Dienstag 7. Februar 2012
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Inhalt:

Frauenpolitik und Sexismus

Geschlechtsspezifische Ungleichheiten am Arbeitsmarkt

Über die strukturelle Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt
Die Rollenbilder, die Frauen von Geburt an erlernen, wirken sich nicht nur in Vorurteilen Klischeedenken aus. Sie sind die Ursache für viele unmittelbare Benachteiligungen, die Frauen im täglichen Leben widerfahren. Ein großer Bereich dieser unmittelbaren Diskriminierung ist die Situation am Arbeitsmarkt. Eine selbstständige Existenzsicherung ist die Grundvoraussetzung für die Unabhängigkeit der Frauen von (ihren) Männern und die Möglichkeit von Selbstentfaltung für jeden Menschen.

Frauen verdienenden in Österreich durchschnittlich 31% weniger als Männer. Aufs Jahr hochgerechnet bedeutet das, dass das durchschnittliche Männereinkommen im Jahr 10.000 EUR über dem durchschnittlichen Fraueneinkommen liegt[1]. Laut AK-Schätzungen vergrößert sich die Kluft in den nächsten Jahren noch weiter[2].

In keinem anderen EU-Land ist die Lohnschere für Geschlechter derart groß wie in Österreich. Im EU-Schnitt beträgt die Differenz zwischen Frauen- und Männereinkommen 23%. Auch das ist nicht „gerecht“, verdeutlicht aber zumindest, dass diese Unterschiede nicht „naturgegeben“ sind, sondern sehr wohl durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen mitbeeinflusst wird.

Im wesentlich lassen sich für die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt fünf Ursachen aufführen, die alle miteinander verwoben sind, die Situation manifestieren. Dass heißt, dass alle Ursachen dazu beitragen, dass es bleibt, wie es ist.

1. Die generelle Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt
Lange Zeit war es selbstverständlich, dass Frauen zwar zur Schule gehen und eventuell auch eine Berufsausbildung abschließen, aber nach der Hochzeit Kinder bekommen und als „Hausfrauen“ zu Hause bleiben. Wenn Frauen schon arbeiten gingen, dann nur, weil es finanziell notwendig war. Aber selbst dann übernahmen sie die „Zuverdienerin“ im patriachalen Versorgungsmodell, in dem Männer meistens als Alleinverdiener die Familie „erhalten“ oder zumindest als Hauptverdiener. In den letzten 50 Jahren steigerte sich der Teil der Frauen, die einer Erwerbsarbeit (also einer Arbeit, für die sie auch Lohn bekommen), nachgehen, kontinuierlich. Der Grund dafür ist zwar auch oft ein finanzieller, aber immer mehr Frauen (und auch Männer) sehen in der Erwerbstätigkeit auch eine Frage der Lebensgestaltung. Laut einer IMAS-Umfrage waren 1973 noch 21% der Meinung, Frauen sollten nur im Haushalt arbeiten, sind es heute nur mehr 9%. Gestiegen ist auch der Anteil derjenigen, die meinen, „Ein Beruf gehört zum weiblichen Lebensglück“: 62% aller befragten Frauen stimmen dieser Aussage zu und 54% der befragten Männer schließen sich ihr an[3]. Heute sind 62,5% aller Österreicherinnen erwerbstätig, hingegen gehen 79,4% aller österreichischen Männer einer Erwerbsarbeit nach[4]. Europaweit gesehen gibt es zwischen ziemlich starke Unterschiede zwischen nördlichen und südlichen Staaten. In Schweden und Finnland beträgt der Unterschied zwischen Männer- und Frauenerwerbsquote z.B. nur 5%, in Griechenland und Spanien sind 30% mehr Männer am Arbeitsmarkt. Auch daran lässt sich erkennen, dass nicht die „Natur“ diese Situation festlegt, sondern gesellschaftliche Verhältnisse und die daraus resultierende Politik maßgeblichen Einfluss haben, ob Frauen am Arbeitsmarkt teilnehmen oder eben nicht.

2. Die vertikale Arbeitsmarktsegregation
Viele kennen das Schlagwort der „gläsernen Decke“. Höhere, leitende, besser bezahlte Positionen werden in der Regel von Männern eingenommen. Nur 3% aller Frauen aber mehr als doppelt so viele Männer üben hochqualifizierte Tätigkeiten aus[5]. Wir kennen das Bild: „Der“ Chef mit „seiner“ Sekretärin.

