Vom Patriotismus und dem Abwehrkampf gegen Hitler-Deutschland…
Der austrofaschistische Ständestaat wurde von den damaligen ProtagonistInnen der Christlich-Sozialen immer wieder als notwendige Maßnahme im Abwehrkampf gegen Nazi-Deutschland dargestellt. Auch heute ist diese Meinung in der Nachfolgeorganisation der Christlich-Sozialen, der ÖVP, weit verbreitet. Diese „Geschichtsauffassung“ konkurriert aber eher mit den Märchen der Gebrüder Grimm und hat mit einer wissenschaftlichen Geschichtsaufarbeitung wenig zu tun.
„Der Staat, den keiner wollte“
Österreich zählte nach dem 1. Weltkrieg zu den so genannten Verliererstaaten. Die Monarchie ging dank dem Widerstand der ArbeiterInnen gegen eine erneute Etablierung des alten Systems, das die Weltkriegs-Katastrophe herbeigeführt hatte, zu Grunde. Die von der ArbeiterInnenbewegung verhasste Monarchie wurde durch eine demokratische Republik abgelöst, und die vom Kaiser und seinen Getreuen unterdrückten Völker erkämpften sich ihre eigenen Staaten.
Die alten Eliten in Österreich, die mit dieser Demokratie gar nichts anfangen konnten, sehnten sich nach alter Stärke und altem Einfluss. Dieser Drang manifestierte sich einerseits in dem Bestreben, die demokratischen Errungenschaften wieder verschwinden zu lassen, und andererseits im Wunsch nach dem Anschluss an Deutschland. Allerdings wurde dies Österreich in den Friedensverträgen von St. Germain untersagt. Der Anschlussgedanke an Deutschland ist somit so alt wie die 1. Republik selbst.
Nicht nur in konservativen und reaktionären Kreisen bestand der Anschlusswunsch. Auch die SDAP und ihr damaliger Parteivorsitzender Otto Bauer befanden einen Anschluss an Deutschland als etwas Positives. Natürlich waren die Beweggründe völlig verschiedene. Während die konservativen Kräfte an den alten Reichsgedanken, der sich noch auf das heilige römische Reich bezog und den Nationsbegriff aus der gemeinsamen Sprache ableiteten bezogen, galt für die SozialdemokratInnen die Losung Bauers: „Deutschland, das bedeutet Revolution, das ist die große Zukunft des Sozialismus.“
Es drehte sich bei der SDAP nicht um den Wunsch nach einem großen deutschen Reich. Vielmehr ließ die Analyse der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keinen anderen Schluss zu. (Als Hitler 1933 in Deutschland zum Reichskanzler gemacht wurde, wurde diese Forderung aus dem Parteiprogramm gestrichen.)
Die Aufbereitung des Anschlusses
Am 12. Februar 1934 kam es zum Ausbruch des österreichischen BürgerInnenkrieges. Die Christlich- Sozialen vollendeten ihr in der gesamten Geschichte der 1. Republik angestrebtes Werk, verboten endgültig alle demokratischen Institutionen und zerschlugen sämtliche Einrichtungen und Errungenschaften der österreichischen ArbeiterInnenbewegung.
Die erste wichtige Voraussetzung für den „Anschuss“ war somit vollzogen: Diejenigen, die sich am entschiedensten gegen den Faschismus gewehrt hatten und dies auch in Zukunft getan hätten, wurden aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben verbannt. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Austrofaschisten mit ihrer Politik dem Nationalsozialismus den Weg ebneten, stellt der offen zu Tage tretende Antisemitismus dar, der von führenden Persönlichkeiten des Ständestaates propagiert wurde.
Noch zu Zeiten der ersten Republik stellte Leopold Kunschak (Gründer des christlich-sozialen Arbeitervereins) die Forderung nach einer „Lösung der Judenfrage“ auf. Zwar wurde immer wieder versucht, sich vom rassischen Antisemitismus der Nazis zu distanzieren, aber die Grenzen verschwammen zusehends. So wurde z.B. auch die Ansicht einer jüdischen Weltverschwörung vertreten. Der hohe Klerus, dessen Einfluss auf das Regime im Ständestaat wohl außer Frage steht, sprach vom schädlichen Einfluss des Judentums auf die christliche Gesellschaft und auf das Abendland.
Heimwehrführer Starhemberg philosophierte von einem „Volksstaat“, in dem nur jene leben sollten, die die „Rasseninstinkte der Deutschen tragen“. Zwar wurde auf Grund strategischer außenpolitischer Überlegungen die antisemitische Einstellung vertuscht (Eine Abgrenzung zu Hitlerdeutschland war gegenüber den westlichen Staaten eine politische Notwendigkeit für Dollfuß und Schuschnig), doch 1936 meinte der bereits oben erwähnte Kunschak: „Entweder löst man die Judenfrage rechtzeitig, Eingebungen der Vernunft und der Menschlichkeit folgend. Oder sie wird gelöst werden, wie das unvernünftig Tier seinen Feind angeht, im Toben wild gewordenen Instinkts.“
Das „Schicksal“ nimmt seinen Lauf…
Der Boden für den Anschluss war also bestens aufbereitet. In den folgenden Jahren setzte Hitler Schuschnig, der Dollfuß nach seiner Ermordung bei einem Putschversuch der Nationalsozialisten als Kanzler folgte, immer mehr unter Druck. Der wichtigste außenpolitische Partner der Austrofaschisten, Benito Mussolini, geriet auf Grund seines Abessinienfeldzuges und der daraus resultierenden internationalen Isolation, selbst immer mehr in die Abhängigkeit Hitlerdeutschlands und war somit nicht mehr gewillt, die Rolle der Schutzmacht Österreichs gegenüber Deutschland zu spielen.
