Mittwoch 8. Februar 2012
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Inhalt:

Austrofaschismus

Damit die Geschichte aus dem 34er Jahr nicht vergessen wird ...


Der 42jährige Karl Münichreiter war der erste Schutzbündler, der durch die austrofaschistischen Standgerichte am 14. Februar 1934 ermordet wurde. Sein Sohn Karl Münichreiter war bei Ausbruch der Kämpfe 10 Jahre alt. Im Interview erzählt er über den Vater und die bewegte Familiengeschichte.

Heuer jähren sich die Februarkämpfe 1934 zum 70igsten Mal. Die SJÖ hat zu diesem Anlass mehrere Broschüren herausgegeben. Auch konnten wir Ihre Erinnerungen in Buchform publizieren ...

Ich bin sehr froh, dass sich der Trotzdem Verlag der SJÖ angeboten hat, denn es bestand allgemein wenig Interesse. Wenn jemand nicht passt, dann wird nichts von ihm veröffentlicht. Ich bin halt sehr linksstehend. Die SPÖ will aber seit dem 69er Jahr mit den Kommunisten nichts mehr zu tun haben. Eine sehr hässliche Angelegenheit, denn es widerspricht ja ideell vollkommen den Grundsätzen der Sozialdemokratischen Partei, nämlich dass mit allen geredet wird und man nicht gehässig sein soll. Das geht dann immer wieder in sehr persönliche Angriffe über.

Bei mir war es deswegen schwierig, weil jeder gesagt hat, der Vater war Sozialdemokrat, und der Sohn ist nicht bei uns. Das hat auch verschiedene Gründe gehabt, und letztendlich muss man einem Sohn zugestehen, dass er zu einer anderen Partei geht. Es sind damals sehr viele SozialdemokratInnen im 34er Jahr zur KPÖ gegangen, weil sie von ihrer Führung enttäuscht waren. Bei mir hat sich das auch deswegen ergeben, weil ich jahrelang in der Sowjetunion war.

In meinem Buch ist es mir darum gegangen, dass diese böse Geschichte aus dem 34er Jahr nicht vergessen wird, denn das war ja damals eine sehr tragische Angelegenheit, besonders für unsere Familie.

Sie waren zur Zeit der Februarkämpfe 10 Jahre alt. Wie haben sie diese Tage erlebt?

Da die Ereignisse so einschneidend in unser Familienleben waren, habe ich das alles noch in sehr guter Erinnerung. Diese Geschichte mit meinem Vater ist deshalb so bekannt geworden, weil er einerseits der erste war, der hingerichtet wurde, und andererseits, weil er schwer verwundet war, eine Tatsache, von der man nie geglaubt hatte, dass so etwas vorkommen kann. Na gut, die Nazis haben dann ganz andere Bestialitäten begangen. Aber für die damalige Zeit war das erschütternd, einen schwer Verwundeten auf der Tragbahre zur Richtstätte zu führen und überhaupt zum Tode zu verurteilen. Das Gericht hat das ja absichtlich gemacht, um Dollfuß einen Gefallen zu tun. Der hat ja nach Todesurteilen gerufen.

In der Literatur finden sich unterschiedliche Beschreibungen der Funktion ihres Vaters innerhalb des Schutzbundes, mal wird er als „Kommandant des Hietzinger Schutzbundes“ bezeichnet, mal als einfacher Angehöriger. Was war er nun eigentlich?

Das mit dem Kommandanten glauben alle, weil sich nachher niemand vorstellen konnte, dass die Austrofaschisten einen einfachen kleinen Funktionär des Schutzbundes hingerichtet hätten. Er hatte ungefähr zehn Leute unter sich, sonst nichts. Den Schwarzen ging es nur darum, ein Exempel zu statuieren, um die Kampfmoral des Schutzbundes zu brechen, der ja zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung noch gekämpft hat. Es wäre ihnen sicher lieber gewesen, wenn sie einen Julius Deutsch oder einen Otto Bauer erwischt hätten, aber die haben sich ja schon sehr früh auf die Socken gemacht und sind in die Tschechoslowakei geflüchtet.

Wie haben Sie den Ausbruch der Kämpfe erlebt?

