Rechte Jugendkultur
Rockbands als kriminelle Vereinigungen, rechte Liedermacher, Antisemitismus bei der Love-Parade und nordische Kämpfer für ein deutsches Volk – ein Streifzug durch die Untiefen rechter Jugendkultur.
Rechtsrock
Nicht nur juristisch Interessierte kamen etwas ins Staunen als die Neonazi-Rockband „Landser“ 2003 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt wurde. Landser wurde vorgeworfen die „Beseitigung von Juden und Ausländern durch Mord und Vertreibung zu propagieren“ und dabei konspirativ vorzugehen. Eine Rockband als kriminelle Vereinigung, das war selbst für die ansonsten nicht zimperliche Rechtsrock-Szene eine neue Qualität.
Als „Gründungsvater“ der Rechtsrockszene gilt im allgemeinen Ian Stuart Donaldson, Sänger der prototypischen Neonazi-Skinband „Skrewdriver“, die vor allem in Deutschland erfolgreich war. Donaldson gilt als Initiator von „Rock against communism“ einer Gegenbewegung zu „Rock against racism“ und gründete Mitte der 80er Jahre das neonazistische Blood&Honour-Netzwerk. Der Name bezieht sich auf „Blut und Ehre“, einen Fahneneid der Hitlerjugend.
Donaldsons selbsternanntes Ziel war es, „mittels der Musik den Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen“. So agiert Blood&Honour auch als international tätiges Netzwerk, über das vor allem Tonträger aber auch sonstiges Propagandamaterial vertrieben wird. Von B&H organisierte Konzerte dienen zu einem guten Teil der sozialen Festigung der rechten Szene, sind aber ebenso Umschlagplätze für Infomaterial und Foren für strategische Fragen. In Deutschland ist diese Organisation seit 2000 offiziell verboten aber nach wie vor aktiv, auch über Landesgrenzen hinweg (z.B. Österreich). Donaldson starb 1993 bei einem selbstverschuldeten Autounfall und wird in rechten Kreisen seitdem wie eine Ikone verehrt.
Odins dunkle Krieger
Letzten Sommer gelangte mit der, durch öffentlichen Druck erzeugten, Absage des einschlägigen VAWS-Festivals ein weiterer Aspekt rechtsextremer Musik an die (interessierte) Öffentlichkeit: Gothic bzw. Dark Wave. Dort wo die Gothic-Szene in Mystizismus, Esoterik, germanische Sagen und Neuheidentum schwelgt, findet man die Schnittstellen zu rechter Ideologie.
Da kommt es dann mitunter schon vor, wenn gezielt Anleihe an Himmlers SS-Mystizismus genommen wird und ganz unbekümmert dessen Symbole - schwarze Sonne, SS-Totenkopf, etc. - hervorgekramt werden. Nicht umsonst kümmern sich das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ und die „Junge Freiheit“ immer wieder um Themen aus der Gothic-Szene.
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Info-Box Rechte Codes
Um sich bei einigen Äußerungen rechtliche Folgen zu ersparen, hat sich eine Reihe von Codes gebildet die deren Verfolgung verunmöglichen. Die Zahlen beziehen sich auf das Alphabet.18 – AH – Adolf Hitler 28 – BH – Blood&Honour (neonazistisches Skinhead-Netzwerk) 84 – HD - Heil Deutschland 88 – HH – Heil Hitler 14 – „fourteen words“ des Rechtsterroristen David Lane – „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und auch die Zukunft unserer weißen Kinder sichern“ Darüber hinaus werden zahlreiche Abkürzungen verwendet: RaHoWa – Racial Holy War – Heiliger Rassenkrieg ZOG – Zionist Occupied Government – von Zionisten beherrschte Regierung |
DJ Adolf
„Friede, Freude, Eierkuchen“ war ein Motto der, ursprünglich als politische Demonstration durchgeführten, Berliner Love-Parade. Dass Teile der Techno-Szene und Paraden-Organisator Matthias Roeingh (besser bekannt als Dr. Motte) im Besonderen wenig Berührungsängste mit rechtem Gedankengut haben, scheint da kein Widerspruch zu sein.
