netzwerk von Vorfeldorganisationen, Studentenverbindungen und nicht zuletzt der katholische Einfluss auf das Schulwesen sollten den Fortbestand dieser katholischen Eliten auch in Zukunft sichern.
Die Schützenhilfe für antidemokratische Kräfte
Mit der Demokratie als solcher konnte der Klerus schon wenig genug anfangen. Mit denen, die sie erkämpft hatten, der ArbeiterInnenbewegung, allerdings noch viel weniger. Die Hoffnung der Kirche ruhte daher auf Männern die ihren Abscheu gegen die Demokratie teilten, wie die Wiener Christlich-Sozialen Ignaz Seipel, Kurt Schuschnigg oder auch Engelbert Dollfuß, aber auch auf strammen Deutschnationalen (und späteren Nazis) wie Arthur Seyss Inquart. Breite Unterstützung der Kirche fanden auch die Heimwehren in ihrem Kampf gegen die "gottlosen Roten". Die Abneigung der Kirche gegen die Sozialdemokratie war dabei vorwiegend ideologisch und kaum von konkreter Antikirchlicher Politik der SDAPÖ motiviert.
Die frommen Herren konnten zwangsläufig wenig Sympathien für eine Bewegung empfinden, die im selbstbestimmten (also weder von ihnen noch von Gott gelenkten) Menschen ihr Ziel sah. Selbst zumeist aus "besseren Kreisen" stammend hatten die kirchlichen Würdenträger auch herzlich wenig für eine Sozialpolitik übrig, die sie als "bolschewistische Gleichmacherei" verdammten. Die hysterischen Reaktionen auf im Grunde sehr vorsichtige Versuche der Sozialdemokratie, den Einfluss der Kirche im Unterrichtswesen zurückzudrängen machten außerdem deutlich: Die Kirche vertraute im Zweifelsfall weniger "der natürlichen Liebe des österreichischen Volkes zu Jesus Christus" als der Zwangschristianisierung von Kindheitstagen an.
Als diese Praxis nun erstmals in Frage gestellt wurde, war Feuer am Dach. Der große Schrecken, den etwa der "Glöckel-Erlaß" hervorrief, wird in einer Stellungnahme von Kardinal Piffl aus dem Jahr 1931 deutlich. Seine "Exzellenz" meinte damals: "Aber gerade die zeitweilige Gewaltherrschaft des österreichischen Marxismus hat den Katholiken die Augen geöffnet. Sie sahen eine Weltanschauung an der Arbeit, die wohl überall niederreißen, aber nirgends aufbauen konnte, sahen an der Stelle des Rechts brutale Gewalt an der Regierung und sahen nicht zuletzt, wie die Grundsätze der katholischen Weltanschauung systematisch aus allen Gebieten des staatlichen und öffentlichen Lebens verdrängt wurden."
Wer in der demokratischen Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie eine "marxistische Gewaltherrschaft" erblickte, konnte automatisch kein großer Freund der Demokratie als solcher sein. Allerdings hatte die Politik der Kirche, allzeit gegen die Sozialdemokratie zu hetzen und fleißig die Werbetrommel für die Christlich-Sozialen zu rühren auch handfeste materielle Ursachen. Neben dem Ziel eines Ständestaates, in dem nach Dollfuß wie im weiland Mittelalter Bauer und Knecht nach getaner Arbeit friedlich aus der selben Schüssel ihre Suppe löffeln sollten, erhoffte sich der Vatikan von der Ausschaltung der Linken die Möglichkeit, ein vorteilhaftes Konkordat abschließen zu können.
Diesbezügliche Hoffnungen waren durchaus begründet und wurden schon vor 1934 von Maßnahmen seitens der Rechtsregierungen genährt: Die Heimwehr zelebrierte allerorts Feldmessen, die Christlich-Sozialen setzten ebenfalls eine ganze Reihe symbolträchtiger Schritte, wie etwa die Anbringung von Kruzifixen in allen Kasernen.
Der Klerus und die Errichtung der Diktatur
Nachdem sich die Christlich-Sozialen 1933 im Bündnis mit der Heimwehr endgültig auf die Abschaffung der Demokratie festgelegt hatten, unterstützte die Kirche den eingeschlagenen Kurs nach Kräften. Sie goutierte die Ausschaltung des Parlaments und ermutigte Dollfuß damit indirekt zu weiteren Schritten in Richtung offener Diktatur. Kardinal Innitzer rief den womöglich Wankenden im April 1933 zu: "Hinter eine solche Regierung müssen wir uns geschlossen stellen". Wie wichtig die ideologische Unterstützung der Kirche war, wird anhand der ersten Maßnahmen nach der Auflösung des Parlaments klar: Der "Glöckel-Erlaß" wurde aufgehoben, der antiklerikale sozialdemokratische "Freidenkerbund" aufgelöst und weitreichendes Entgegenkommen bei den anstehenden Konkordatsverhandlungen signalisiert.