Da gab es bei uns im 13. Bezirk das sozialdemokratische Kinderfreundeheim in Ober St. Veit am Goldmarktplatz, gar nicht weit von unserer Wohnung. An jenem Tag haben sie uns früher von der Schule nachhause geschickt, so um 10:30, erstaunlicherweise, denn wir haben ja nicht gewusst warum. Wir haben dann zu Hause mit dem Vater und der Mutter noch zum Mittag gegessen, als einer in die Wohnung kommt und zu meinem Vater sagt: „Du, Karl, es ist Generalstreik.“ Mein Vater hat dann den Lichtschalter ausprobiert, und es gab tatsächlich keinen Strom. Das war das Signal für die Bereitstellung des Schutzbundes. Mein Vater hat alles liegen und stehen gelassen und ist zum Goldmarktplatz.

Dort haben die Schutzbündler begonnen, sich Waffen zu besorgen, bei uns im Schrebergarten und in der Amalienschule, wo Waffen eingemauert waren, und sind dann wieder zum Goldmarktplatz, in Erwartung auf Befehle von der Führung. Die kamen aber nicht. Der verantwortliche vom Bezirk, Heinrich Blebann, hat dann gesagt, dass er um Weisungen fährt. Er ist dann nicht mehr zurückgekommen. Das ist keine Verurteilung, denn ich weiß nicht ob er nicht mehr zurückkommen wollte oder nicht mehr konnte. Es haben sich ja viele von den führenden Genossen damals verleugnen oder freiwillig verhaften lassen. Aber der Genosse Pleban, es ist ja auch eine Gasse später nach ihm benannt worden, hat sich anscheinend tadellos benommen.

Die gesamte Gruppe – ca. 40 Leute – war nun ohne Führung. Der vorläufige Befehl lautete, nur zu schießen, wenn die Gruppe angegriffen wird. Wer jetzt wirklich angefangen hat zu schießen, ist unklar, aber das ist letzten Endes auch egal, denn es kommt ja nicht unbedingt auf den ersten Schuß an, sondern auf die Absicht.

Das Kinderheim war allerdings denkbar ungünstig zur Verteidigung, denn es war eine Holzbaracke mit großen Fenstern. Polizei und Bundesheer griffen das Kinderfreundeheim von mehreren Seiten an, und die Schutzbündler mussten fliehen, denn sie waren in der Minderzahl, und die Polizei war gut bewaffnet. Die Flucht ging in Richtung Roter Berg, äußerst ungünstig, weil die Schutzbündler leicht zu sehen waren. Sie wurden auch andauernd beschossen. Mein Vater war bei der zweiten Gruppe, die später flüchtete und sich noch gegen die anstürmende Polizei verteidigte. Einer von diesen Leuten hat mir später erzählt, dass mein Vater bei der letzten Gruppe war, die sich schlussendlich aus dem Heim zurückgezogen hat und versuchte, sich Richtung Lainz abzusetzen.

Einer von ihnen, ein gewisser Franz Mück, hat beim Rückzug einen Kopfschuss bekommen. Mein Vater, der einige Schritte vor ihm war, ist zurück, um ihm aufzuhelfen, aber da war niccht mehr viel zu helfen. In diesem Moment wurde mein Vater von mehreren Schüssen getroffen. Die Polizei hat von den umliegenden Hausdächern heruntergeschossen – von da oben hatten sie alles gut im Blickfeld – und ihre Scharfschützen haben auch Josef Lanz an den Knien getroffen. Wer noch konnte, hat sich über den Roten Berg davongemacht, die anderen sind festgenommen worden. Man hat sie misshandelt, die Polizei war sehr brutal.

Als die Gefangenen abgeführt wurden, kamen sie auch durch unsere Gasse. Ich habe rausgeschaut und gesehen, dass allen die Hände auf dem Rücken gefesselt worden waren und sie auch geschlagen worden sein mussten. Adalbert Vavra war dabei die Nase offensichtlich gebrochen worden, dem ist das Blut übers Kinn geronnen. Als ich aus dem Fenster sah fragte mich meine Mutter: „Ist der Vater dabei?“ Als ich verneinte, war sie erleichtert, weil sie dachte, es wäre ihm gelungen zu flüchten.

