Mittwoch 8. Februar 2012
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Inhalt:

Migration

Warum wandern Menschen?

Unterschiedliche Gründe für Migration

Warum wohnen trotz angeblicher Migrationsflut über 97 % der Menschen weiterhin in den Ländern, in denen sie geboren wurden? Warum ist die türkische Migrationsrate doppelt so hoch wie jene des weitaus ärmeren Bangladesh? Warum rekrutieren sich die EinwandererInnen der USA de facto nur aus 12 von 137 Entwicklungsländern? Eines steht fest: Armut kann nicht die Antwort sein ...

Will man heute über die Gründe von Migration schreiben, muss man zuerst damit beginnen, was sie nicht sind. Absurde Vorstellungen von Millionen Armutsflüchtlingen, die „uns“ „überrollen“ um „uns unseren“ Wohlstand wegzunehmen, prägen mediale Berichterstattung und politische Debatten. Ihr Ausgangspunkt sind vereinfachte neoliberale Annahmen von nutzenmaximierenden Individuen, die aufgrund von Preisunterschieden (sprich Lohnunterschiede bzw. Armut) zum fremden Markt (Arbeitsmarkt) unter Berücksichtigung von Marktungleichgewichten (Arbeitslosigkeit) einen neuen Lebensmittelpunkt suchen. Dem steht die Erkenntnis gegenüber, dass es mindestens so viele verschiedene Migrationsgründe wie MigrantInnen selbst gibt.

Vor allem in den letzten 20 Jahren hat sich eine seriöse Migrationsforschung entwickelt, die nach brauchbaren Erklärungen sucht. Ganz am Anfang stand das push-pull-Modell: Neben den push-Faktoren – Armut, Krieg, Hunger, etc – werden dabei die pull-Faktoren, sprich die anziehenden Effekte der Zielregionen betont. Darunter fallen Arbeitskräftemangel in Sektoren, in denen niemand gerne & zu solch niedrigen Einkommen arbeiten will. In Österreich könnte zB der Tourismus ohne MigrantInnen nicht funktionieren. Das push-pull- Modell kann aber weder erklären, warum unter ähnlichen Bedingungen nur ein Bruchteil der Bevölkerung tatsächlich migriert, noch warum bestimmte Zielregionen ausgewählt werden, noch warum sich Migrationstrends laufend ändern.

Migration passiert

Wichtigste neuere Erkenntnisse sind: Migration ist weit komplexer als allgemein unterstellt wird; sie findet nur in sehr kleinem Ausmaß statt; und sie ist nicht steuerbar. Gerade letztere Annahme wird natürlich nicht gerne thematisiert, weil die gesamte jetzige Debatte über „die Ausländer“ in dieser Form keinen Sinn machen würde. Es wäre zB klar, dass ein Absenken der Einwanderungsquote zwangsläufig nur zu einem Anstieg der undokumentierten („illegalen“) Migration führt. Da Fremdenfeindlichkeit aber auf fruchtbaren Boden stoßt und einige direkt davon profitieren wundert es auch nicht, dass in Schulen theoretisch nicht über das push-pull-Modell hinausgegangen wird. Gleichzeitig wirken durch weitverbreitete Informationslücken Aussagen von Leuten, die sich dem üblichen Populismus nicht beugen, fremd.

Etwa die Annahme, Migration funktioniere in erster Linie über soziale Netzwerke, die stärker sind als Staatsgrenzen. Die meisten Migrationsentscheidungen hängen von bereits erfolgter Wanderung ab: So wird jemand, der länger in Österreich bleiben will, seine Familie nachholen, auch wenn es verboten wird. Leute, die keine Perspektive sehen, werden es FreundInnen gleich tun, die bereits den Sprung in die Fremde geschafft haben, und wirken ihrerseits wieder als Vorbild für die nächsten. Durch gegenseitige Hilfe werden als Nebeneffekt die vorherrschende Diskriminierung bei Arbeits- und Wohnungssuche abgeschwächt und somit Integration erleichtert.

