ArbeiterInnenlieder vom 19. Jahrhundert bis heute
Lieder der ArbeiterInnenklasse und Lieder über die ArbeiterInnenklasse gibt es, seit es die Klasse selbst gibt. Sie spiegeln daher immer auch die Situation der ArbeiterInnenklasse wider: Die schmerzvolle Entstehung, die Erstarkung und die Abwehrkämpfe. Im folgenden soll ein kleiner Splitter über die Geschichte des ArbeiterInnenliedes ein paar Beispiele herausgreifen.
Absolutismus und Bürgerliche Revolution: die Zeit zwischen 1800 und 1900
Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution 1848 entstehen viele Lieder der und über die ArbeiterInnenbewegung. Der Feudalismus ist im Wanken, die politisch herrschende Klasse des Adels und der Großgrundbesitzer verliert mehr und mehr wirtschaftliche Macht an das erstarkende Bürgertum. Die Reaktion auf die Schwächung der Feudalherren ist deren umso erbitterterer Kampf gegen die Bourgeoisie, aber vielmehr noch gegen die rebellierenden Bauern und aufbegehrenden Proletarier.
Die Unterdrückung findet in Liedern wie „Die Gedanken sind frei“ ihren Ausdruck. Zum ersten mal taucht dieses Lied zwischen 1780 und 1800 auf Flugblättern auf, wie so viele Lieder unter anonymer VerfasserInnen. Das Lied wird in einer Epoche vehementer Unterdrückung geschrieben – in der Zeit des deutschen Faschismus wird es später in den faschistischen Konzentrationslagern besonders intensiv zwischen 1933 – 1945 gesungen. Heute gibt es von diesem Lied verschiedene Versionen gegen Bespitzelungen, den „Orwell Staat“ gegen die „Stapo“ und andere Bespitzelungseinrichtungen des modernen Staates
Am 3. April 1833 stürmen revolutionäre Studenten in Frankfurt die Polizeiwache, um gegen die Unterdrückung der demokratischen Freiheitsbewegungen durch die deutschen Fürsten die Revolution initiieren zu können. Etwa 20 Studenten werden verhaftet und in einem drei Jahre dauernden Prozess zu mehrheitlich lebenslanger Haft verurteilt. Die Flucht von 6 Studenten aus der Haft wird in dem Lied „Die freie Republik“ festgehalten. Auch dieses Lied wird im Laufe der weiteren Geschichte mit zahlreichen Textvarianten an die jeweilige Situation angepasst.
In den ersten Junitagen 1844 bricht in Schlesien jener Weberaufstand aus, den das Lied „Das Blutgericht“ beschreibt. Darin ist die ganze aufgestaute Wut und die Verzweiflung einer ganzen Klasse verpackt, die ihre Ausbeuter als „Satansbrut und höllische Kujone“ beschreibt. Oft dem Hungertode nahe, lehnen sie sich verzweifelt gegen ihre übermächtigen Herrscher auf.
1845 entsteht das „Bürgerlied“, noch unter der Willkürherrschaft des deutschen Adels und der Fürsten fordert es auf, die Gedanken der französischen bürgerlichen Revolution von 1789 auch in Deutschland zur Realität werden zu lassen. Es ist somit ein unmittelbarer kultureller Vorbote der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848. Selbstverständlich gibt es auch von diesem Lied zahlreiche, den jeweils aktuellen politischen Situationen angepasste Textvarianten.
Kurz nach der bürgerlichen Revolution 1848 entseht das Lied „Trotz alledem“. Die Erfahrungen, die das Proletariat in der Revolution machen muss, die Inkonsequenz der Bourgeoisie (da sie eigene Interessen verfolgt), die die Revolution nicht zuletzt durch das Einlenken des Bürgertums gegenüber den Feudalherren zum scheitern bringt, manifestiert sich im Titel. Und noch eine Erfahrung beschreibt das Lied: Dass es sich ohne Organisation nicht für die eigenen Interessen kämpfen lässt. Bekannt ist die Version von Hannes Wader, der in seiner Textversion die Rolle der SPD der späten 60er Jahre beschreibt.
Das weltweit berühmteste Lieder der internationalen ArbeiterInnenbewegung ist zweifelsohne die „Internationale“. Am 18. März 1871 errichten die ArbeiterInnen in Paris die Commune und setzen die Klassenherrschaft des Bürgertums ab. Selbstverwaltung, Trennung von Kirche und Staat, soziale Offensiven – das sind nur einige der Initiativen, die in den nur 2 Monaten der Existenz der Commune gesetzt werden. Mit Hilfe des Preußischen Militärs wird sie am 28. Mai 1871 blutig niedergeworfen. Der Communarde und Dichter Eugene Pottier schreibt nach der Niederlage den Text. 1888 wird von Pierre De Geyter, einem Drechsler und Chormeister des Arbeitergesangvereins in Lille die Musik beigesteuert.