Am nächsten Tag kamen zwei Polizisten mit aufgepflanztem Bajonett zu uns und forderten meine Mutter auf, Kleider für meinen Vater in die Rossauer Kaserne zu bringen. Nebenbei bemerkt war die Rossauer Kaserne eine Polizeikaserne, dort hinzukommen war gefürchtet. Als meine Mutter dann mit Sachen für meinen Vater dort hinkam, sah sie, wie gefangene Schutzbündler geschlagen wurden. Die Polizisten haben sich denen gegenüber fürchterlich benommen. Bei meiner Mutter waren sie auch nicht gerade freundlich und meinten, als sie die Dinge sahen, die meine Mutter gebracht hatte: „Na, der braucht ka Krawatt’n mehr. Hätten’s ihn nicht fortgehen lassen, dann würden sie sich jetzt auch nicht um ihn sorgen brauchen.“

Für meine Mutter war das alles natürlich schwer, aber sie hat immer noch nicht geahnt, was passieren würde. Sie hat auch nicht gewußt, dass Vater schwer verwundet war. Am 14. Februar war dann schon ab 8 Uhr in der Früh das Standgericht. An diesem Tag in der Früh wurde meine Mutter über das Telefon einer Hauspartei verständigt, dass sie zum Landesgericht 2 am Hernalser Gürtel kommen solle, wo die Gerichtsverhandlung schon ab 8 Uhr stattfand. Dort hatte man meinen Vater vom Krankenbett im Rochus-Spital auf der Tragbahre hingebracht. Die 8 oder 9 Angeklagten wurden an ein gewöhnliches Gericht abgetreten, mein Vater wurde beim Standgericht belassen und als Rädelsführer zum Tod verurteilt.

Meiner Mutter sagten sie im Landesgericht 2 noch, wenn sie Näheres wissen wolle, dann solle sie den Richter fragen, der nach der Verhandlung kommen werde. Als der Richter Dr. Kreuzhuber erschien, stellte sich meine Mutter vor und wollte wissen, was mit ihrem Mann ist. Der Richter antwortete unwirsch: „Ich hab´ keine Zeit“, zog seine Taschenuhr und sagte, „Ich habe noch nicht einmal zu Mittag gegessen.“ Dann ist er weitergegangen, ohne meiner Mutter etwas zu sagen, denn das war ihm offenbar unangenehm. Meiner Mutter sagte man dann, sie solle zum Landesgericht 1 fahren, dort würde sie die Gelegenheit haben, mit ihrem Mann zu reden.

Das war dann schon in der Todeszelle. Bekanntlich hat ja ein Todesurteil innerhalb von 3 Stunden vollstreckt werden müssen. Da kam meine Mutter gerade noch zurecht. Sie meine damals zweieinhalbjährige Schwester auf dem Arm.

Ihre Mutter hat Ihren Vater am 14. Februar noch vor der Hinrichtung gesehen?

Sie war vollkommen schockiert über den Zustand meines Vaters. Er war schwer verwundet, Blut sickerte durch den Verband und er sah todkrank aus. Über Nacht hatte er graue Haare bekommen. Sie hat sehr wohl aufgenommen, was er gesagt hat, aber nicht verstanden, dass das nun wirklich das Ende ist. Sie wußte auch nicht, dass das ein Standgericht war. Sie durfte mit dem Vater noch kurz sprechen. Es war das letzte Mal, dass sie ihn sah. Dann ist sie nachhause gefahren, hat sich noch eine Zeitung gekauft, uns Kinder ins Bett gebracht und dann erst die Zeitung gelesen. Daraus erfuhr sie über die Verurteilung und Hinrichtung meines Vaters. Da kam ihr erst zu Bewußtsein, dass sie in der Todeszelle gewesen war.

Wie haben Sie von der Hinrichtung Ihres Vaters erfahren?

Ich selbst habe erst am 15. Februar erfahren, dass mein Vater hingerichtet worden war. Das war so: Am Vormittag dieses Tages ging ich zu einer befreundeten Familie ins Nebenhaus. Die waren ganz desperat und aufgeregt. Ich habe nicht erfasst, um was es geht. Sie sagten mir auch nichts und verließen nacheinander das Zimmer. Ich erblickte auf dem Tisch eine Zeitung und schaue auf die Titelseite: Erstes Standgerichtsurteil. Ich nehme die Zeitung zur Hand und lese weiter: „Der 42jährige Schuhmacher Karl Münichreiter wurde gestern wegen Aufruhr zum Tode verurteilt und hingerichtet.“ Ich konnte es nicht glauben und dachte zuerst an eine Namensgleichheit. Als ich den Beruf und das Alter erfasste, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Betroffen und verwirrt lief ich nachhause, wo mir mein älterer Bruder, der davon schon wusste, die traurige Tatsache bestätigte. Wir waren entsetzt.

