Donnerstag 17. Mai 2012
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Globalisierung

Fuel vs. Food

Zur Kritik des gegenwärtigen Hunger-Diskurses

Völlig erschrocken stellt die Welt fest, dass es eine Hungerkrise gibt. Bevor wir der aktuellen Verschärfung der Nahrungsmittelsituation und ihren Ursachen auf den Grund gehen, sei hier erst einmal der Zynismus des Diskurses erwähnt.


Folgt mensch dem gegenwärtigen Diskurs, so muss ein Mensch, der es nicht besser weiß, annehmen, dass es die letzten 60 Jahre keinen Hunger als Problem unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems gegeben hat – Hunger als Krise scheint ein außergewöhnliches Phänomen unserer kapitalistischen Gesellschaft zu sein. Doch die Wahrheit liegt weit davon entfernt. Über 800 Millionen Menschen leiden an Hunger, alle 5 Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung, von 62 Millionen Todesfällen im Jahr 2000 sind 36 Millionen, also mehr als die Hälfte, auf Hunger oder Mangel-ernährung zurück zu führen. Hunger ist also Todesursache Nummer eins.


Dem gegenüber steht eine Weltproduktion, die ohne weiteres eine Weltbevölkerung von 12 Mrd. Menschen ernähren könnte. Hunger hat seine endemischen Ursachen nicht im realen Mangel daran, sondern in der Tatsache, dass im Kapitalismus nur zählt, wer zahlt. Agro-Treibstoffe, Ernteausfälle usw., die als Gründe für die aktuelle Krise angeführt werden, sind zwar wichtige Faktoren, die es näher zu beleuchten gilt, ohne eine kapitalistisch organisierte Wirtschaft wäre Hunger aber keine Notwendigkeit. Dass nun von der Hunger-Krise gesprochen wird, hat nichts damit zu tun, dass das Wirtschaftssystem nun durch ein paar Millionen Hungernde mehr an seine moralischen Grenzen stößt, sondern hängt vielmehr damit zusammen – wie die Weltbank in einem ihrer Berichte unumwunden zugibt – dass durch die derzeitige Verschärfung der Lebensmittelsituation in vielen Teilen der Welt es zu einer Gefährdung von Frieden und Sicherheit kommt. Zur Krise wird der Hunger erst wenn er die Stabilität des kapitalistischen Systems gefährdet.


Auch wenn aus der Sicht von 800 Millionen Menschen die Hunger-Krise schon lange Realität ist, so könnten die gegenwärtigen Entwicklungen jedoch dazu führen, dass diese Krise, die im wahrsten Sinn des Wortes an die Substanz geht, bis zum Jahr 2025 für 1,2 Mrd. Menschen zu Realität wird. Ursache dafür sind die massiv gestiegenen Lebensmittelpreise (in den letzten drei Jahren um 83 %). Solche Preisanstiege haben natürlich nicht nur eine einzige Ursache. Sicherlich tragen Wachstum und damit verändertes Konsumverhalten in sog. Schwellenländern wie China und Indien oder Ernteausfälle durch (z.T. klimabedingte) Naturkatastrophen zum Preisanstieg bei, aber die Hunger-Krise kollidiert mit einer anderen Krise, der Klima-Krise.


Dass die klimatische Veränderung – hervorgerufen durch eine auf fossilen Energierträgern beruhende kapitalistische Wirtschaft – zu mehr Naturkatastrophen, Wüstenbildung usw. führt, ist bekannt und betrifft natürlich auch die Anbauflächen für Lebensmittel, aber der aktuelle Preisanstieg ist vor allem auch in einer der vermeintlichen Lösungsstrategien begründet. Seit längerem ist bekannt, dass aus Bio-Masse (derzeit vor allem Mais, Zuckerrohr, Soja, Palmöl) Ethanol als Kraftstoff gewonnen werden kann. Das war lange Zeit nur mäßig interessant, doch seit sich der Preis für Rohöl massiv verteuert hat und durch den Klimadiskurs nach alternativen Energieträgern gesucht wird, erfuhr der sog. Bio-Sprit (das Wort Bio ist hier selbst ideologisch und verschleiert den wahren Charakter dieses Treibstoffes, daher wird in der Folge von Agro-Sprit die Rede sein) einen enormen Boom. Dieser Boom ist dabei durchaus nicht die Folge eines sich selbst regulierenden Marktes, sondern ihm liegen politische Entscheidungen, insbesondere der EU und der USA, zugrunde, den beigemischten Ethanol-Anteil in den nächsten Jahren massiv zu erhöhen.


