Mittwoch 8. Februar 2012
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Atomenergie

Atomkraft: Keine Lösung für das Klimaproblem


Weltweit werden jährlich durch menschliche Tätigkeitenca. 23.000 Mio. Tonnen CO2
freigesetzt. Nur rund ein Drittel davon, nämlich 7.500 Mio. Tonnen, wird durch die Stromproduktion verursacht. Der Rest wird vom Verkehr, der Industrie und den Haushalten ausgestoßen.

Die angeschlagene Nuklearindustrie

Der in den Fünfzigern und Sechzigern geträumte Traum der zivilen Nutzung der Atomenergie war hochtrabend: Die neue Energiequelle würde so billig sein, dass sich das Abrechnen beim Verbraucher gar nicht mehr lohne - "too cheap to meter" lautete die Devise. Energieknappheit sollte ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Die Träume der Atomlobby sind mittlerweile wie Seifenblasen zerplatzt. Zwar gab es in den USA in den sechziger Jahren einen wahren "AKW-Boom", der mit Verzögerungen auch auf Europa übergriff. Mitte der 70er Jahre aber setzte eine Trendumkehr ein. Sämtliche heute noch laufenden AKW in den USA wurden zwischen 1963 und 1973 in Auftrag gegeben. Von den rund 140 Reaktoren, die später in Auftrag gegeben wurden, wurde kein einziger gebaut oder gar in Betrieb genommen.

In Europa gingen die Uhren langsamer, der Richtungswechsel fand dennoch statt: Die Entscheidung der ÖsterreicherInnen im Jahre 1978, das AKW Zwentendorf nicht in Betrieb zu nehmen, die Entscheidung Schwedens, sein Nuklearprogramm zu beschränken, die Aufgabe der Wiederaufarbeitungsanlage im deutschen Wackersdorf und des Schnellen Brüters in Kalkar waren deutliche Anzeichen dafür. Unterstützung fand das Atomprogramm in Europa tatsächlich nur noch durch Frankreich.

Die Explosion eines Reaktorblocks in Tschernobyl 1986 und die sich in der Folge über Europa ausbreitende radioaktive Wolke stellten einen weiteren vehementen Rückschlag für die Atomindustrie dar. Italien zog die einzig richtige Konsequenz aus der Katastrophe und nahm seine AKW vom Netz. Von den euphorischen Prognosen der Atomindustrie der siebziger Jahre ist letztlich nicht viel geblieben: Nur 17 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs werden durch nukleare Energie gedeckt. 36 Prozent werden durch Kohle gedeckt, 22 Prozen tstammen aus so genannten erneuerbaren Energiequellen (Wasserkraft miteingerechnet), Gas und Öl tragen 16 bzw. 9 Prozent bei. Von einer "Überlegenheit" der Atomenergie kann keine Rede sein.

Weltweit laufen nach den neuesten offiziellen Angaben derAtomenergiebehörde, der IAEO (Nuclear Power Status 1999 vom 6. März 2000) 436 AKW, 146 davon in der EU. Es gibt insbesondere in den westlichen Ländern - mit Ausnahme von Frankreich - entweder ein De-facto-Moratorium oder konkreteAusstiegspläne. Von den rund 200 Staaten dieser Welt betreiben nur 32 AKW. Nennenswerte Mengen an Atomenergie erzeugen nur fünf Staaten weltweit: USA, Frankreich, Russland, Japan und Deutschland.


Seit beinahe zehn Jahren werden in Westeuropa und den USA ständig mehr Reaktoren vom Netz genommen als neue angeschlossen. Nur in Osteuropa werden noch einige Reaktoren fertig gebaut - zum Teil schon seit über 15 Jahren und unter ständig zunehmendem Widerstand. In Asien versucht sich die Atomlobby nach denRückschlägen in den USA und in Europa einen neuen Markt zu erobern. Bisher mit mäßigem Erfolg.

