„Das wunderbare Antlitz freier Menschen“ (Spanischer BürgerInnenkrieg Teil 2)
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Als bei den Wahlen 1936 die Volksfront gesiegt hatte, wurde das von vielen ihrer AnhängerInnen gleichgesetzt mit der Erfüllung ihres wichtigsten Anliegens: Einer umfassenden Landreform. Landlose begannen daher umgehend damit, die herrschaftlichen Güter zu besetzen und neu aufzuteilen. Die Exekutive war machtlos, die Feudalherren ob der Entwicklungen zunehmend hysterisch. Die spontanen Landbesetzungen waren Ansporn für Arbeitskämpfe in allen größeren Städten, auf die reagiert wurde wie üblich: Schlägertrupps und Pistoleros, gedungene Killer der Fabriksbesitzer, verbreiteten in den Wohnbezirken der ArbeiterInnen Angst und Schrecken, Anschläge und Überfälle auf Einrichtungen der Gewerkschaften und Linksparteien taten ein übriges, um die Lage zu eskalieren.
Doch diesmal bewirkten der Terror der Falangisten und die wohlwollende Untätigkeit der Polizei nicht Apathie und Angst. Die Arbeitsniederlegungen nahmen im Gegenteil noch zu. Um sich zur Wehr setzen zu können wurden eigene Milizen aufgestellt. Als die Unternehmer sich des Ernsts ihrer Lage bewusst wurden und sich um Kompromisse bemühten, wurden die Streiks nicht abgebrochen. Es ging mit einem Mal nicht mehr um Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, sondern um Besitzverhältnisse.
Spätestens jetzt war allen klar: Ein Putschversuch war nur noch eine Frage der Zeit. Am 17. Juli, nachdem Deutschland und Italien ihre Unterstützung zugesagt hatten, war es schließlich so weit: Ausgehend von Marokko brach die Revolte der Offiziere und Senoritos, der jungen Herren aus besserem Haus, los. Nach erfolglosen Verhandlungsversuchen mit den Aufständischen trat die liberale Regierung zurück. Ihre Nachfolge verfügte umgehend die Auflösung der Armee und die Ausgabe von Waffen an die Milizen der Gewerkschaften und der demokratischen Parteien. Diese stellten sich nun dem meuternden Militär entgegen.
Die Aufständischen gingen von Anfang an mit ungeheurer Brutalität vor: Gefangene wurden nicht gemacht, war eine Stadt unter ihre Kontrolle gebracht, wurden linke FunktionärInnen in Massen exekutiert, alleine in Sevilla metzelten die Truppen 9.000 Wehrlose nieder. Obwohl die Provinz Andalusien für die Republik schon nach wenigen Tagen verloren ging, verlief das Unternehmen für die Generäle jedoch keineswegs nach Plan.
Einerseits konnten sie die Marine aufgrund des entschlossenen, gut organisierten Widerstandes der Matrosen nicht unter ihre Kontrolle bringen. Andererseits schlugen die Erhebungen in so wichtigen Städten wie Madrid, Valencia, Malaga und Barcelona trotz schwerer Verluste auf Seiten der RepublikanerInnen fehl.
In Katalonien und dem Baskenland waren die Niederlagen der Aufständischen auch dadurch zu erklären, dass ihr Separatismus weit über die ArbeiterInnenorganisationen hinaus Menschen für die Republik kämpfen ließ.
Weil es bis tief in den Herbst 1936 hinein noch keinen fixen Frontverlauf gab, zogen die Truppen von Aufständischen und RepubliksanhängerInnen mehr oder weniger aufs Geratewohl durchs Land. Trafen sie aufeinander kam es zu Kämpfen, andernfalls war man vornehmlich mit der Säuberung der Territorien die man gerade passierte befasst. Dabei kam es gerade in der Anfangszeit des Krieges auf beiden Seiten zu zahlreichen Gräueltaten. Während die systematische Ermordung von GegnerInnen aber von vornherein zur militärischen Strategie der Aufständischen gehörte, hatten Exzesse auf republikanischer Seite zumeist einen anderen Hintergrund: Sie waren Ausdruck unkontrollierter, individueller Wut und Verbitterung, ein Akt kollektiver Notwehr, wie er in vielen revolutionären Situationen zu beobachten ist.