Auf den ersten Blick scheint die Strategie des Nordens auch sehr bestechend. Unser westliches Konsummodell beruht in einem hohen Maß auf dem Besitz eines Eigenheims und eines Autos, das uns mit dem Arbeitsplatz und dem Rest der Welt verbindet. Durch steigende Rohölpreise gerät es in Gefahr und durch den Klimawandel in Verruf – nur gut, dass mensch eine umweltfreundliche Alternative gefunden hat, deren Rohstoffe obendrein nicht aus dem „finsteren Saudi-Arabien“, sondern aus so sympathischen Ländern wie Brasilien kommen.


Doch das Ganze hat einen Haken – was da in unseren Tanks verheizt wird, sind Nahrungsmittel. Die Tankfüllung eines durchschnittlichen PKWs könnte einen Menschen für ein Jahr lang ernähren. Dazu kommt, dass die für Ethanol nötigen Nutzpflanzen nur in riesigen Monokulturen profitabel angebaut werden können. Das hat zur Folge, dass von dem Agro-Sprit-Boom nicht einfach – wie von manchen FreihandelsapologetInnen behauptet – die Länder des Südens profitieren, sondern bestimmte gesellschaftliche Gruppen.


In Brasilien beispielsweise führt der Boom in diesem Bereich (mangels Kolchosen) zu einer Stärkung des einheimischen Agrarkapitals und ausländischer Lebensmittelkonzerne wie Monsanto. Speziell Brasilien setzt unter der vermeintlich linken Regierung Lulas auf ein Entwicklungsmodell, das eben die einheimische wie die transnationale Agrar-Kapitalfraktion stärkt. Unter die Räder kommen dabei die Kleinbauern- und bäurinnen sowie die Landlosen. Das brachliegende Land, um das Letztere jahrelang kämpften, wird nun immer weniger.


Aber nicht nur die brasilianische Bevölkerung muss unter diesem Entwicklungspfad leiden, sondern auch die Umwelt selbst, zu deren Schutz das alles angeblich ja geschieht. Wie bereits erwähnt können die Rohstoffe für Agro-Sprit sinnvoll nur in riesigen Monokulturen angebaut werden, was bekanntlich mit Zerstörung der Böden und massivem Pestizideinsatz verbunden ist. Die steigenden Preise führen natürlich auch dazu, dass es einen erhöhten Bedarf an Anbauflächen gibt, und dieser lässt sich in Ländern wie Brasilien am besten durch die (Brand)Rodung von riesigen Flächen Regenwald decken. Inzwischen ist daher auch weitgehend anerkannt, dass Agro-Sprit eine negative CO2-Bilanz hat.



Die aktuelle Hunger-Krise ist also Ausdruck eines (vermeintlich) ökologischen Kapitalismus, verstärkt durch einen imperialistisch strukturierten Weltmarkt, der die Länder des Südens zu einem auf dreifache Weise – durch höhere Lebensmittelpreise, durch die Folgen des Klimawandels und durch Festigung des Großgrundbesitzes – gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Entwicklungsweg festlegt. Der Preisanstieg bei Lebensmitteln könnte durch ein Aus des Agro-Sprits gestoppt werden, der Klimawandel nicht. Will man Hunger dauerhaft bekämpfen und eine wirklich ökologische Strategie anstreben, so würde es um eine grundlegende Kritik des gegenwärtigen Konsummodells, der Arbeitsteilung zwischen Nord und Süd und damit schließlich um eine radikale Kritik des Kapitalismus selbst gehen.


Martin Konecny

"Trotzdem" Juli 2008

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