Austro”faschismus”?
In der Wissenschaft ist bis heute umstritten, welche Herrschaftsform sich in Österreich mit der endgültigen Zerschlagung der Sozialdemokratie im Februar 1934 etablieren konnte. War die Diktatur von Dollfuß und Schuschnigg "faschistisch"? War sie "bürgerlich-autoritär"? War sie "klerikalfaschistisch"? War der "Ständestaat" die "erstarrte Herrschaft der Bürokratie"? Und weshalb tut eine möglichst präzise Antwort auf diese Fragen Not?
Begonnen bei der letzten Frage, fällt die Antwort nicht schwer. Zum einen sollte es unser aller Anliegen sein, den Versuchen aus konservativen Kreisen entgegenzutreten, die in den Diktatoren verdiente Widerständler gegen den Nationalsozialismus sehen wollen und ihre Politik als Akt der Notwehr gegen links und rechts zu deuten versuchen. Ein wesentliches Element dieser systematischen verharmlosenden Geschichtsfälschung besteht in möglichst unspektakulären Kategorisierungen. "Faschistisch" ist Terror, Weltkrieg und Massenmord. "Autoritär" dagegen ist halt nicht ganz frei. Und "Ständestaat" ist für die allermeisten ohnehin ein nicht nachvollziehbarer, aber mithin auch kaum abstoßender Name.
Neben der Widerlegung konservativer Mythen stellt sich aber natürlich auch im Fall der Diktatur 34-38 die Frage nach dem "wie lernen?". Lernen heißt auch, sich klare Begrifflichkeiten zu erarbeiten, indem Fragen gestellt und beantwortet werden. Wer war aus welcher Motivation heraus an der Beseitigung der Demokratie beteiligt? Wer profitierte dann letztlich auch von ihr? Standen Dollfuß und seine Getreuen allein auf weiter Flur oder gab es Parallelen zu anderen europäischen Systemen?
"Faschismus" als politische Kategorie wird beinahe ausschließlich von progressiven WissenschaftlerInnen verwendet. Konservative und Rechte würden damit in erster Linie das italienische Modell Mussolinis meinen, darüber hinausgehende Qualifizierungen als "faschistisch" lehnen sie meist ab. Dadurch ergibt sich von selbst, dass der Begriff "Austrofaschismus" tendenziell von links in die Debatte einfließt – allerdings nicht ausschließlich. Sowohl jener Bundespräsident, der Dollfuß widerstandslos gewähren ließ, Miklas, als auch der – linker Umtriebe unverdächtige - letzte kaiserliche Finanzminister Alexander Spitzmüller sprachen von einem "austrofaschistischen System".
Außer Frage steht die Existenz zweier faschistischer Bewegungen im Österreich der 1920er und 30er: Neben den Nazis prägte am äußersten rechten Rand vor allem die Heimwehr das politische Geschehen. Abseits der Tatsache, dass sich die Heimwehr auch selbst mehrmals als "faschistisch" bezeichnete, lassen sich in ihrem Fall objektive Kriterien feststellen, die eine Klassifizierung als "faschistisch" erlauben. Die Heimwehr konnte zeitweise auf eine zumindest in Ansätzen vorhandene Massenbasis verweisen. Sie war nach dem Führerprinzip streng hierarchisch gegliedert, militarisiert und betont "männlich". Inhaltlich war die Heimwehr stramm antimarxistisch und bediente sich in ihrer Propaganda einer pseudorevolutionären Rhetorik. Sie vertrat rassistische, antisemitische Vorstellungen und wandte sich scharf gegen ein rationales Weltbild. Gleichzeitig war die Heimwehr ihrer Funktion nach die längste Zeit eine Privatarmee der österreichischen Reaktion.
