Brauner Black Metal
Ein rechtsextremes „Dunkelheitsfest“, ein Black-Metal-Konzert, das zunächst in NÖ und dann in Graz geplant war, sorgte für öffentliche Proteste der SJ, die schließlich zum Scheitern der Veranstaltung beitrugen. Was aber steht hinter den rechten Versuchen, bestimmte Jugendkulturen zu unterwandern?
Musik ist mehr als nur das Geklimper im Radio, das zwischen der Werbung als Unterbrechung kommt, sondern verfügt über eine emotionale Funktion. Mittels Musik können Verbindungen und Abgrenzungen zu anderen geschaffen werden. Musik umfasst daher eine tiefgehende politische und soziale Komponente und ist eine Ebene kultureller Auseinandersetzung, um politische Macht und Einfluss.
Musik als Instrument der Ideologievermittlung
Dieses war Ian Stuart, Mitglied der Nazi-Skinband Skrewdriver und späterer Mitgründer des in Deutschland mittlerweile verbotenen Neonazi- Netzwerks Blood & Honor bewusst, als er vor gut 20 Jahren formulierte: „Viele finden die Politik, parteipolitisch gesehen, langweilig [...]. Es ist doch viel angenehmer, mit anderen ein Konzert zu besuchen und Spaß zu haben, als in eine politische Versammlung zu gehen.“
Skrewdriver waren die ersten, die neue Erscheinungsformen der Jugendkultur – in ihrem Fall Punk – mit alten Botschaften vermischten. Den Rechten war klar, dass über die konventionelle Schiene der politischen Agitation sie nicht den entsprechenden Zulauf gewinnen würden. Die alternative Jugendkultur mit ihrer Anti-Mainstream-Attitüde war eine Möglichkeit für das Ansprechen von Jugendlichen. Anti-Mainstream- Attitüde aber in diesem Fall nicht als eine Ablehnung des „rechten/ kommerziellen Mainstreams“, wie es aus linker Sichtweise passiert, sondern aus einer rechten Lesart als Ablehnung des „linken Tugendterror“ oder gegen die „kommerzielle Entgeistigung“.
Die Rechte begann damit an das Konzept der kulturellen Hegemonie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci anzuknüpfen. Sie begann „alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen“, in dem sie an die geänderten Lebensrealitäten und jugendkulturellen Ausdrucksformen anknüpfte, ohne die Inhalte zu verändern.
Der Aufstieg des Black Metal
Black Metal (BM) definiert sich per se als unpolitisch, und auch die meisten seiner Fans würden jede Beziehung dieser Musik zur Politik abstreiten. Unter der Oberfläche jedoch sind zahlreiche Schnittflächen zwischen Black Metal und Rechtsextremismus erkennbar, die sich aus der geschichtlichen Entwicklung des BM ableiten lassen.
Begonnen hat die Entstehung Anfang der 80er-Jahre als Weiterentwicklung des Heavy Metals, der sein Erneuerungspotenzial für die Musikentwicklung erschöpft hatte. Der Devise „schneller, lauter, härter“ folgend, hatte die britische Band Venom das Album „Black Metal“ eingespielt – auf dieses geht die Bezeichnung der Musikrichtung zurück. Die Abkehr von der Mehrheit wurde als Anti- These zum christlich-humanistischen Mainstream formuliert. Man wollte ganz „shocking“ sein und hatte ein extrem elitär-individualistisches Bewusstsein. 1984 veröffentlichte die schwedische Band Bathory ihr gleichnamiges Album, welches die weitere Entwicklung durch einen rauen Proberaum- Sound musikalisch formte.
Die schwarze Braunzone
Nach einer Flaute Ende der 80er-Jahre erhielt der BM neue Impulse durch die so genannte „zweite Generation“, die in Norwegen ihren Ursprung rund um die Band Mayhem hatte. Sie griffen den rauen Bathory Sound auf und drehten an der Provokationsschraube zur Steigerung der elitären Authentizität. Mayhem stand im Mittelpunkt der Entwicklung des „Inner Circle“ rund um den Plattenladen Helvete (dt. Hölle), der 1991 in Oslo eröffnet wurde. Dem Kern des „Inner Circle“ wird die Verantwortung für die Kirchenbrände Anfang der 90er-Jahre in Norwegen zugeschrieben.
Vikernes begründete den Mord an Euronymus mit der kommunistischen Einstellung bzw. Homosexualität des Opfers, was ihm einen unglaublichen Glaubwürdigkeitsgewinn in der rechten Szene zu Teil werden ließ und ihm erlaubte, aus dem Gefängnis heraus entscheidend auf die Vorgänge vor den schwedischen Gardinen Einfluss zu nehmen.
Der rechte Zweig im Black Metal
War Black Metal bis dahin von einer grundsätzlichen Anfälligkeit für rechte Ideologie geprägt – siehe Ablehnung des „judeo-christlichen“ Weltbildes, Elitendenken, Huldigung nordisch-arischer Werte, Sozialdarwinismus, etc. – kam es Anfang der 90er zu tatsächlichen Verknüpfungen zwischen rechter Polit-AktivitstInnen- Szene und dem BM.
Aus dem Gefängnis heraus gründete Vikernes die „Norwegische Heidnische Front“ (später auch als „Allgermanische Heidnische Front“ bezeichnet), während er musikalisch mit der Ein-Mann-Band Burzum den NS-BM begründete. Dass er damit prägend wirkt(e), ist bis heute daran erkennbar, dass von fast jedem BM-Versandhaus Burzum Tonträger vertrieben werden und unzählige Bands sich in Interviews auf Burzum beziehen.
Ähnlich wie in Norwegen war es auch in Deutschland ein Mord, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Querverbindungen zwischen BM und Rechter Szene lenkte. Im April 1993 töteten Mitglieder der Band Absurd einen Klassenkollegen mit satanistischen Praktiken. Der Haupttäter Hendrik Möbus wurde durch die Tat, aber vor allem durch die Begründung des Mordes über Nacht zum Szene-Idol der Rechten. Er wurde zu einer mehrjährigen Jugendhaftstrafte verurteilt, jedoch im Frühjahr 1998 entlassen, worauf er umgehend sein Engagement wieder aufnahm.
Er gründete das Label „Darker than Black (DTB)“ und – die Idee Vikernes aufgreifend – die „Deutsche Heidnische Front (DHF)“, beide als Bindeglieder zur Rechten Szene. Mittels der DHF knüpfte er an das schon oben erwähnte Blood & Honor-Netzwerk an, während durch das DTB-Label die Musik über den Kreis der Metal-Fans hinaus populär gemacht wurde, während rechte Ideologie erstmalig auch den Kreis der „unpolitischen“ bzw. präziser formuliert, politisch nicht organisierten Metal Fans erreichte.
Black Metal ohne Rechte
Spätestens seit Anfang/Mitte der 90er-Jahre steht der rechte Zweig des Black Metal in Deutschland ebenso wie Skin- und Rechtsrock unter Beobachtung von Verfassungsschutz und Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel die Kampagne turnitdown.de belegt. Wie schon mehrfach angedeutet, geht es nicht darum, Fans der „schwarzen Musik“ per se in ein rechtes Eck zu stellen – vielen wäre hier grobes Unrecht angetan. Anlässe, wie das „Dunkelheitsfest“ oder Blood-and- Honour-Konzerte in Vorarlberg zeigen aber, dass es auch in Österreich notwendig ist, Versuche von Rechten, Jugendkulturen zu unterwandern und für sich zu vereinnahmen, zu beobachten und zu bekämpfen.
Torsten Engelage
Trotzdem November 2005