Was passierte in den unmittelbaren Tagen danach?

Es kamen Freunde der Familie, um uns zu trösten. Dann waren da auch sehr viele Neugierige. Die hat meine Mutter alle rausgeschmissen. Es kamen aber auch Genossen und Freunde, die gespendet haben. Das war eine Zeit lang jeden Tag so, dass ein paar Leute kamen und Geld brachten. Das war für die Mutter eine Ermutigung, weil wir nicht wußten, wovon wir jetzt leben würden, wie es weitergehen soll. Mein Vater, der Ernährer, war weg, meine Mutter hatte keine Beschäftigung, sie war Hausfrau und nur so nebenbei eine Bedienung gehabt im Haus. Das war schon alles. In dieser Zeit sind dann Leute gekommen von der Roten Hilfe. Das war eine illegale Organisation, wo damals noch KommunistInnen wie SozialdemokratInnen zusammengearbeitet und Geld für Opfer und Angehörige gesammelt haben oder gefährdeten Leuten die Flucht über die Grenze ermöglichten, hauptsächlich in die Tschechoslowakei.

Meine Mutter wurde zum anderen auch von den Behörden sehr schlecht behandelt. Am Landesgericht wollte die Mutter am 15. Februar die Leiche des Vaters freibekommen, um sie einäschern lassen zu können. Denn meine Eltern waren zur Übereinkunft gekommen, dass sie sich nach ihrem Tode verbrennen lassen wollten. Dort sagten sie, er wäre schon begraben, in einem Mehrfachgrab, und da wäre nichts mehr zu machen. Als sie ihn exhumieren lassen wollte, meinten sie, dass das Leichenschändung wäre.

Sie haben es wirklich mit allen Mitteln versucht. Sie haben ja damals meinen Vater so schnell begraben, weil sie befürchteten, dass man sieht, was er für Verletzungen hat. Es hat ja damals ungeheures Aufsehen erregt, dass ein Schwerverwundeter hingerichtet wurde. Vor Gericht hatten der Gerichtsarzt und der Richter zusammengespielt. Der Arzt sagte, dass mein Vater seiner Meinung nach nicht schwer krank, sondern schwer verwundet wäre. Es gäbe kein Gesetz, dass ein schwer Verwundeter nicht hingerichtet werden dürfe, was bei einem Kranken sehr wohl der Fall gewesen wäre. Die haben meinen Vater als Exempel gebraucht.

Als Dollfuß beim Putschversuch der Nazis im Juli ums Leben kam, waren Sie schon in Paris. Haben Sie so etwas wie Genugtuung empfunden?

Nicht unbedingt. Wir haben ja gewußt, dass das nicht der Dollfuß alleine war, sondern dass das ganze Regime, die Schwarzen dahinter standen. In meiner Kindheit hatte ich schon immer deutlich gemerkt, dass es oft den Kindern aus dem Bürgertum verboten wurde, mit uns zu spielen. Mit dem Proletariat wollten die nichts zu tun haben. So haben uns die Leute dann später auch behandelt.

Wann war ihrer Mutter klar, dass sie weg aus Österreich wollte und warum?

Für uns gab es in Österreich keine Zukunft mehr. Meiner Mutter wurden nur Schwierigkeiten gemacht. Sie wollte z.B. einen Pass haben. Der wurde ihr ohne Begründung verweigert. Da hatten wir schon Pläne, dass wir aus Österreich weggehen.

Oder das Begräbnis unseres Vaters. Meine Mutter hat dann mit Rechtsanwälten durchgesetzt, dass der Vater exhumiert wird, um ihn einäschern und ihn in einem eigenen Grab beisetzen zu lassen. Das war für meine Mutter ein gewisses Bedürfnis. Sie wollte nicht, dass er irgendwo verscharrt ist. Erst nachher hat sich meine Mutter bereit erklärt, ins Ausland zu gehen.

Dann sind wir aus Österreich geflüchtet. Wir wußten schon, dass es in die Sowjetunion gehen wird. Damals war die Sowjetunion auch für die SozialdemokratInnen ein ArbeiterInnenstaat. Es gab ja damals die Parole „Hände weg von der Sowjetunion!“. Es war der erste Staat, in dem die ArbeiterInnen die Macht errungen haben.