Die zunehmende Kriminalisierung von MigrationshelferInnen als „Schlepper“ ist ein Versuch, diese Netzwerke zu zerschlagen – jedoch mit dem einzigen Effekt, dass die Reisekosten steigen und zunehmens professionelle, tatsächlich kriminelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Dort, wo es sich um keine Folgemigration handelt, spielen entweder Kriege bzw. Katastrophen oder/und wirtschaftliche Ursachen eine Rolle.

Politische Ökonomie der Migration

Migration ist nur in Zusammenhang mit der Entwicklung im kapitalistischen Weltsystem vorstellbar: Arbeitskräftebedarf ist eine wichtige Konstante der Produktion. In dem Maße, wie dieser zumindest für Teile der Wirtschaft nicht bzw. nicht zu den Bedingungen im Neoliberalismus gedeckt werden kann, sind MigrantInnen notwendig. ZB dadurch, dass ihr sozialer Status vor allem in der Heimatregion definiert wird, ist die Entfremdung der Arbeit besonders stark und somit die Bereitschaft größer, schlechte Bedingungen zu akzeptieren.

Migration wird demnach aktiv in Gang gesetzt um dem Kapitalismus am Laufen zu halten. Dies geschieht etwa durch eine „Vermarktwirtschaftlichung“ in der globalen Peripherie, die traditionelle Formen der Produktion verdrängt und so Millionen Menschen „überflüssig“ macht (diese machen sich aber nur selten nach Europa auf, sondern wandern eher in die nächstliegende Großstadt ab).

Internationale Handels-, Kapital- und Dienstleistungsbeziehungen sind untrennbar mit Migration verbunden – nicht umsonst bilden diese intern die 4 Grundfreiheiten der EU. Die immer stärkeren Verflechtungen schaffen einen transnationalen Raum, also die Verbindung von Ziel- und Herkunftsregion die Migration ermöglicht.

Einen nicht unwesentliche Rolle spielen auch Staaten. Erstens wird Migration auf das übertreten bestimmter Staatsgrenzen reduziert, obwohl Binnenmigration überwiegt (die restlichen MigrantInnen bleiben großteils im selben Kontinent). Damit verbunden ist eine anderer rechtlicher Status und somit eine Neudefinition von Zugehörigkeit bzw. Ausschluss. Zweitens gibt es stark unterschiedliche Zugänge: Von Abschottung bis zur gezielte Förderung als „Exportstrategie“ (wie etwa Indonesien oder Südkorea).

Gender-Aspekte

Mindestens die Hälfte der MigrantInnen sind Frauen. Den Sprung in die hochentwickelten Länder machen Frauen jedoch verhältnismäßig seltener, wobei ihr Anteil in den letzten Jahren stieg. Bei den konkreten Migrationsfolgen muss unbedingt geschlechtsspezifisch differenziert werden – in Österreich etwa ist eine Scheidung oft mit dem Verlust des Aufenthaltsstatus verbunden, was zu einer Verstärkung von Geschlechterrollen führt

Andererseits kann durch Migration der Spielraum auch vergrößert werden, wenn die Zielregion Frauen vergleichsweise mehr Chancen einräumt. Vornehmlich Österreicherinnen profitieren wiederum von Migrantinnen als Haushaltshilfen. Migration kann Frauen eine emanzipatorische Perspektive bieten, aber eben so gut auch nicht – das Ergebnis kann nur im konkreten Fall beurteilt werden.

Wer profitiert, wer verliert?

Migration hat große Auswirkungen auf das Individuum, die Herkunftsregion und die Zielregion – ob der Effekt positiv oder negativ ist, kann allgemein nicht beurteilt werden. Aus Sicht der Herkunftsländer kann es etwa zum sogenannten „brain drain“ kommen, also die Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften. Andererseits können Rücküberweisungen bzw. HeimkehrerInnen zu einem Aufschwung beitragen. Wie auch immer man jedenfalls zu Migration stehen mag – eine vertiefte Auseinandersetzung tut not.

Georg Feigl
Trotzdem Juli 2003

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