Der Mythos von CO2-freier Atomkraft


Die angeschlagene Atomlobby strapaziert nur allzu gerne das Argument, wonach bei der Erzeugung von Atomstrom kein Kohlendioxid emittiert werde. Die Atomkraft leistesomit einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Klimaproblems, welches bekanntlich durch die Senkung der Emissionen von Treibhausgasen gelöst werden kann. Eine Analyse des deutschen Öko-Institutes zeigt jedoch deutlich, dass auch beider Atom-Stromproduktion CO2 entsteht - und zwar durch die Verwendung fossiler Energien während der gesamten nuklearen Brennstoffkette (Uranabbau,Urananreicherung, Brennelemente-Produktion, Transport, ...). Die CO2-Emissionist zwar geringer als bei der Stromerzeugung aus fossilen Kraftwerken, jedoch höher als bei alternativen Energieformen wie z.B. Wind, aber auch gasbetriebenen Systemen mit Kraft-Wärme Kopplung.

CO2-Einsparung durch AKW-Neubauten?
Nach Ansicht der Atomlobby würde folglich der Bau neuer Atomkraftwerke einen positiven Beitrag zum Weltklima leisten. Dies müsste zu einem massiven AKW-Ausbauprogramm in nächster Zukunft führen als Ersatz für fossile Kraftwerke.

Ein solch intensives Ausbauprogramm ist jedoch weltweit nicht in Sicht. Die westlichen Staaten planen keinerlei Neubauten, gibt es doch ohnehin Stromüberkapazitäten. Zudem wären AKW-Neubauten unökonomisch. Atomkraftwerke haben Amortisationszeiten bis zu 20 Jahren. Derartige Investitionen sind damit sehr riskant. Darüber hinaus gibt es weitaus günstigere Alternativen wie zum Beispiel die Energieeinsparung. Letztendlich steht die Öffentlichkeit der Atomenergie sehr kritisch gegenüber - aus gutem Grund. Sind doch die ökologischen Probleme - vom sogenannten Restrisiko bis zu den nicht vorhandenen Endlagern - bis heute nicht gelöst. Als warnende Beispiele seien hier nur Tschernobyl, Three Mile Island, Tokaimura, Sellafield oder La Hague genannt.

Auch in den Entwicklungsländern ist - abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen - kein Ausbau der Atomkraft in Sicht. Die oben angeführten Argumentegegen die Nuklearenergie gelten natürlich auch hier. Erschwerend kommt hinzu,dass in einem Großteil dieser Länder die Stromnetze sehr schlecht ausgebaut sind - also nicht für zentralisierte Anlagen wie AKW ausgelegt. Das gesamte Know-how müsste importiert werden. Eine sinnvolle Alternative zur Lösung dieser Probleme ist der Ausbau einer dezentralen Energieversorgung auf ökologischer Basis. Hiermit würde man den Entwicklungsländern einenTechnologiesprung ermöglichen, ohne die energiepolitischen Fehler der Industrienationen nochmals wiederholen zu müssen.

CO2-Anstieg durch Atom-Ausstieg?


Die Atomindustrie wird nicht müde zu behaupten, dass ein Ausstieg aus der Atomkraft unweigerlich zu einem Anstieg der CO2-Emissionen führen würde. Dabeibelegen neue Studien, dass durch Einsparungen und durch die Verwendung alternativer Energieformen sowohl der Ausstieg aus der Atomkraft wie auch eine drastische CO2-Emissionsminderung erreicht werden kann. So verdeutlichen etwa Hennicke und Lovins in ihrer Studie von 1999, dass unter der Bedingung einer "forcierten Vorrangpolitik von rationeller Energienutzung, von Kraft-Wärme/Kälte-Kopplung und Regenerativer Energie" sowohl der weltweite Atomausstieg als auch eine 50%ige Reduktion des CO2-Ausstoßes erreicht werden kann.


Auch Krause et al. kommen zu dem Schluss, es sei bei einem Angebot- und Nachfrageansatz sehr wohl möglich, bis zum Jahre 2020 EU-weit völlig aus der Atomkraft auszusteigen und gleichzeitig die CO2-Emissionen um mehr als 30% verglichen mit 1990 zu reduzieren. Die Strategie der AKW-Betreiber geht aber naturgemäß in eine völlig andere Richtung: Eine möglichst lange Betriebsdauerverlängerung und eine "Kapazitätssteigerung" der vorhandenen Anlagen. Ihr Interesse gilt aber nicht der Klimaproblematik.

