Schulamoklauf
In der öffentlichen Debatte ist man sich schnell einig. Eine unfassbare Tat. Ein stiller 17- Jähriger aus gutem Elternhaus. Die Schuld muss von außen kommen und wie so oft sucht man die Gründe für Gewalttaten von Jugendlichen in ihrer Freizeitgestaltung. Das Abweichen der Jugendkulturen von der genormten und gesellschaftlich akzeptierten Freizeitwelt von Erwachsenen hat schon immer für Zerwürfnisse unter den Generationen gesorgt. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht die Tischtennisleidenschaft des Täters Kretschmer sofort in Verdacht geraten ist, sondern seine Vorliebe für Computerspiele.
Counterstrike – die Wurzel des Bösen?
Tim Kretschmer spielte Computerspiele wie den Egoshooter Counterstrike und auch andere taktische Kriegs- und Schießspiele. Diese sind Ausdruck einer neuen Generation von Spielen und Jugendkulturen und für die Erwachsenenwelt durchaus fremd. Gerade dadurch machen sich diese Spiele verdächtig und es wird leicht, den Wahnsinn des Schulmassakers durch die unverstandene Jugendkultur zu erklären. Das Böse muss von den Jugendlichen ferngehalten werden, Verbote müssen her, um wieder Kontrolle zu erlangen.
Verstärkend wirkt, dass viele Schulamokläufer ähnliche Vorlieben wie Tim Kretschmer hegten. So spielten Eric Harris und Dylan Klebold, die mit ihrem Schoolshooting am 20. April 1999 in Columbine in ihrer Schule 12 SchülerInnen, einen Lehrer und schließlich sich selbst töteten, gewalttätige Computerspiele. Auch Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, der 17 Menschen tötete, spielte Counterstrike. Scheinbar eine erdrückende Beweislast. Warum tausende SchülerInnen, die auch Egoshooter spielen, nicht zu Amokläufern werden, ist damit allerdings wohl kaum geklärt. Vielleicht reicht in diesem Zusammenhang aber auch die Feststellung, dass Jugendliche, die zu einem Amoklauf neigen, eben auch Computer spielen. Der Umkehrschluss, dass alle SpielerInnen Amok laufen, ist durch die Fakten widerlegt.
Tatort Schule
Beinahe unbeachtet bleibt eine andere Gemeinsamkeit, die alle jugendlichen Amokläufer eint. Nicht in der Fußgängerzone, im Kino oder Einkaufszentrum findet ihre Tat statt, sondern in der Schule. Natürlich ist auch hier der Umkehrschluss, dass die Schule Menschen per se zu Gewalttätern macht, nicht gültig. Die Selektionsmechanismen, die der Schule eingeschrieben sind, lassen SchülerInnen aber scheitern und sortieren sie aus, bevor ihr Leben richtig begonnen hat. Schule entscheidet über sozialen Status, über Erfolg oder Niederlage und auch über Freundschaften. Tim Kretschmer hatte wenig Erfolg in der Schule und konnte sich in der Leistungskonkurrenz nicht bewähren. Auch wenn er finanziell abgesichert gewesen wäre, er hielt sich für einen Verlierer.
Columbine, Erfurt, Winnenden und kein Ende in Sicht.
Maßnahmen, um zukünftige Schulmassaker zu verhindern, müssen weiter gehen als repressive Verbote von jugendkulturellen Aspekten und sollten auch mehr in die Tiefe gehen als durchaus sinnvolle Einschränkungen des Zuganges zu realen Schusswaffen. Die Lebenswelt von jungen Menschen und die Selektionsmechanismen im Schulsystem müssen in den Mittelpunkt gestellt werden. Diese Selektion nimmt die Möglichkeiten auf Selbstwerterlangung und ein erfülltes Leben schon früh. Schulmassaker kann nur verhindern, wer die Systematik der Schule begreift und den Stellenwert der dort getroffenen Entscheidungen für das Leben von Jugendlichen erkennt. Wird das nicht ernst genommen, wird wohl nur allzu bald die nächste unfassbare Tat folgen.
Amoklauf und Männlichkeit
Im Winnenden sind die Opfer in der Schule bis auf eine Ausnahme Frauen. Die Schussverletzungen an den Köpfen der Opfer deuten auf gezielte Tötungen und nicht etwa auf eine wilde Schießerei hin. In der 2004 von Katherine S. Newman herausgegebenen Studie über US- Schulamokläufe „Rampage: The Social Roots of School Shootings.“ wird aufgezeigt, dass alle bisherigen US-Schulamokläufer Männer waren, zumeist weiß und der Mittelschicht entstammend. Newman zeigt in einer Statistik auf, dass sehr viele der School Shooter in ihrer Männlichkeit herausgefordert wurden und sieht im Scheitern an der starren Rollenbildstruktur einen Mitgrund für die Taten.
z.B. Counterstrike
Der Ego Shooter Counterstrike steht inzwischen als Synonym für Killerspiele, die immer wieder medial heftig diskutiert werden. Counterstrike ist zweifellos ein Gewalt verherrlichendes Spiel, als Sündenbock für Amokläufe sollte es allerdings nicht hergenommen werden. In Counterstrike kommt es auf taktisches Zusammenspiel und Kommunikation zwischen den Teamspielern an. Eine einfache Kausalität zwischen Gewalt in Medien und der Ausübung von realer Gewalt kann nicht nachgewiesen werden
Sandra Breiteneder
Trotzdem März 2009










