Donnerstag 17. Mai 2012
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Inhalt:

Afrika

Sozialpolitik & Wohlfahrtsmix

Afrika im 20. Jahrhundert

In den vergangenen zwanzig Jahren sind fast überall in Europa Sozialstaatliche Leistungen massiv unter Druck geraten. Mehr noch als in den Industrieländern sind allerdings in Afrika wohlfahrtsstaatliche Einrichtungen reduziert worden. Am Beginn des 21ten Jahrhunderts stehen die staatlichen Systeme sozialer Sicherungen in Afrika unter erheblichen Druck.

Dazu ist allerdings zu sagen, dass nahezu südlich der Sahara staatliche Systeme sozialer Sicherung ohnehin zu keiner Zeit eine große Verbreitung gefunden haben. Denn Sozialsysteme in Afrika haben stets über einen äußerst begrenzten Wirkungs- und Geltungsbereich verfügt. Allerdings sind die ohnehin schwach ausgebauten Systeme in den vergangenen zwei Dekaden mit den Strukturanpassungsprogrammen noch viel mehr unter die Räder gekommen.

Alternativ zum schwach ausgebauten sozialen institutionalisierten Systemen stand stets die gesellschaftliche traditionelle Solidarität zur Stelle, auf die man ausweichen konnte, wenn der Staat sonst nichts hergab. Traditionelle Solidarität ist der Inbegriff für spontane Form der Hilfe und Kooperation im Rahmen von Familie, Verwandtschaft, sozialen Netzen, Nachbarschaft und Gemeinden, die in Afrika noch heute stark zu finden ist.

Diese Solidarität fungierte selbstverständlich als Auffangnetz für das fehlende Sozialsystem, sie war aber auch schon für die Kolonialherren eine Möglichkeit beispielsweise die Verantwortung für vielfältige Risiken am Arbeitsplatz abzuschütteln. Aus regional unterschiedlichem Zusammenspiel zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Systeme sozialer Sicherung entstanden im Afrika im Laufe des 20. Jahrhunderts diverse Formen des Wohlfahrtsmix.

Kolonialismus und Sozialsysteme in Afrika

Obwohl in der Frage, wie tief denn die Einschnitte des Kolonialismus in Afrika waren, die wissenschaftlichen Meinungen auseinander gehen, kann historisch dennoch nicht übersehen werden, dass die Kolonialherrschaft mit den Aspekten der Missionierung, des Landraubs, der Zwangs- und Lohnarbeit, der Einführung der Geldwirtschaft und der Besteuerung und des Urbanisierungsprozess tief greifende Veränderungen hinterlassen hat, die die Entwicklung des Kontinents bezeichnend geprägt hat. Mit der Migration in die Städte, mit der Schaffung von neuen Arbeitsbedingungen und Arbeitsordnungen vollzog sich ein sozialer Wandel in den afrikanischen Gesellschaften.

Der europäische Kolonialismus ist ein Unternehmen gewesen, sich den Märkten in Afrika, Asien, Lateinamerika und im Pazifischen Raum zuzuwenden. Es ging darum, Länder zu erobern und zu annektieren, in denen man verarbeitete Produkte gewinnbringend absetzen konnte ohne dass man die Konkurrenz anderer europäischer Staaten fürchten musste. Das beste und geschickteste Mittel ausländische Märkte zu erobern, bestand darin vor Ort eine westlich beeinflusste Elite heranzuziehen.

Wenn man versucht die Entwicklung von staatlichen sozialen Sicherungssystemen in Afrika zu untersuchen, wird man feststellen, dass unter kolonialer Herrschaft die Formen von sozialpolitischen Maßnahmen, wenn es diese überhaupt gab, nach Andreas Eckert das Ergebnis einer bestimmten Wahrnehmung von afrikanischer Gesellschaft seitens der Kolonialherren war. Das Bild der Kolonialherren im frühen Kolonialzeitalter war sehr stark geprägt vom Mythos des traditionellen Afrikaner, der für Lohnarbeit und städtisches Leben ungeeignet ist und daher nach Arbeitseinsatz in den Städten und Minen wieder in die ländlichen Regionen zurückgesandt werden muss.

Aus dem heraus war klar dass in den dreißiger Jahren des 20ten Jahrhunderts dieser „Mythos“ wirtschaftlich insofern von nutzen war für die Kolonialherren, als man damit sozialstaatliche Systeme auslagern konnte auf die afrikanischen Reservate. Soziale Sicherung galt somit als eine Angelegenheit lokaler Gemeinschaften und Ökonomien. Die Reservatsbildung hatte somit auch die Funktion den Staat von sozialen Aufgaben fern zu halten, denn ein Arbeiterpotential in den Städten in der Nähe von Fabriken und Minen hätte bedeutet, dass man sich möglicherweise sozialen Aufgaben hätte stellen müssen für Schulen, angemessene Wohnungen, soziale Sicherungen.