Schuschnig vermied es weiterhin, eine Versöhnung mit den Revolutionären SozialistInnen zu suchen und setzte seine Hoffnungen darin, Hitler mittels Verträgen und Abkommen so zu binden, dass ein Anschluss nicht in Frage kommen würde. Bereits im so genannten Juliabkommen von 1936 zeigte sich, dass diese Taktik nicht funktionieren konnte: In einem geheimen Zusatzprotokoll verpflichtete sich Schuschnig, zwei Nationalsozialisten in seine Regierung aufzunehmen (Arthur Seyß Inquart als Staatsrat und Guido Schmid als Staatssekretär für Äußeres).
Weiters wurde auf Grund des Zusatzprotokolls das „Volkspolitische Referat“ innerhalb der Vaterländischen Front (die einzige offizielle politische Organisation im Ständestaat, kurz VF) geschaffen. Dieses Referat hatte einzig und alleine den Zweck, Nazis in Österreich die Möglichkeit zu geben, sich offiziell politisch zu organisieren. Die nationalsozialistische Unterwanderung des Ständestaates war damit endgültig vorprogrammiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Christlich-Sozialen, wie schon vor 1934, die Aussöhnung mit den Nazis suchten und nicht die Unterstützung der antifaschistischen Kraft der ArbeiterInnenbewegung nutzen wollten.
1938 bestellte Hitler den österreichischen Kanzler nach Berchtesgaden, um noch einmal den Druck zu erhöhen. Hitler drohte offen mit dem Einmarsch, wenn nicht weitere Konzessionen an ihn gemacht würden, wie die Wiedereinstellung entlassener Nazi-Beamter in Ministerien und der Angelobung von Seyß Inquart zum Innenminister und somit zum Chef der Polizei.
Das Aufflackern der ArbeiterInnenbewegung
In der Ahnung, dass die Herrschaft Hitlers Krieg bringen würde und die Nazis die Verfolgung von SozialistInnen und JüdInnen um mindestens eine Stufe steigern würden, suchten die in die Illegalität gedrängten Revolutionären SozialistInnen den „Schulterschluss“ mit Schuschnig.
Bei der ersten legalen Konferenz der Revolutionären SozialistInnen seit dem 12.2.1934, der so genannten Floridsdorfer BetriebsrätInnen- Konferenz vom 7.3.1938, wurde unter der Bedingung „Erst frei sein, dann kämpfen!“, beschlossen, sich gemeinsam mit den Austrofaschisten Hitler in den Weg zu stellen, wenn die ArbeiterInnenbewegung und ihre Organisationsformen wieder legalen Status erhalten würden.
Aber der Kanzler nahm diese Unterstützung nicht an und suchte sein Heil in einer Volksbefragung. Hitler fasste diese Befragung als Provokation auf und zwang Schuschnig mit Hilfe der bereits in die VF eingesickerten Nazis und der militärische Stärke Deutschlands am 11.3.1938 abzudanken. Er verabschiedete sich im Radio mit der Bitte keinen Widerstand zu leisten, um kein „deutsches Blut“ zu vergießen. Nicht unbedingt ein heldenhafter Akt wenn man bedenkt, dass die konservative Geschichtsschreibung auch heute nicht müde wird zu behaupten, die Austrofaschisten hätten einen „patriotischen Abwehrkampf“ geführt.
Klaus Seltenheim
Trotzdem Februar 2008
Der „Anschluss“ in Zahlen
12.11.1918: Ausrufung der Republik Deutschösterreich.
30.1.1927: Blutige Auseinandersetzung zwischen dem republikanischen Schutzbund und der faschistischen Heimwehren
15.7.1927: Justizpalastbrand nach dem Freispruch der Mörder von Schattendorf
18.5.1930: Bekenntnis der Heimwehren zum Faschismus: Korneuburger Eid
12.2.1934: BürgerInnenkrieg in Österreich und daraus resultierendem Verbot aller sozialdemokratischen Organisationen.
25.7.1934: Juliputsch der Nationalsozialisten. Dollfuß wird dabei ermordet.
11.7.1936: Juliabkommen: Nazis werden in die Regierung aufgenommen.
12.2.1938: Hitler lädt Schuschnig nach Berchtesgaden und fordert weitere Konzessionen.
7.3.1938: BetriebsrätInnen Konferenz in Floridsdorf.
9.3.1938: Schuschnig kündigt für 13. März eine Volksbefragung an.
11.3.1938: Schuschnig tritt auf Druck Hitlers zurück und ernennt Seyß Inquart zu seinem Nachfolger.
13.3.1938: Inquart unterzeichnet in Linz das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“.
15.3.1938: Hitler verkündet auf dem Heldenplatz „den Eintritt meiner Heimat