So empfahl Roeingh im Vorfeld einer der Paraden den Juden der Welt „sie sollten doch mal eine neue Platte auflegen und nicht immer nur rumheulen“. Aber nicht nur die vergleichsweise fröhliche Love Parade als Groß-Event der „unpolitisch“ geltenden Techno-Szene hat Probleme mit rechten Rülpsern.
So hat vor allem die Gabba-Szene (Gabba ist eine sehr harte und schnelle Variante von Techno) mit einem veritablen Image-Problem zu kämpfen. Hauptgrund dafür ist wohl, dass Leute auf Gabba-Parties für das ungeschulte Auge nur schwer von den, als Rechte gebrandmarkten, Skins zu unterscheiden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Haartracht recht ähnlich, nämlich gering, ist und andererseits viele ehemalige Skinheads in die Gabba-Szene übergewechselt sind.
Der Grund für diesen „Szenen-Wechsel“ liegt teilweise an der schwindenden Attraktivität der Skin-Szene aber auch an der weit weniger lustfeindlichen Atmosphäre der erlebnisorientierten Parties. Da das Potential für die Durchdringung der Szene mit rechtem Gedankengut aber durchaus vorhanden ist, mag es nicht verwundern, dass immer wieder Tracks von „DJ Adolf“ oder Titel wie „Powerstation Holocaust“ auftauchen.
Rechte Barden
Aber nicht nur bei den aktuellen musikalischen Favoriten nimmt rechte Propaganda ihre Anleihen. Als musikalisches Bindeglied zwischen aufrechten alten Kämpfern und rechtsextremen Jugendlichen eignen sich Rechtsrock und Techno ja nur bedingt. Was liegt also näher als der Rückgriff auf den traditionellen Liedermacher, diesmal nur mit anderen politischen Vorzeichen. Wenn etwa Frank Rennicke, der sich musikalisch auf Hannes Wader und Reinhard Mey beruft, davon singt, wie stolz er sei „deutsch zu fühlen“ und vor der Überfremdung durch „Snackbars und Kolchosen“ warnt, findet er Alt wie Jung einen gemeinsamen musikalischen Nenner.
Dress Codes
Ein weites Feld mit breitem Interpretationsspielraum bilden rechtsextreme Kleidungs-Codes. Weiße Schuhbänder, Bomberjacken, „Fred Perry“- und „Lonsdale“-T-Shirts (oder T-Hemden, wie es so schön heißt) sind die vermeintlichen Erkennungsmerkmale von Rechtsextremen und Nazi-Skins. Doch bei genauerer Betrachtung lassen sich hier selten allgemein gültige Erkenntnisse finden.
So werden die klassisch „rechten“ weißen Schuhbänder sowohl von rechten, linken als auch „unpolitischen“ Skins getragen, halt jeweils mit anderer Interpretation. Mal als Zeichen für die weiße Rasse, mal als Zeichen der Verbindung zwischen Schwarz und Weiß. Ebenso diffizil ist es mit den „Lieblings-T-Shirts“ der Rechten. „Fred Perry“-Hemden wurden auf Grund des Lorbeerkranzes und der Farbkombination der Kragenstreifen (ergeben bei einem Modell die Farben der Reichskriegsflagge) und „Lonsdale“-T-Shirts auf Grund des Schriftzuges, der bei darüber getragener Jacke NSDA (als Anspielung auf NSDAP) zum Vorschein bringt, zu rechten Lieblingsmarken. Nach der Vereinnahmung durch Rechtsextreme startete etwa Lonsdale eine Kampagne unter dem Motto „Lonsdale loves all colours“, Fred Perry stoppte gar die Auslieferung an rechte Versandhäuser.
Übrigens
Der deutsche Bundesgerichtshof hat am 10. März 2005 das Urteil des Kammergerichts Berlin gegen „Landser“ bestätigt, worin diese als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde. Sänger Michael Regener wurde zu rund dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.
Robert Strayhammer
Trotzdem April 2005
Links:
Das Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen
Informationsdienst gegen Rechtsextremismus
http://www.im.nrw.de/sch/doks/vs/musik_mode_markenzeichen.pdf (manches verkürzt wiedergegeben)
Buchtipp:
Christian Dornbusch, Jan Raabe (Hg): RechtsRock, Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Unrast Verlag










