Donnerstag 2. September 2010
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Kultur
tags: Geschichte | Kultur

Jura Soyfer

So starb eine Partei

"Hell wird uns die Freiheit lachen, vorwärts geht's mit frischem Mut. Und die Arbeit, die wir machen, diese Arbeit, sie wird gut."

Jura Soyfer, der Autor des "Dachauliedes", wurde 1939 von den Nazis ermordet. Mit seinem in Fragmenten erhaltenen Roman "So starb eine Partei" schuf der 1912 in der Ukraine Geborene ein Stück sozialdemokratischer Gegenkultur in einer Zeit politischer Spannungen. Trotzdem Soyfer als weitgehend unbekannt gilt, hinterlässt er ein umfangreiches unter dem Titel "Zwischenrufe links" in vier Bänden im Deutike Verlag neu aufgelegtes Werk bestehend aus Briefwechseln, Artikeln und Aufsätzen, Theaterstücken und Gedichten.

"Auf uns kommts an"

Der im KZ verstorbene Autor ist gerade heute aktuell. In seinen Stücken, vorwiegend konzipiert für kleine Bühnen, greift er Themen seiner Zeit auf und nimmt Themen unserer Zeit vorweg. Weder ist der AusländerInnenhass verschwunden, noch Kriege, die auf der Basis nationalistischer Propaganda geführt werden. Armut und Arbeitslosigkeit gibt es noch immer, große und immer größer werdende soziale Gegensätze existieren. Die Arbeitslosigkeit entfaltet gerade heute gewaltige soziale Sprengkraft. Und auch die Hoffnungen auf eine Veränderung dieser Welt sind nicht verschwunden und auch nicht die Solidarität.

Das wohl eindrucksvollste Stück über diese und unsere Zeit ist "Astoria". Zukunftsweisend ist auch sein Bühnenstück "Der Lechner Edi schaut ins Paradies", das mit den Worten endet: "Auf uns kommts an!". So war auch Soyfers Bekenntnis für eine bessere Welt nicht bloß ein künstlerisch- theoretisches. Schon früh engagiert er sich im Rahmen der sozialdemokratischen Jugendbewegungen. Vor allem im Dienste des sozialistischen Agitprop beweist er seine Verbundenheit mit der ArbeiterInnenklasse.

Die Lektüre des Romanfragments "So starb eine Partei" ist für jedeN unerlässlich der/ die die Machtergreifung des Faschismus in Österreich verstehen will. Er erzählt die Rolle der österreichischen Sozialdemokratie der ersten Republik: wallende Rote Fahnen, Massendemonstrationen, BetriebsrätInnengesetz aber auch Elend, Niederlage und Illegalität.

Die sozialdemokratische Perspektive

Soyfer, einer jener Generation, die Otto Bauer als die Generation der Vollendung sah, erzählt und beschreibt aus sozialdemokratischer Sicht: einerseits erkennt der/ die LeserIn eindeutig Soyfers politisches Weltbild, andererseits erkennt Soyfer die Partei als ganzes. Bezirkskassiere, Arbeitslose, Betriebsräte, Schutzbündler, Arbeiter, Nationalräte, Falkenführer, Intellektuelle und Referenten kommen gleichermaßen zu Wort. Wir alle sind die Partei, nicht nur ihre Führung, ist die Botschaft, die aus den zahlreichen Wechseln der Perspektive unschwer erkennbar ist.

Alle Räder stehen still...

So hat jedeR seine/ihre eigene Geschichte. Der Niedergang der Sozialdemokratie ist nur erklärbar, wenn wir den Blick auf den Zustand der gesamten Partei richten. Soyfer thematisiert also die Rolle verschiedener repräsentativer Parteimitglieder und vor allem die Folgen der Politik der Parteiführung auf den/die einzelneN. Wie reagiert der/die einzelne auf das Aufkommen des Faschismus, der immer mehr an Boden gewinnt? Dieser Frage geht Soyfer auf den Grund. Ohne zu psychologisieren analysiert Soyfer das kollektive Bewusstsein der Partei. Er beschreibt die Entwicklung beispielhafter FunktionärInnen innerhalb der Sozialdemokratie.

