Freitag 12. März 2010
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Inhalt:

Faschismus

Faschismus in Österreich: Grüß Gott und Heil Hitler (1)


Das nationalsozialistische Gespenst ist 1938 über ein in den Unruhen der Zwischenkriegszeit steckendes Österreich hereingebrochen und hat einen friedliebenden, souveränen Staat als sein erstes Opfer verschlungen. Damit wurde das " ... macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt ..., den kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instand gesetzt war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer Österreicher jemals Gefühle der Feindschaft oder des Hasses gehegt hat ... "(2) gedrängt. Durch den mutigen Widerstand der freiheitsliebenden Bevölkerung wurde der NS-Terror besiegt und nach weiteren zehn harten Jahren in der Knechtschaft der alliierten Besatzung - was schlimmer war wollen wir lieber "heute nicht bewerten"(3) - war der Weg für den Neubeginn der II Republik schließlich geebnet.


Totalitarismustheorie

Viele ÖsterreicherInnen, nicht nur jene, die bewusst Faschismus als ein historisches Phänomen des 20. Jahrhunderts abtun und eine Analyse auf der Basis der Ursachen und Triebkräfte die zum Faschismus führen verweigern, vertreten solche Interpretationen. Historische Tatsachen wie der Austrofaschismus werden einfach unter den Tisch fallen gelassen (im ÖVP-Klub eben an die Wand gehängt), um nur ja den für Österreich existenzbegründenden Opfermythos nicht in frage zu stellen. Für viele ÖsterreicherInnen, auch außerhalb des braunen Dunstkreises, ist die Totalitarismus-Theorie ein häufiges Erklärungsmuster von Faschismus. Es wird die einfache Rechnung gemacht, dass es in faschistischen Ländern wie auch im Nationalsozialismus genauso wie in ehemals "kommunistischen" Ländern ein totalitäres Regime gäbe. Dies ist jedoch eine mangelhafte Analyse. Wichtig ist für uns, sich die hinter dem System stehenden Interessen und Konzepte anzusehen.


Volk und Nation statt Klasse

Typisch für faschistische Systeme ist der Anspruch, auf der Seite des "kleinen Mannes" zu stehen. Während die Staatsform mit einem "Staat aller Stände" vorgibt, die Klassen geeint zu haben, wird gegen das Hochfinanzkapital gewettert. In Österreich besonders stark in Heimwehrkreisen nach dem großen Bankencrash und in Deutschland vor allem als Teil der antisemitischen Propaganda. Im Ständestaat und während des Nationalsozialismus spielte die Schaffung eines Nationalgefühls eine ganz we-sentliche Rolle. Der "Staat aller Stände" und der Nationalsozialismus gaben vor, trotz krasser gesellschaftlicher Widersprüche, die Klassen zu vereinen, um gegen die "Bolschewisten" und das Außerösterreichische kämpfen zu können. Im Nationalsozialismus war vor allem auch Antisemitismus ein essentieller Faktor. Sowohl die NSDAP als auch die Christlichsoziale Partei versuchten als "Volkspartei" die Massen zu mobilisieren und im System zu aktivieren. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus gelang es im Austrofaschismus der Vaterländischen Front nur unzureichend, die Massen zu binden. Deshalb blieb die austrofaschistische Herrschaft bis zuletzt eine Diktatur mit vergleichsweise geringer "Rückendeckung" durch das Volk.


Die Pfaffen:

Während die Katholische Kirche im Nationalsozialismus zwar keine rühmliche, aber auch keine tragende Rolle hatte, war sie im österreichischen Ständestaat ein zentraler Machtfaktor, in dem Antisemitismus ebenso wie im christlich sozialen Lager tief verwurzelt war. Ein nicht unwesentliches Element in Bezug auf die in Österreich beispielhaft verlaufene NS-Juden- und Jüdinnenverfolgung. Die Katholische Kirche erhielt ein bedeutendes Mitspracherecht im Ständestaat und einen großen Einfluss auf das Schulwesen. In der Schaffung des Ständestaats berief sich Dollfuß auf die Enzyklika "Quadragesimo anno", in der Papst Pius XI. 1931 die ständische Ordnung als die genuin christliche und gottgewollte soziale Ordnung dargestellt hatte. Aus diesen Gründen sprechen wir auch heute zurecht von "Klerikalfaschismus". Als Bundeskanzler tat Schuschnigg in einer Rede kurz vor dem Anschluss kund: "Gott schütze Österreich". In der Tat ist der heroische Kampf der Austrofaschisten(4) um den Schutz der Republik gegen den Nationalsozialismus eine Mär. Solange die eigene Machtposition sicher schien, waren ideologische Differenzen im Hintergrund. Dankte Maria Rauch-Kallat, nach dem Wahlsieg der christlichsozialen Volkspartei unserer Zeit, der ÖVP, dem selben Gott wie einst Schuschnigg?


Die Rolle der Bourgeoisie

Es ist auch wichtig zu sehen, wer ein faschistisches System sowohl in Deutschland als auch in Österreich ermöglicht hat. Denn sowohl in Österreich als auch Deutschland erfolgte die Machteroberung durch die faschistischen Partei mit der aktiven Unterstützung oder der wohlwollenden Duldung der in der bürgerlichen Demokratie herrschenden Gruppen. Das heißt, besonders Industrielle und ein Großteil der Wirt-schaft hatten ein großes Interesse an der Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung, an einem Zurückdrängen der marxistischen Ideologie und des drohenden Klassenkampfes der in den Gewerkschaften und in der Partei organisierten SozialistInnen. Es geht aber nicht nur um die Bestrebungen zur Profitmaximierung des Großkapitals sondern im Wesentlichen auch um die politische Reaktion des Mittelstandes auf die drohende Gefahr von sozialer Deklassierung.


Der Hauptfeind: ArbeiterInnenbewegung

Eine der wichtigsten Zielsetzung im Faschismus ist die Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung. Der Austrofaschismus leistete dem Nazi-Faschismus bedeutend Vorarbeit bei der Zerstörung der Strukturen der ArbeiterInnen. Das spätere Vorgehen im Nationalsozialismus war noch rigoroser und von lückenloserem Charakter. Doch auch der christlichsoziale Ständestaat agitierte ganz vehement gegen den Sozialismus und trachtete nach einer Ausrottung dieses ideologischen Hauptfeindes.


Weshalb "Wehret den Anfängen"?

Niemand kann heute behaupten, der Faschismus sei Gegenstand eines lediglich historischen Interesses. Nur wenn wir die Gefahren, die Ursachen und die Triebkräfte die dem Faschismus zu Grunde liegen - also die Interessen des Kapitals in Phasen kapitalismusimmanenter Krisen und durch sie hervorgerufene sozialer Spannungen - erkennen, können wir wirksam gegen Faschismus kämpfen. ProletarierInnen aller Länder vereinigt euch!


Gregor Dolleisch, Stefan Schmid

Trotzdem Dezember 2002


1 Moritz, Stefan: Grüß Gott und Heil Hitler. Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich, 2002
2 Unabhängigkeitserklärung von SPÖ, ÖVP, KPÖ, April 1945
3 Ewald Stadler zu den Inhalte seiner Sonnwendfeieransprache 2002
4 In diesem Artikel wird bei Diktionen wie Austrofaschisten und Nationalsozialisten auf die geschlechtergerechte Formulierung verzichtet. Wichtige Positionen wurden ausnahmslos von Männern bekleidet.

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