Sonntag 19. Mai 2013
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Drogen

Rausch ist nur ein Wort

"Spaßkultur". Warum man Drogen trotzdem ernst nehmen muss


Einst, als die Zeiten noch ernst waren, ging man morgens früh arbeiten, am Sonntag in die Kirche und am Abend zeitig schlafen. Oder so ähnlich. Damals gabes keinen Spaß, machte man keinen Spaß und hatte auch keinen Spaß. Dann eines Tages wurde die Freizeit und die Jugend erfunden und so die Idee, dass es viele interessante Dinge im Leben gibt, die mensch ausprobieren könnte.

Auf einmal gab es so viel zu tun und zu entdecken, dass man darüberGott und das Vorbild der Eltern und die guten Sitten ganz vergaß; statt dessen zog man in WGs und auf Parties, marschierte bei Demonstrationen mit oder auchmal nackt in den Bundestag. Und man rauchte ein Zeug, das gute Freunde von ihrem letzten Nepaltrip mitgebracht hatten, und war glücklich. Das war in den Sechzigern und machte vielen Spaß, besonders weil die Alten und die Eltern sich so sehr darüber aufregten.


Aus der Jugend von damals sind inzwischen Eltern geworden, und es wirkt nun so, als ob sie genau das zu tun vorhaben, was so viele Eltern vor ihnen getanhaben. Sie haben das Wort Spaß aus ihrer Vergangenheit extrahiert, sich dabei die Nase zugehalten, als ob es etwas Übelriechendes wäre - und benutzen es nun nur noch in Anführungszeichen: Die "Spaßkultur", hat die Drogenbeauftragte Marion Caspers-Merk (SPD) beklagt, als sie den jährlichen Drogenbericht der Bundesregierung vorlegte, fördere den Drogenkonsum derJugendlichen.

Auf einmal scheint "Spaßkultur" eine ganz neue Erfindung zu sein -wenn man nur wüsste, was das Wort eigentlich genau bedeuten soll. Es gehört zujenen schwammigen Ausdrücken, in die man Beliebiges hineininterpretieren kann - je nach eigenen Vorstellungen davon, wie eine ordentliche Kultur auszusehen habe: Aber ist "Spaßkultur" schlecht, etwas Verwerfliches - oder ist sie einfach nur? Ist Kultur ein normativer Begriff oder beschreibt er nur? Davon hängt ab, welche Konsequenzen man zieht für den Umgang mit Drogen - und zwar mit allen Drogen - in unserer Kultur.

Schnell und intensiv

Nehmen wir mal an, es gäbe einen Gegenentwurf, eine "Ernstkultur". Ihre AnhängerInnen wären wohl der Meinung, dass sich die moderne Gesellschaft, vor allem die Jugend in eine völlig falsche Richtung bewegt. Unter Spaßkultur würden sie Konsum und Kommerz subsumieren, MTV und Markennamen, Popmusik und Parties. Sie würden dieser Spaßgesellschaft vorwerfen, dass sie nur noch Rechte in Anspruch nehme, keine Pflichten mehr ertrage; dass sie die ethischen Verpflichtungen der Allgemeinheit gegenüber nicht mehr akzeptiere, ihre Werte verloren habe und entpolitisiert sei; dass sie sich nur noch amüsieren und unterhalten wolle, und zwar so intensiv wie möglich - und immer schneller. Weswegen ihr der Schritt zur Sucht, zum Rausch geradezu immanent sei.

Die Konsequenz dieser Auslegung hieße in ihrer radikalen Form: Spaßkulturist eine schlechte Kultur, denn sie bedingt den Drogenmissbrauch; diese Kulturmuss verändert, remoralisiert werden, durch Druck, durch schärfere Gesetze - da stellt sich die Frage nicht mehr, ob vielleicht doch DrogenkonsumentInnen kriminalisiert werden oder das Los der Drogenabhängigen legal und medizinischverbessert werden sollten. Anstatt die reale Nachfrage- Angebot-Gleichung zu bedenken, wird eine moralische Frage debattiert. Die Resultate dieses Ansicht kann man in Amerikas jahrelangem "War on Drugs" erkennen - und in seinen miserablen Resultaten.

Nun gibt es auch die Ansicht, dass eine Kultur, eine Gesellschaft, zunächst einmal ist - in einem Prozess der ständigen Veränderung und Verwandlungbegriffen, mit manchen Wucherungen, die aber ebenso Teil von ihr sind - und notwendig unvermeidlich - wie die "Norm". In diesem Fall kann man nur versuchen, sie sanft zu beeinflussen, ihr einen Schubs in eine "richtige" Richtung zu geben - aber man kann sie nicht mit Gewalt verändern, außer mit Methoden, die heute nicht mehr akzeptabel sind.

Und so wie jede Gesellschaft ihre eigenen Formen psychischer Krankheiten erzeugt, so erschafft sie auch ihre eigenen Drogen. Vielleicht ist es ja weniger die "Spaß-", als die "Stress"-Gesellschaft, die nach immer schneller wirkenden, immer dröhnenderen Suchtmitteln verlangt: Aus Koka-Blättern wurde Kokain, dann Crack; aus Opium Heroin. Ein profanes Beispiel: Es gibt inzwischen auch viel mehr Autos als Pferdekutschen - und damit mehr Unfalltote.

Wohin auch. Eine drogenlose Gesellschaft gab es noch nie, auch nicht in der Islamischen Republik Iran oder in Saudiarabien. Drogen waren immer schon Teil der menschlichen Gesellschaften, ob man sie nun mit dem Präfix "Spaß-" versieht oder nicht. Was ihre tatsächlichen Gefahren und oft schlimmen Folgen nicht verharmlosen soll. Aber eine Gesellschaft muss Mittel und Wege finden, auch das zu inkorporieren. Sie muss den ubiquitär verbreiteten menschlichen Wunsch auf kleinere oder größere Realitätsfluchten, die Lust auf Rausch erst einmal begreifen lernen, um dann über den Umfang im Gebrauch oder im Missbrauch nachzudenken.

Verbieten hilft nicht wirklich, kriminalisieren noch weniger. Wenn die moderne, innovative Gesellschaft nicht mehr den ritualisierten Drogenrauscher schafft, sondern einen anderen, vielleicht wahlloseren, dann muss sie die schrecklichen, die gefährlichen Konsequenzen ebenso modern und innovativ lösen lernen. Fast ein Viertel von zwei Millionen amerikanischer Gefängnisinsassensitzt wegen eines Drogenvergehens im Knast - mehr als in der gesamten Europäischen Gemeinschaft wegen jeder Art von Kriminalität. Was ist daran eigentlich innovativ?

Vielleicht sollte man Begriffe wie "Spaßkultur" einfach beiseite lassen - sie benennen nur eine weitere Schublade, in dem man den Drogenbericht der Bundesregierung samt der so dringend notwendigen Diskussion über Recht auf Rausch und Legalisierung von Drogen verstauben lassen kann - bis zum nächsten Jahr.

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