Bertold Brecht und Hanns Eisler schreiben in direktem Bezug zur Pariser Commune 1934 das Lied „Resolution der Kommunarden“. Vom deutschen Faschismus ins Exil getrieben, verstehen sie das Lied als Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus unter Hinweis auf die Kampferfahrung der Pariser ArbeiterInnen während der Commune.
1878 erlässt Bismarck in Deutschland das „Sozialistengesetz“ das besagt: „Vereine, die durch sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bezwecken, sind verboten“. 1890 fällt das Gesetzt nach langem, schwerem Widerstand, der 1. Mai wird internationaler Kampftag der ArbeiterInnenklasse. Es entsteht der „Sozialistenmarsch“
In Deutschland werden die SPD und der „Deutsche Metallarbeiterverband“, der Vorläufer der heutigen Industriegewerkschaft Metall (IGM) gegründet.
Der revolutionäre Wissenschafter Leonid Radin schreibt 1897 in zaristischer Gefangenschaft in Russland das Lied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Die Kraft dieses Liedes ist so groß, dass es auch in den finsteren Kerkern der KZ des deutschen Hitlerfaschismus weit verbreitet wird.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstehen viele bekannte ArbeiterInnenlieder: In den 1880er Jahren taucht erstmals das revolutionäre Lied „Dubinuschka“ auf , dass während der russischen Revolution 1905 allerorts zu hören ist. Das Lied „Dem Morgenrot entgegen“ entsteht ebenfalls zu dieser Zeit wie „Wann wir schreiten Seit an Seit“. Das Kapital wird aggressiver: Erster imperialistischer Weltkrieg, Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg
Um die Phase um den Ersten imperialistischen Weltkrieg entstehen viele Lieder. Das antimilitaristische Lied „Mein Michel“ wird nach dem Krieg 1919 handschriftlich weitergereicht.
1917 bringt die sozialistische Oktoberrevolution nicht nur eine neue Gesellschaftsformation nach Russland, es entstehen auch zahlreiche Lieder über die Verteidigung und den Aufbau der Sowjetunion, ebenso wie viele Lieder über die Partei – die offiziellen Lieder aus naheliegenden Gründen Lobeslieder oder Lieder zur Stärkung der sozialistischen Moral.
In Westeuropa bringt die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht unter anderem auch das Lied „Auf, auf, zum Kampf“ hervor, die den Verlust von zwei wichtigen Persönlichkeiten der deutschen und internationalen ArbeiterInnenbewegung nicht mit Trauer, sondern mit Kampfbereitschaft beantwortet.
Aus den Kämpfen im Juli 1927 ist in Wien zur Melodie des „Roten Armeemarsch“ das Lied „Die Arbeiter von Wien“ entstanden. Ebenso 1927 (22. August) wurden in den USA zwei Arbeiterführer am elektrischen Stuhl durch die Justiz ermordet: Nicola Sacco und Bart Vanzetti. Das Lied „Sacco und Vanzetti“ wird unter anderem von Joan Baez gesungen, die Musik steuert Ennio Morricone bei. Der bei uns bekannte deutsche Text stammt von Franz Josef Degenhardt.
Der Kampf gegen den deutschen Faschismus bringt viele antifaschistische Lieder zum Vorschein, wie schon im Vorfeld der Kampf gegen den spanischen oder den italienischen Faschismus. Einige der weit verbreiteten antifaschistischen Lieder sind: Deutscher Faschismus: “Moorsoldaten”, “Dachaulied”, bereits frühzeitig “Das Solidaritätslied” und das “Einheitsfrontlied”. Spanischer Faschismus (Bürgerkrieg 1936-1939): Mamita Mia (4 Noble Generale) , Die Thälmann Kolonne (Spaniens Himmel), Rio Jarama. Italienischer Faschismus: Bella Ciao
Das ArbeiterInnenlied nach 1945
Besonders stark wird das ArbeiterInnenlied in den Befreiungsbewegungen weiterentwickelt. Aber auch in Europa entstehen viele weitere Lieder in den Kämpfen der Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien
In den USA entstehen Lieder wie: „We Shall Overcome“ und „Solidarity for Ever“, gesungen von Joan Baez, Woody Guthry und Pete Seeger.
In Lateinamerika setzt der Chilenische Volkssänger Victor Jara dem Volkslied eine neue Befreiungsmütze auf, viele Lieder erlangen internationale Polularität wie „el pueblo unido“ oder „Venceremos“.
Heute werden alte und neue ArbeiterInnenlieder von vielen jungen und jung gebliebenen GenossInnen gesungen und gespielt. Auch berühmte MusikerInnen und SängerInnen der Gegenwart haben diese Lieder im Programm, wie etwa Billy Braigg, Harry Belafonte, Gisela May, Chumbawumba, Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und viele andere.
Und natürlich auch die MusikerInnen am Festival des politischen Liedes im Europacamp: Banda Militante della Maremma, Neues Glas aus alten Scherben, die Frisöre, Chris 4er Peterka und viele, viele mehr.
Spätestens nächstes Jahr, beim Festival des politischen Liedes 2004, werden wir die Weiterentwicklungen hören können.
Christian Buchinger
Trotzdem Juli 2003