Die 30iger Jahre in Afrika nach einer Weltwirtschaftskrise und der Wiederbelebung der Wirtschaft und der damit angestiegenen Migration in die Städte markieren eine Periode sozialer Auseinandersetzungen im britischen Kolonialreich Nordrodhesien, Weste Indies, Mombasa wie auch im Französischen Westafrika. Nach 1945 setzen erneut massive Arbeitskämpfe ein, zum Beispiel der Generalstreik in Dakar 1946 und der große Eisenbahnerstreik 1947/1948. Zwischen 1952 und 1954 kam es zu einer Serie von Streiks sowohl in den französischen und britischen Kolonien.

Angesichts dieser neuen Realität erkannten die Kolonialherren die Gefahren der afrikanischen urbanisierten ArbeiterInnenklasse. Die Kolonialpolitik nachdem zweiten Weltkrieg hatte sich geändert. Während man in der früheren Kolonialzeit die Re- Afrikanisierung – Mythos vom traditionellen Afrikaner- der Gesellschaft als notwendig erachtet um die Ordnung aufrechtzuerhalten und den Profit zu sichern, verlangte die Wirtschaft und die Produktivität der Nachkriegsjahre die vollkommene Ausbeutung. Dazu war es notwendig dass der Afrikaner aufhörte Afrikaner zu sein und man ihn so zum westlichen arbeitenden Stadtmenschen umerziehen musste.

Westliche Entwicklungskonzepte als neue Form des Kolonialismus

Nachdem die Kolonien die Unabhängigkeit erlangt hatten, führte die so genannte „Entwicklungspolitik“ in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts zu neuen Formen der Kontrolle und Abhängigkeit.

Die Erhaltung der Kolonien sollten nicht mehr mit militärischer Gewalt gewährleistet werden sondern moralisch mit Konzepten wie Entwicklung und Wohlfahrt. Die kolonialen Verwaltungen blieben in Afrika, nur sie befanden sich nicht mehr im Kriege, sondern waren dort um angeblich Rückständigkeit zu bekämpfen und um die afrikanische Wirtschaft produktiver zu machen. Am Ende übernahmen die Afrikaner das Projekt Entwicklung zusammen mit den von den Kolonialherren aufgebauten Staatsapparaten und so folgten die Nachfolger weiterhin den von den Europäern angelegten Pfaden.

Hinter diesem Entwicklungskonzept, dass Unterentwicklung überwinden soll mit Mitteln von Kapital und technischem Wissen von westlichen Firmen, steckt ein neuer Kolonialismus mit humanistischer Erscheinung. Denn die Wirtschaftshilfe erweist sich als ausgezeichnetes Instrument zur Öffnung der Märkte, da ein großer Teil der Unterstützung an die Einfuhr von Exportprodukten aus dem Geberland gebunden sind. Wie einst die Kolonien gezwungen waren Güter aus dem Mutterland zu beziehen, so sind die heutigen Nutznießer der Kredite verpflichtet bis zu 70 Prozent des Geldes, das eigentlich Armut und Unterernährung lindern soll, für ungeeignete Ausrüstungsgüter und Industrieprodukte der großzügigen Spender auszugeben.

ILO und IALC

Dabei war formell und offiziell die Etablierung sozialer Sicherungssysteme ein wichtiger Bestandteil der spätkolonialen Entwicklungsinitiative und nach der Unabhängigkeit. Zunehmende Bedeutung erlangte nach 1945 schließlich die internationale Ebene, insbesondere zwei Institutionen. Das International Labour Office sowie die International African Labour Conferences. 1944 war die ILO dazu übereingekommen, dass ihre Standards der ArbeiterInnenpolitik auch für außereuropäische Regionen gelten sollte.

Die Entwicklung von Systemen sozialer Sicherheit gehören zu den zentralen Aspekten im Forderungskatalog von ILO und IALC. Das 1952 publizierte ILO Abkommen über Minimum Standards of Social Security setzte Aspekte wie Krankenversicherung und Altersversorgung auf die Liste jener Leistungen, die weltweit gewährleistet werden sollten. Rhetorisch zum Ziel gesetzt, werden die internationalen Standards in der Praxis nie erreicht.

Trotz großer Rhetorik wurden nur punktuelle Maßnahmen im Bereich der sozialen Sicherung eingeführt. Der Großteil der Menschen in Krisensituationen ist also weiterhin auf außerstaatliche Hilfe angewiesen. Und diese werden aber gerade im urbanen Bereich immer seltener möglich weil durch die Migration in die Städte Familien und Verwandtschaftsgruppen getrennt werden. Im großen und ganzen kann man eine Entwicklung im sozialen Bereich in Schwarzafrika beobachten, die sich dadurch auszeichnet, dass die wenigen Maßnahmen im sozialen Bereich demontiert werden, auf der anderen Seite die so genannte traditionelle Solidarität durch den sozialen und gesellschaftlichen Wandel bedingt, durch die Urbanisierung immer weniger greift.

Muna Duzdar
Trotzdem Juli 2004

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