Mittwoch 8. Februar 2012
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Bildung und Ausbildung

Ja zur Ganztagsschule!

Good bye Lehrer Lämpel!

Selbst in der ÖVP ist mittlerweile die Diskussion um ganztägige Schulformen voll entflammt. Trotz Gehrers offen bekundeter Feindseligkeit verspricht sie, zumindest die Nachmittagsbetreuung geringfügig auszubauen. Doch beim Modell der Ganztagsschule geht es um mehr, als um die Versorgung und Beaufsichtigung von Kindern.

Die Ganztagsschule ist für viele ÖsterreicherInnen nach wie vor ein Tabuthema. Diese ablehnende Haltung hat meist verschiedene Ursachen. Während Mama und Papa, beide den Tränen nahe, erklären, dass durch die Ganztagsschule das tägliche gemeinsame Familienmittagessen ins Wasser fallen würde, zucken SchülerInnen beim Gedanken an einen so langen Schultag vor Schreck zusammen. "Pfui, da hab ich ja gar keine Freizeit mehr," meinen sie dann ganz verstört.

Einschränkung der Freizeit?
Auch konservative PädagogInnen und PolitikerInnen zeigen sich euphorisch, wenn es um das Vorbringen von Einwänden gegen die Ganztagsschule geht. Sie befürchten verstärkte Institutionalisierung der Bildung bzw. Erziehung und sehen darin die Gefahr einer Verhinderung von selbstverantwortetem und selbst-gesteuertem Lernen seitens der Kinder. Da die über den ganzen Tag organisierte Schule, so wird argumentiert, einen Mangel an Lebenspraxis bedeute, gebe es weniger Gelegenheiten für außerschulische Erfahrungen und Lernprozesse. Ein weiterer immer wieder genannter Einwand bezieht sich auf das Zurückdrängen des erzieherischen Einflusses der Eltern: durch die institutionelle Betreuung der Kinder werde die elterliche Verantwortung für den Erziehungsprozess auf ein Minimum reduziert.

Tatsächlich steht hinter dieser Argumentation jedoch nichts anderes als ein konservatives Bildungskonzept, das die Qualität der Bildung von sozialen Faktoren also von sozio-ökonomischen Möglichkeiten einer Familie abhängig macht. Um die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Einkommen nicht nur aufrecht zu erhalten (in Österreichs Städten schließen nur 19% der Kinder von Eltern, die nur die Pflichtschule absolviert haben, die AHS-Unterstufe ab, bei Kindern von Eltern mit Uni-Abschluss sind es 84%) sondern auch noch zu verschärfen, treten die GegnerInnen der Ganztagsschule unter dem Vorwand einer Entlastung der SchülerInnen sogar weitgehend für eine Verkürzung der Schulzeit ein. Dabei wird die Notwendigkeit gezielter Förderungsmaßnahmen sozio-kulturell benachteiligter Kinder bewusst ignoriert.

Ganztagsschule jetzt!
Die Ganztagsschule dagegen ist eine Möglichkeit, diese wichtige Chancengleichheit schulischer Bildungsprozesse zu gewährleisten. Gerade Kindern von NiedriglohnbezieherInnen bzw. AlleinverdienerInnen würde dieses Konzept der ganztägigen schulischen Betreuung in Form eines fächerübergreifenden, projekt- und handlungsorientierten Unterrichts mit integrierter Lernunterstützung und Freizeitgestaltung besonders zu Gute kommen. Das integrierende Modell der Ganztagsschule unterscheidet sich aus dem Grund von der traditionellen Form der Halbtagsschule mit anschließender Hortbetreuung, da eine Trennung zwischen schulischem und außerschulischem Bereich verhindert wird. Die Ganztagsschule mit verpflichtender Teilnahme aller SchülerInnen vom morgendlichen Schulbeginn bis in den Nachmittag (ca. 15.00 - 16.30) bietet die Möglichkeit einer dem Lernrhythmus der SchülerInnen entsprechenden Verteilung der unterrichtlichen und freizeitlichen Aktivitäten auf Vormittag und Nachmittag, so dass z.B. Übungsarbeiten und Hausaufgaben in die Schulzeit integriert und innerhalb des Unterrichts oder in besonderen Arbeitsgruppen absolviert werden können. Auch als Ort sozialer Begegnung und sozialen Lernens eröffnet die Ganztagsschule in weitaus umfänglicherer Form als die Halbtagsschule soziale Kontakte und Freundschaftsbildungen der SchülerInnen untereinander; dazu ergeben sich vielfältigere Möglichkeiten altersgruppenübergreifenden Lernens. In Bezug auf die Befürchtung vieler Jugendlichen, es bestehe durch die Ganztagsschule die Gefahr einer Verschulung ihrer Freizeit, ist hervorzuheben, dass im Konzept der Ganztagsschule frei verfügbare und selbstbestimmbare Zeiten zur Abwechslung und Erholung einen außerordentlich wichtigen Stellenwert einnehmen. So werden einerseits Räume für individuelle Freizeitgestaltung frei von Leistungsforderungen geschaffen und andererseits organisierte Lern- und Freizeitangebote ermöglicht. Auch die Zweifel vieler SkeptikerInnen in Hinblick auf mangelnden Kontakt der SchülerInnen mit dem außerschulischen Bereich sind unbegründet, da die Einbeziehung der Lebenswirklichkeit in den ganztägigen Schulalltag eine essentielle Rolle spielt.

Trotz der eben skizzierten enormen Vorteile der Ganztagsschule wird dieses Modell in Österreich nach wie vor weitgehend abgelehnt. Doch wer weiß, wie lange noch. Während Bildungsministerin Gehrer zufrieden und stolz auf das, was sie zu dem gemacht hat, was sie ist, an die "Max und Moritz"-Verse ihrer Kindheit denkt, gibt es bereits immer mehr Stimmen, die rufen: "Good bye, Lehrer Lämpel!"
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