Sie waren dann in Moskau im Schutzbundkinderheim ...

Wir waren ca. 120 österreichische Kinder. Wir waren bis zur Auflösung des Kindesheims dort. Ich kann hier nur das beste Zeugnis ausstellen. Wir waren wirklich erstklassig verpflegt. Es wurde für uns sehr viel Geld ausgegeben. Wir sind in eine deutsche Schule gegangen, haben deutschen Unterricht gehabt, zwischendurch Russisch.

Im Jahr 1939 wurden das Kinderheim und die deutsche Schule aufgelöst. Wir sind dann zur Mutter zurückgekommen und haben die russische Schule besucht. Dort hatten wir ein Zimmer im sogenannten Schutzbundhaus. Es war damals eine große Not an Wohnungen. In einem Zimmer wohnte eine ganze Familie. Das war damals nicht anders möglich. Wir waren zu viert in einem Zimmer. In den Nebenzimmern wohnten ein Ehepaar und eine Familie mit einem Kind. Insgesamt waren wir neun in einer Wohnung. Natürlich war das nicht gerade ideal, weil die Benutzung von Bad, Klo und Küche eingeteilt werden musste. Da gab es natürlich manchmal Reibereien. Dort wohnten wir bis zum Kriegsbeginn.

Wie haben Sie und ihr Umfeld als Menschen, die den Faschismus hautnah erlebt haben, die Nachricht über den Hitler-Stalin-Pakt aufgenommen?

Allein die Nachricht, dass Österreich 1938 von den Nazis besetzt wurde, war für uns ein Schock. Da wußten wir, dass wir nicht mehr so schnell nachhause kommen würden. Dann kam wieder ein Schock im Jahr 1939, wo dieser Hitler-Stalin-Pakt abgeschlossen wurde. Es wurden das deutsche Kinderheim und die Schule aufgelöst, weil man nicht den Eindruck erwecken wollte, man sei gegen Deutschland und den Faschismus, obwohl wir im Kinderheim sehr antifaschistisch erzogen worden waren. Wir hatten ja die Vorstellung, dass wir wieder einmal nach Österreich kommen und die Sache politisch ändern würden. Das war wirklich nicht verständlich. Man hat das mit allen möglichen Begründungen zu erklären versucht, aber dass Stalin mit Hitler einen Pakt schloss, das war für uns unfassbar. Plötzlich war kein Wort mehr gegen Deutschland oder den Faschismus zu hören. Stalin und Hitler haben sich damals sogar Gratulationstelegramme anlässlich ihrer Geburtstage geschickt.

Jetzt komme ich schon zum Krieg. Es war ja nicht vorrauszusehen, dass Deutschland angreifen würde, obwohl die Sowjetunion von allen möglichen Seiten gewarnt wurde. Das hat die Führung damals anscheinend nicht geglaubt. In den Jahren 1937/38 haben sie ja eine Menge FunktionärInnen verhaftet. Auch der Offiziersstand wurde auf 20 % reduziert. Damit war die Schlagkraft der sowjetischen Armee bedeutend geschwächt.

Wir kamen jedes Jahr mit den anderen Kindern aus dem Kinderheim in den Ferien in verschiedene Ferienlager auf der Krim, den Kaukasus usw. Die Zeit dort war herrlich. Das wurde von der Roten Hilfe organisiert. Vor Kriegsbeginn im Juni 1941 wurden meine Schwester und ich mit einer Gruppe von 30 Kindern in ein Ferienlager nach Weißrußland geschickt. Zwei Tage später waren wir schon unter deutscher Besatzung. Die sind ja schnell vorgedrungen, wahrscheinlich weil die sowjetische Armee unvorbereitet war. Wir waren ja schon fast an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie. Mit ein bisschen Voraussicht hätte das nicht passieren dürfen. Aber scheinbar hat man nicht damit gerechnet.

Die sowjetische Armee war auf dem Rückzug, überall waren Kriegsgefangene und Unmengen an zurückgelassenem Kriegsmaterial. Viele Soldaten flüchteten auch in die Wälder und kämpften später als Partisanen. In diesem Gebiet kam es dann zu schweren Kämpfen. Die Partisanen griffen deutsche Posten an oder sprengten Eisenbahnlinien. Die Deutschen verübten dann Racheaktionen in den Dörfern. Wenn man damals mit der Eisenbahn fuhr, wußte man nicht, ob die Bahn jetzt in die Luft gesprengt wird oder nicht.

