Andreas Hofer-Gedenkjahr
Proteste gegen Burschenschafter-Kommers
Das Fehlen von kritischen Auseinandersetzungen mit den Geschehnissen 1809 hat Innsbruck zudem den Boden für den größten Kommers deutschnationaler Burschenschafter in diesem Jahr bereitet. Am 20. Juni wird der Dachverband der Deutschen Burschenschaften mit Unterstützung von Dr. Martin Graf das „Werk“ Hofers ehren und die Wiedervereinigung Nordtirols mit Norditalien einfordern.
An diesem Tag laden die JUSOS Tirol alle dazu ein, den rechtsradikalen Burschenschaften antifaschistischen Widerstand entgegenzusetzen und dem protegierten „Tirolertum“ Günther Platters den Riegel vorzuschieben.
Lasst uns gemeinsam die Alpenfestung schleifen!
Link: www.jusos.at
Andreas Hofer?
1809 kämpften Tiroler Militärs gegen die napoleonischen Truppen Bayerns und Frankreichs, die das Kaiserreich Österreich Jahre zuvor in die Knie gezwungen hatten und Tirol an Bayern anschlossen. Dank der Reformen Bayerns wurde Tirol eines der fortschrittlichsten Länder im damaligen deutschsprachigen Gebiet. Die neue Verfassung beseitigte die Sonderrechte des Adels, hob die Leibeigenschaft auf, gewährte die Sicherheit der Person und des Eigentums und führte eine beschränkte Pressefreiheit ein. Das Josephinische Toleranzpatent, welches das Glaubensmonopol der Katholischen Kirche brach, wurde wieder eingeführt. Das im Sinne der Aufklärung agierende bayrische Beamtentum hatte dabei für Unmut unter den mächtigen Klerus und Teilen der Landbevölkerung gesorgt.
Letztlich wurde die Zwangsmobilisierung für die Bayrische Armee im April 1809 der Auslöser für die Erhebung des “Tiroler Landsturms”. Andreas Hofer wurde im Zuge dessen Oberbefehlshaber und nach einigen militärischen Auseinandersetzungen 1810 standrechtlich in Mantua erschossen. Während gelungenen kurzzeitigen Befreiungen Innsbrucks wurden insbesondere die Bürgerlichen der Landeshauptstadt mit fundamentalistischen Moralgesetzen drangsaliert und erniedrigt, da diese den liberalen bayrischen Besetzern größtenteils freundlich gegenüber gestanden waren. Eine von Hofer gewollte uneingeschränkte Herrschaft von Priestern und Mönchen setzte sich durch und Ausschreitungen gegen die jüdische und protestantische Bevölkerung in Tirol wurden ebenfalls in den Geschichtsbüchern vermerkt.
Die Freiheit, die er meinte
Insofern war die Widerstandsbewegung Hofers nicht einzig und allein gegen die bayrische Fremdherrschaft gerichtet, sondern trug auch Charakteristika eines Kampfes gegen die auf dem europäischen Kontinent voranschreitende Aufklärung und ihrer Ziele. Der Historiker Laurence Cole beschrieb die Ereignisse folgendermaßen: „Eine Freiheit des Individuums, wie wir sie kennen, hatte Hofer sicher nicht im Sinn. […] Auch ging es um die Verteidigung der Vormachtstellung der katholischen Kirche. 1809 muss man unbedingt auch als Ausdruck einer wirklich starken anti-aufklärerischen Stimmung bewerten. Gegen religiöse Toleranz, auch mit typischer Sündenbocksuche.“[1]
Geschichte vs. Mythos
Nach seinem Tod benutzten Habsburger, Austrofaschisten, Nationalsozialisten und später hauptsächlich die ÖVP, die historische Schablone Andreas Hofers, auf der es offensichtlich unendlich viel Platz für politische Attribute wie Vaterlandstreue, Wehrhaftigkeit etc. gab, um das „wahre Tirolertum“ in den Köpfen der Allgemeinheit zu manifestieren. Bedenkt man, dass sogar die KPÖ Hofers Portrait neben dem von Stalin trug, wird die Tragweite der Mythologisierung und der ideologischen Inanspruchnahme Andreas Hofers klar. Dass die historischen Tatsachen dabei der Heldenverehrung Platz machen mussten, war bloß der folgerichtige Schritt der Instrumentalisierung von oben.
Heute, 200 Jahre später, schaltet die Tiroler Landesregierung (VP-SP) Inserate, in denen Andreas Hofers Bewegung wegen ihrer „erfolgreichen Selbstbehauptung“ gelobt wird. Hofer soll im Gedenkjahr wieder zum „ursprünglichen Tiroler“ im Bewusstsein Nord – und Südtirols werden und wie dieser ausschaut entnimmt man aus der kläglich vernachlässigten Geschichte: Katholisch – Fundamentalistisch, bellizistisch, bedingungslos treu.
Die Landesregierung lässt sich dies einiges kosten: 3, 8 Millionen Euro werden die Gedenkveranstaltungen aufbrauchen, ohne den Preis für das Andreas – Hofer – Museum für zwanzig Millionen Euro. Trotz dieser enormen Summen werden die Gottesstaatsvorstellungen, die Misshandlung von Minderheiten und weitere Abscheulichkeiten des Oberkommandierenden Hofer mit keiner Silbe erwähnt.
Marko Miloradovic