Eine Hand wusch die andere: Als endgültig klar war, dass die Dollfuß-Regierung der Sozialdemokratie militärisch den Gar auszumachen gedachte, überschütteten die österreichischen Bischöfe den Kanzler mit Lob und verlautbarten, sie seien "überzeugt von der vollkommen legalen Stellungnahme und korrekten Handlungsweise der jetzigen Staatsgewalt".
Als am 12. Februar 1934 schließlich die Kanonen des Bundesheeres ArbeiterInnenwohnhäuser in Schutt und Asche legten und in den darauffolgenden Tagen selbst schwerverletzte Schutzbündler wie Verbrecher gehängt wurden, übernahm die Kirche bereitwillig die schwierige Aufgabe, die Weltöffentlichkeit von der Rechtmäßigkeit dieser Verbrechen zu überzeugen. Sie erklärte, die Sozialdemokratie hätte am 12. Februar eine "mit langer Vorbereitung und mit dem Aufgebot gewaltiger Mittel außerordentlich planmäßig ins Werk gesetzte Revolution" vom Zaun gebrochen. Damit hätte sie auch in Österreich russische Zustände herbeiführen wollen, die in Kirchen- und Klösterstürmen gegipfelt wäre. Vor dieser Gefahr wäre die Kirche nur durch das beherzte Vorgehen der Regierung bewahrt worden, ihr gebühre für ihren "Ernst und die Milde" ihres Vorgehens aufrechter Dank.
Das "Vergelt´s Gott" der Diktatur 1934 – 1938
In der Verfassung von 1934 wurde der bereits erwähnte 1. Artikel der republikanischen Verfassung gestrichen. Statt der Feststellung, Österreich sei eine Demokratie, deren Recht vom Volk ausginge, hieß es fortan: "Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlich, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung". Damit begann die vorerst letzte Phase der Gegenreformation in Österreich.
Die Kirche und ihre Gewährsmänner in der Politik gingen nicht nur daran, den Säkularisierungsprozess des vorangegangenen Jahrzehnts rückgängig zu machen, sondern jenen der vergangenen hundert Jahre. Mit den Worten von Bundespräsident Miklas: "Die Epoche der Säkularisierung des europäischen Geistes, die sich im privaten und öffentlichen Leben so unheilvoll auswirkte, neigt sich ihrem Ende zu, und nach der gewaltsamen Austreibung christlichen Geistes aus dem Leben der Völker, mit der frühere Generationen gesündigt haben, muss nun wieder mit dem Einholen der Heiligtümer begonnen werden."
Gesagt getan. Die Kirche war fortan in wichtigen staatlichen Gremien vertreten, im Bundeskulturrat ebenso wie in den Landtagen. Ihren wiedergewonnenen Einfluss speziell im Unterrichtswesen wusste sie zu nutzen: Schuldirektoren, vielfach aber auch schon einfache LehrerInnen mussten katholisch sein. Beamte und Lehrer waren verpflichtet, an kirchlichen Feiern teilzunehmen. Lehrer hatten für die katholische Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder zu sorgen, insbesondere auch für deren regelmäßige Beichte. Nicht zur Beichte zu gehen zog künftig schlechtere Schulnoten nach sich. Im Alltag des Staatsapparates waren religiöse Kulte binnen kürzester Zeit allgegenwärtig. Amtsräume wurden geweiht, Amtsmessen abgehalten, bei fast allen größeren Anlässen waren Priester anwesend.
Aber damit nicht genug: Seit dem August 1933 mussten alle, die aus der Kirche austreten wollten, ihren "gesunden Geistes- und Gemütszustand" nachweisen, in Salzburg wurden Austrittswillige überhaupt ins Gefängnis gesperrt. Pfarrern war es endlich möglich, die seit jeher mit Argusaugen überwachten "Tanzfestlichkeiten" in ihren Gemeinden zu unterbinden, ebenso Kinovorführungen zu zensieren oder gleich zu unterbinden.
Um die Verbundenheit des "Neuen Österreich" mit der Kirche zu demonstrieren, aber auch, um deutlich zu machen, welcher Kampf hier geführt wurde, griff man tief in die historische Mottenkiste. Zum Symbol für die nach faschistischem Vorbild geschaffene Einheitsorganisation des Regimes, die "Vaterländische Front", wurde das Zeichen der alten Kreuzritter, das Jerusalem- oder auch Kruckenkreuz. Der Klerus revanchierte sich weiterhin für das Entgegenkommen, das ihm zuteil wurde – nach der Ermordung von Dollfuß durch putschende Nazis wurden in vielen Kirchen des Landes sogar eigene Dollfuß-Altäre eingeweiht.
Doch bei aller Liebe blieb Gottes Bodenpersonal durchaus pragmatisch. Als zu Beginn des Jahres 1938 das österreichische Konkurrenzunternehmen zum deutschen und italienischen Faschismus endgültig als gescheitert betrachtet werden musste, unterzeichnete Kardinal Innitzer seine Ergebenheitsadresse an den neuen Machthaber mit einem devoten "Heil Hitler".