Ähnlich wie die faschistischen Milizen in Italien und die SA in Deutschland wurde sie gegen demonstrierende und streikende ArbeiterInnen eingesetzt und führte einen permanenten Kleinkrieg gegen linke Parteien und Gewerkschaft. Unbestritten ist neben diesen Charaktermerkmalen der Heimwehr auch ihre Beteiligung an der Beseitigung der Demokratie und der gewaltsamen Unterdrückung der Linken. Ab hier wird es allerdings etwas komplizierter. Denn anders als in Deutschland und Italien wurde 1933/34 nicht die Heimwehr von bürgerlichen Parteien und Interessensgruppen an die Macht gebracht, sondern sie war Juniorpartner einer Koalition von Christlich-Sozialen und Deutschnationalen. Als dieser Juniorpartner war sie auch nicht ansatzweise in der Lage, das politische Geschehen der Diktatur, die sie zu Beginn noch vollmundig als den "Staat der Heimwehr" proklamiert hatte, zu dominieren. Im Gegenteil gelang es Dollfuß und später vor allem Schuschnigg relativ mühelos, die Heimwehrführer aufs politische Abstellgleis zu verfrachten. Entgegen ihren Vorstellungen bildete nicht sie, sondern die neu gegründete Vaterländische Front (VF) jene Organisation, die ursprünglich als Massenbasis des Regimes nach italienischem Vorbild dienen sollte.
Nachdem nun die ursprüngliche faschistische Bewegung nach 1934 kaum Einfluss auf das Regime hatte, ist dennoch deutlich, dass Dollfuß seinem alten Freund und Gönner Mussolini nicht nur brieflich die Faschisierung des Staates zusicherte, sondern zeitweise konkrete Schritte in diese Richtung unternahm. Die Linke wurde militärisch niedergerungen, sämtliche Organisationen der österreichischen ArbeiterInnenbewegung aufgelöst und Oppositionelle verfolgt. Gleichzeitig wurde versucht, möglichst breite Teile der Bevölkerung in den Organisationen des Staates zu erfassen, zu aktivieren und zu militarisieren. Schlussendlich wurde – im großen Stil allerdings erst nach dessen Ableben – ein Führerkult rund um die Person Dollfuß betrieben, der den Vergleich mit dem Faschismus in anderen Ländern nicht zu scheuen brauchte. Diese Tatsachen ließen für sich genommen den Begriff "Austrofaschismus" als zulässig erscheinen.
Allerdings gibt es mehrere gute Argumente, sich der Definition Otto Bauers anzuschließen, der von einem "Halbfaschismus" sprach: Wie bereits erwähnt wurde die eigentliche faschistische Bewegung, die Heimwehr, im "Ständestaat" völlig entmachtet. Lässt sich außerdem noch darüber streiten, ob die Heimwehr über eine aktivierbare Massenbasis nach faschistischem Muster verfügte, kann dies im Falle von Dollfuß/ Schuschnigg klar verneint werden. Den Versuchen des Regimes, im Nachhinein eine derartige Basis zu schaffen war kaum Erfolg beschieden.
Auch ihrem Anspruch nach vertraten die österreichischen Diktatoren im Unterschied zu anderen, eindeutig faschistischen Führern eine andere Politik. Während sich faschistische Bewegungen allerorts als Renegaten gegen "das System" gebärdeten, von "Revolution" schwadronierten und versprachen, sie würden einen völlig neuen Staat erschaffen, traf auf die österreichischen "Führer" ähnliches nicht zu. Dollfuß kam aus einer bürgerlichen Partei (die er allerdings weit nach rechts getrieben hat), er sah sich als Garant des bisherigen Einflusses dieser Partei, nicht als ihr Totengräber. Seine Macht stützte sich ebenso wie die seines Nachfolgers ab Februar 34 praktisch ausschließlich auf traditionelle Machtgruppen: Kirche, Beamtenschaft, Militär, Unternehmer. Mit allen Fasern verkörperten Dollfuß und Schuschnigg in erster Linie eines: Tradition. Sie versuchten gar nicht erst vorzugeben, etwas neues zu wollen. Sie sehnten sich zurück ins Mittelalter – und das sagten sie öffentlich. Damit sind aber wesentliche Kriterien zur Klassifizierung "faschistisch" nicht vorhanden. Und Otto Bauer nichts hinzuzufügen.