Besondere Beachtung nimmt dabei der Parteimittelbau ein, der stets versucht die Linie der Führung umzusetzen und schließlich dabei an sich selbst scheitert. Die Parteiführung kommt bis auf die Namensnennung von NR Dr. Bauer nicht vor. Für sie spricht Dreher, der dem Parteivorstand lediglich beigezogen wird und als "Packler" bekannt ist. Sein Aufstieg vom Lokführer zum Nationalrat steht symbolisch für den Aufstieg der Bewegung nach dem ersten Weltkrieg. Auch spiegelt Dreher durch seine Persönlichkeit die Politik der Parteiführung wieder: 50% und eine Stimme, die Macht auf demokratischem Wege zu erreichen, gleichzeitig aber die Möglichkeiten gewaltsam eine andere Welt zu erkämpfen offen lassend, "packelt" er zwar am grünen Tisch mit dem Klassenfeind, bleibt aber stets mit seiner Klasse verbunden und ist seinem Wesen nach nach wie vor Prolet.

... wenn dein starker Arm es will!

Bei Dworak, dem Vorsitzenden des Betriebsrats und Zugführer bei den verstaatlichten Eisenbahnen, spiegelt sich das Aufkommen des Faschismus am unverschleiertsten wider. Er, der die Interessen der Partei stets vor seine eigenen, vor seine Karriere und seine Familie stellte, er, der die ArbeiterInnen und Parteifunktionäre stets auf Parteilinie einschwor und er, der schließlich stets persönliche Abstriche machen musste steht am Beginn des Kampfes im Jahre 1934 schon an seinem persönlichen Ende. Symptomatisch für eine ganze Parteigeneration war seine Kraft erschöpft als der Bürgerkrieg begann.

Lange hatte er versucht Ordnung in die Armee des Proletariats zu bringen, an der endlich seine GenossInnen zerbrachen. Immer wieder hatte er im Auftrag der Parteiführung die Massen im Zaum gehalten. Schließlich war er derjenige, der seine ganze Kraft dafür aufbrauchte und gleichzeitig den Kampfesmut seiner GenossInnen zermürbte.

Auch persönliche Schicksale, die mit dem Aufstieg des Dollfussfaschismus einhergehen werden gezeichnet. So sehen wir zum Beispiel einen sozialdemokratischen Arbeiter, der zu einem Beitritt zur Vaterländischen Front gezwungen wird um seine Freundin vor einer Abtreibung zu bewahren. Die Freundin treibt ab, da der Versuch die Arbeit wiederzuerlangen scheitert. Gezeichnet werden aber auch ArbeiterInnen, die gestern noch in den Reihen der Roten marschierten, heute aber schon in einer anderen Armee. Viele persönliche Niederlagen von SozialdemokratInnen ergeben in Summe die Niederlage der Partei gegen den Faschismus.

Was bleibt

Die Partei als vielschichtige Heimat für Massen ist der Ort des Romanfragments. Sein Thema ihre Geschichte, seine Charaktere RepräsentantInnen der Masse, wie auch Soyfer selbst einer war. Auch er wurde Opfer des Faschismus, teilweise auch sein Werk. Dennoch ergibt das Fragment einen schlüssigen und politischen Einblick in einen Teil der Parteiengeschichte. Eine Auseinandersetzung mit dem Autor ist für jene, die sich mit dem Aufkommen des Austrofaschismus beschäftigen und auch weit darüber hinaus empfehlenswert. Wollen wir uns mit unserer eigenen Geschichte, mit der Geschichte unserer Klasse und unserer Partei auseinandersetzen und an ihre Tradition anschließen, so gibt uns Soyfer mit "So starb eine Partei" einen Schlüssel zum Verständnis unserer Vergangenheit und eine Antwort auf die Frage nach dem "Warum".

Florian Frühwirt
Trotzdem April 2005

Buchtipp:

Jura Soyfer Werkausgabe
Herausgegeben von Horst Jarka
4 Bände, Hardcover im Schuber
Deuticke Verlag
ISBN 3-216-30643-7
Preis: 74,90 Euro

Einzelband (Preis: 22,90 Euro)
Lyrik, Band I ISBN 3-216-30658-5
Szenen und Stücke, Band II ISBN 3-216-30659-3
Prosa, Band III ISBN 3-216-30660-7
Briefe, Band IV ISBN 3-216-30661-5

Preise nach Angaben der Jura Soyfer Gesellschaft
http://www.soyfer.at

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