Wurde das Heim von den Deutschen übernommen?

Um das Heim haben sich die Deutschen nicht gekümmert, denn die waren mit anderen Dingen wie der Verwaltung beschäftigt. Das hat Monate gedauert. Wir haben faktisch von den lagernden Vorräten gezehrt und haben Bauern Dinge wie Bettwäsche verklopft, damit wir etwas zum Essen haben. Später hat sich die Gemeideverwaltung ein bisschen darum bemüht, dass wir etwas zum essen bekommen. Wir haben aber ziemlich gehungert. Auch die Bevölkerung hatte nicht viel.

Wann wurden Sie zurücktransportiert und wo kamen Sie dann hin?

1943. Zuerst kamen meine Schwester und ich nach Polen, westlich von Warschau in der Nähe der deutschen Grenze. Dort waren damals Umsiedlungslager, weil die sowjetische Armee schon damals im Vormarsch war. Dort hat uns dann unsere Verwandtschaft herausgeholt. Zum Glück hatte ich noch eine Adresse, und da habe ich meiner Cousine geschrieben. So kamen wir im August 1943 nach Wien. Hier hätte ich mich zwar beim Heeresmeldeamt melden müssen, da mein Jahrgang längst einberufen war, aber ich bekam keine Ladung, und freiwillig wollte ich nicht dorthin. Ich fing dann an, einen Beruf zu erlernen, Uhrmacherei. Ein paar Tage, nachdem ich in Wien angekommen war, hatte ich schon eine Vorladung zur Gestapo. Meine Schwester und ich mussten dort mit Fotos erscheinen, wo das linke Ohr zu sehen war. Sie konnten uns aber nichts vorwerfen und warnten uns nur davor, uns politisch zu betätigen. Ich habe mich dann sehr ruhig verhalten, weil die Gestapo die Ortsgruppe der NSDAP beauftragt hatte, mich zu bespitzeln.

1945 wird Wien von der sowjetischen Armee befreit. Wie geht dann die Familiengeschichte der Münichreiters weiter? Wann gab es ein Wiedersehen mit der Mutter?

Das hat sehr lange gedauert. Die Russen waren schon im April 1945 in Wien. Ich habe dann Briefe mehrere Institutionen wie die Hausverwaltung oder die Miliz, die sowjetische Polizei, geschrieben und sowjetische Soldaten gebeten, diese mit der Feldpost weiterzubefördern. Einen Brief hat sie dann im Juni bekommen. Sie war damals in Tomsk (Sibirien), wohin viele EmigrantInnen evakuiert worden waren, als Moskau durch die deutsche Armee gefährdet war. Meine Mutter hat sich dann bemüht nach Wien zu kommen, aber die sowjetische Bürokratie war ja furchtbar. Meine Mutter musste eineinhalb Jahre warten, bis sie nach Wien reisen konnte, nachdem sie nach vier Jahren erfahren hatte, dass meine Schwester und ich leben.

War der Antifaschismus in Wien nach 1945 konkret wahrnehmbar, oder war der auch wieder ziemlich schnell vorbei?

Viele haben die Befreiung als solche nicht wahrgenommen, aber die meisten waren zumindest froh, dass der Krieg endlich zu Ende ist. Ich habe damals als kommunistisch Erzogener bei der Kommunistischen Partei mitgearbeitet. Wir haben damals uns auch von der Partei aus an freiwilligen Aufräumarbeiten beteiligt. Es kam dann auch die Zeitung „Neues Österreich“ heraus, das Organ der drei Parteien KPÖ, SPÖ und ÖVP. Dann spaltete sich wieder alles in die Parteien. Bei der Wahl hat die KPÖ dann schlecht abgeschnitten, weil man der KPÖ an allem die Schuld gab, was nach der Befreiung an Übergriffen seitens Angehöriger der sowjetischen Armee passiert ist. Da wurden die KommunistInnen dann mehr oder weniger auf die Seite geschoben.

Die Erinnerungen von Karl Münichreiter sind als Buch erschienen. „Ich sterbe, weil es einer sein muss. Erinnerungen an den Vater“ ist hier im Webshop zum Preis von 10 Euro erhältlich.

Florian Wenninger
Wolfdietrich Hansen
Trotzdem Juli 2004

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