Atomkraft als günstige Klimaschutzmaßnahme?


Die wichtige Frage in diesem Kontext ist: Wo ist ein Schilling am besten fürden Klimaschutz eingesetzt? Oder andersherum: Wo kann man mit einem Schilling ammeisten CO2 einsparen? Das Deutsche Öko-Institut hat errechnet, dass CO2-Vermeidung durch AKW statt Steinkohle 15-20 DM pro Tonne eingespartes CO2 kosten würde, ein Mix an Alternativen (Stromeinsparung, Kraft-Wärme-Kopplungbis zu Biomasse und Wind) im Mittel jedoch nur ca. 5 DM/t eingespartes CO2

Stetes Unfallrisiko und ungelöste Endlagerung


Neben den bereits ausgeführten Problemen spricht noch vieles mehr gegen die Nuklearenergie:

  • Das Risiko eines Super-GAUs ist bei keinem AKW auszuschließen.
  • Reaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen emittieren auch im Normalbetrieb Radioaktivität.
  • Weltweit gibt es kein Endlager für radioaktiven Abfall.
  • Der Ausbau von Kernkraftwerken in Entwicklungsländern birgt die große Gefahr der weiteren Verbreitung von waffentauglichem Material.

Atomkraft und die Kyoto-Mechanismen


Das Kyoto-Protokoll sieht vor, dass die Länder, die verpflichtende Emissionsreduktionen eingegangen sind, mehrere Möglichkeiten haben, diese zuerreichen. So können sie - neben Maßnahmen zur Emissionsreduktion im eigenen Land - auch einen Teil der Emissionsreduktionen durch die so genannten"Flexiblen Mechanismen" erreichen. Darunter versteht man den Handel mit Emissionsrechten (Emission Trading, Artikel 17) und emissionseinsparende Projekte in Ländern, die keinen verpflichtenden Emissionsreduktionen unterliegen (CDM, Clean Development Mechanism, Artikel 12).


Auch fällt die Realisierung emissionseinsparender Projekte in einem anderen Land, das ebenfalls Emissionsreduktions-Pflichten hat (JI, Joint Implementation, Artikel 6), unter diese Mechanismen. Die Reduktionen, die im Rahmen dieser Projekte erreicht werden, kann sich das Geberland anrechnen.

Im Kyoto-Protokoll sind all diese Mechanismen zwar aufgelistet, wie genau sie ausgelegt werden - und in welchem Maße sie genutzt werden dürfen - ist allerdings noch unklar.

Die Atomindustrie wittert in diesen Mechanismen ihre neue Chance. Die internationale Atomlobby hat im Juni 1999 ihre Forderungen auf den Punkt gebracht: Sämtliche Nuklearprojekte, also AKW-Neubauten, aber auch technische Nachrüstungen, die zu Betriebsdauerverlängerungen oder Kapazitätserhöhungenführen, sollen zur Erfüllung der Reduktionen anrechenbar sein.

So soll ein neues AKW, das z.B. von Frankreich in Asien gebaut wird, als Emissionsreduktion unter dem CDM in Frankreich angerechnet werden dürfen (unter der Annahme, dass ansonsten z.B. ein Kohlekraftwerk gebaut worden wäre). Aber auch wenn Deutschland z.B. durch Nachrüstungen eines AKWs in der Slowakei dieses um 5 Jahre länger am Netz hält, sollen so entstandene Emissionsreduktionen in Deutschland anrechenbar sein (unter der Annahme, dass ansonsten ein fossiles Kraftwerk als Ersatz gebaut werden soll). In Anbetracht der schwerwiegenden ungelösten ökologischen Probleme, die mit dem Einsatz von Atomkraft verbunden sind, ist eine solche "Subventionierung" jedochvöllig inakzeptabel.

Natürlich kann man mit dem Kyoto-Protokoll keinem Land verbieten, AKWs zu bauen, dennoch sollte das Kyoto-Protokoll keinen neuen Anreiz für die Nutzung dieser Energieform bieten. Werden Atomprojekte nicht explizit aus den "Flexiblen Mechanismen" ausgeschlossen, wird eine gefährliche, nicht nachhaltige und zudem nicht wirtschaftliche Energieform künstlich am Leben erhalten.
kostet.

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