Dem Zorn der Bevölkerung fielen besonders jene zum Opfer, von denen angenommen werden musste, sie würden gegebenenfalls mit den Putschisten gemeinsame Sache machen – vornehmlich Besitzende, Geistliche, Beamte und Politiker der Rechten. Diese Massaker, die zweifellos auch viele Unschuldige das Leben kosteten, waren aber mehrheitlich eine Erscheinung der ersten Monate des Krieges und weder qualitativ noch quantitativ mit der großangelegten Menschenjagd vergleichbar, die von den Aufständischen in jedem neu eroberten Gebiet veranstaltet wurde. Der US-Historiker Gabriel Jackson schätzt, dass etwa 20.000 Menschen republikanischen Übergriffen zum Opfer fielen, hingegen 150.000 bis 200.000 dem Terror von Francos Truppen.
Mit dem physischen Verschwinden der alten Eliten setzte wiederum eine Neuorganisation der Besitz- und damit Machtverhältnisse auch dort ein, wo sie bisher unterblieben war. Ausländische Zeugen des Geschehens beschrieben die Atmosphäre jener Tage als „kollektive Begeisterung“, „allgemeines Hochgefühl“, „revolutionären Stolz, der keinen Hochmut kannte“, „eine Gesellschaft ... im Glückstaumel“.
Überall außerhalb des Baskenlandes wurden die Landgüter, die zuvor Adel und Klerus besessen hatten, von den Bauern und Bäuerinnen der Umgebung entweder unter sich aufgeteilt oder fortan gemeinschaftlich bewirtschaftet; in den Städten übernahmen die Belegschaften selbst, in vielen Fällen auch Gewerkschaften und Parteien die Führung der Beriebe.
Sogenannte Volkskomitees – am Land meist gleichbedeutend mit den Dorfversammlungen, in den Städten üblicherweise mit VertreterInnen der Parteien, und Gewerkschaften beschickt – organisierten die Lebensmittelversorgung neu, desgleichen öffentliche Dienstleistungen, Sicherheitswesen, Alten- und Krankenversorgung, Unterrichtswesen, und – vor allem – den Aufbau der Milizen. Diese Wehrformationen der Gewerkschaften und Parteien wurden aus den Arsenalen der gestürmten Kasernen bewaffnet und im Schnellverfahren notdürftig ausgebildet. Was ihnen an militärischer Erfahrung fehlte, versuchten sie durch revolutionären Elan wett zu machen: Alle Milizangehörigen waren Freiwillige, etwa ein Viertel davon Frauen; Rangabzeichen, Salutieren und das Marschieren in Reih und Glied wurden abgeschafft, Offiziere gewählt und gleich entlohnt wie ihre SoldatInnen.
Die alten Uniformen wurden ersetzt durch den blauen Overall, das Kleid der Arbeit. Die verbissene, nicht selten selbstmörderische Tapferkeit, mit der die MilizionärInnen in den ersten Wochen kämpften und die Erfolge, die sie dabei errangen, konnten jedoch über ihre militärischen Mängel nicht hinwegtäuschen. Gesiegt hatten die ArbeiterInnen vor allem im städtischen Häuserkampf, den sie in den vorangegangen Jahrzehnten hinreichend zu führen gelernt hatten. Auch konnte das Militär im dichtverbauten Gebiet seine technische Überlegenheit kaum zur Geltung bringen, gekämpft wurde hüben wie drüben vor allem mit Handfeuerwaffen und Maschinengewehren. Als die Schlacht in den Ballungszentren entschieden war und sich eine Front nach dem Muster des modernen Grabenkrieges herauszubilden begann, sollte sich das ändern.
Florian Wenninger
Teil 3 der Serie folgt in Kürze…
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