Manche argumentieren damit, dass Frauen schlechter ausgebildet wären, als Männer. Das stimmt allerdings nicht, wenn wir uns die Zahlen der Schulabschlüsse vor Augen führen: der Anteil der Mädchen, die in österreichischen Schulen maturieren ist mittlerweile sogar höher als der Anteil der Burschen. Die Politik der sozialistischen Alleinregierung hat bewirkt, dass heute 20% mehr Mädchen eine höhere Schule besuchen als 1970.

Was schon stimmt, ist, dass Frauen weniger oft an beruflichen Weiterbildungsangeboten teilnehmen wir Männer. Das hängt zum Einen damit zusammen, dass Fortbildungsangebote oft nur für führende Positionen angeboten wird und zum Anderen das bestehende Angebot in den Rahmenbedingungen (d.h. Auswahl von Ort und Zeit) wenig auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmt ist, was wiederum mit der Pflicht, die Haus- und Erziehungsarbeit zu übernehmen, zusammenhängt.

Die vertikale Arbeitsmarktsegregation ist eine Ursache und steht zugleich in Wechselwirkung mit allen anderen Bereichen der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt.

3. Die horizontale Arbeitsmarkt-Segregation
Damit ist gemeint, dass nach wie vor, Frauen und Männer in unterschiedlichen Branchen arbeiten. Während Frauen vor allem im Dienstleistungsbereich beschäftigt sind (80% oder 8 von 10 Frauen arbeiten in diesem Sektor), sind viele Männer im Handel oder der Produktion. Frauen sind zusätzlich auf weniger Berufe konzentriert als Männer. Das ergibt sich daraus, dass der Frauenanteil in sogenannten „Männerberufen“ wesentlich geringer ist, als der Männeranteil in „Frauenberufen“. 70,11% aller weiblichen Lehrlinge arbeiten in einem der 10 beliebtesten Lehrberufen von Frauen, aber nur 35,44% aller männlichen Lehrlinge verteilen sich auf die 10 beliebtesten Männer-Lehrberufe. Angeführt wird die Liste bei Frauen von Bürokauffrau, Friseurin und Einzelhandelskauffrau, bei den Männern von Kfz-Techniker, Kfz-Mechaniker und Tischler[6].

Warum das so ist, lässt sich wiederum aus gesellschaftlichen Umständen herleiten: Interesse von Menschen wird von Geburt an gefördert oder gehemmt. Wenn ein Mädchen nie in ihrem Leben einen Lötkolben in der Hand hatte, und nie in die Situation kam, mit „Papa“ das Auto zu reparieren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich später für technische Berufe interessiert, sehr gering. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Diese „Aufteilung“ des Arbeitsmarktes bewirkt aber nicht nur unterschiedliche „Betätigungsfelder“ von Männern und Frauen sondern auch unterschiedliche Bezahlung dieser Arbeit. Während technische Berufe und Berufe im primären und sekundären Arbeitssektor (also in der Produktion und Verarbeitung) traditionell gut bezahlt sind, sind Berufsfelder im tertiären oder Dienstleistungssektor traditionell schlecht bezahlt. Es scheint, als würde die geleistete Arbeit von Frauen durchwegs niedriger bewertet. Oder ist die Arbeit einer Schneiderin prinzipiell weniger wichtig, oder weniger aufwendig, als die eines Schlossers? Auch innerhalb der gleichen Branche lässt sich die geschlechtsspezifische Segregation verfolgen, Beispiel Handel: Ein von Frauen dominierter Niedriglohn-Berufszweig. Ein Vergleich der Löhne von Textil- und AutohändlerInnen ergibt klar, dass die einzigen besser bezahlten Zweige von Männern dominiert sind.

4. Unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse von Frauen und Männern
Eine Ursache für die niedrigeren Löhne von Frauen und für die schlechtern Aufstiegschancen liegen in den unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen von Männern und Frauen. Es sind 76% aller Männer, aber nur 51% aller erwerbstätigen Frauen teilzeitbeschäftigt. Der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen liegt hat sich in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt (von 14% auf 29%), der der Männer hat sich nur geringfügig gesteigert (von 1% auf 3%)[7]. Fast dreiviertel aller geringfügig Beschäftigten[8] sind Frauen und viermal so viele Frauen als Männer arbeiten „auf Abruf“.[9] Diese atypischen Beschäftigungsformen haben viele Nachteile: die Versicherungsleistungen sind deutlich schlechter, es gibt weniger Weiterbildungsangebote und damit zusammenhängend schlechtere Aufstiegschancen für Frauen. Diese Rahmenbedingungen manifestieren die geschlechtsspezifische „gläserne Decke“. Warum arbeiten so viele Frauen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen? Dazu befragt, geben sechs von zehn Frauen als Gründe die Betreuung von Kindern oder Erwachsenen und andere familiäre Gründe an[10]. Hier schließt sich der Kreis der Benachteiligung am Arbeitsmarkt uns setzt sich gleich munter mit dem nächsten Punkt fort...

5. Die Verteilung der unbezahlten Arbeit auf Frauen und Männer
Nach wie vor übernehmen Frauen fast zur Gänze die unbezahlte Haus- und Pflegearbeit. Heute ist es nicht mehr so „schick“, das mit der „Natur der Frau“ zu argumentieren. Machen dürfen es aber Frauen immer noch allein. Die Zahl der Frauen, die einem Beruf nachgehen, steigt. Trotzdem wird die Haus- und Pflegearbeit nicht weniger.

Über 50% der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren geben an, alleine oder „nahezu alleine“ für die Kinderbetreuung zuständig zu sein, aber nur 4% aller Väter.

Die Karenzzeit wird fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen. Im Jahr 2000 betrug der Frauenanteil der KarenzgeldbezieherInnen 98%! Die Steigerung der Väter, die Karenz in Anspruch nehmen spielt sich in einem minimalen Bereich ab: In den letzten 10 Jahren hat sich der Anteil nur um 1,6% erhöht. Das ist einerseits bedingt durch die gesellschaftliche Rollenzuweisung („die Frau ist für die Kindererziehung da“) und andererseits wird es durch die geschlechtsspezifische Lohnschere begünstigt. In den allermeisten Fällen kann es sich eine Familie nicht leisten, auf das Einkommen des besserverdienenden Elternteils zu verzichten. Und besser verdienen tun eben die Männer.

Die Anzahl der Frauen, die nach der Karenzzeit eine Erwerbstätigkeit über der Geringfügigkeitsgrenze ausgeübt haben, sinkt. Waren es 1997 noch 31,3%, sind es im Jahr 2001 nur mehr 28,4% gewesen. 60% der WiedereinsteigerInnen arbeiten „geringfügig“[11].

Männliche Karriereverläufe sind meist ununterbrochen und von den Karriereverläufen ihrer Frauen unabhängig, während sich bei Frauen genau diese „Kinderbedingten“ Unterbrechungen negativ auswirken und ein Kontext zur Karriere von Männern besteht. Forschungen zeigen, dass in Wohlfahrtsstaaten mit der Position des Mannes der Druck auf die Partnerin, ihr Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie zu reduzieren oder sogar vollkommen aufzugeben, mit der höheren Position des Mannes steigt[12]. Klar ist, dass Frauen die „eh nicht“ Vollzeit arbeiten, verantwortlich für die ganze Arbeit in Haushalt und Familie sind. Je weniger Frauen arbeiten, umso „logischer“ ist es, dass sie die unbezahlte Arbeit verrichten.

Das führt insgesamt dazu, dass Frauen mehr als dreiviertel der unbezahlten Arbeit verrichten. Hochgerechnet beträgt die Gesamtstundenanzahl für unbezahlte Arbeit 11 Mrd. Stunden im Jahr (im Vergleich zu 8 Mrd. Stunden Erwerbsarbeit). Von diesen 11 Mrd. Stunden verrichten Frauen 7,7 Mrd.[13]. Der volkswirtschaftliche Wert dieser Arbeit beträgt 51 Milliarden Euro. Bei Annahme des Mindestlohn für diese Arbeit und bei der Berechnung mit dem männlichen Durchschnittslohn sogar 138 Milliarden Euro[14].

Frauen verrichten also 73,4% im unbezahlten Bereich, während Männer nur 38,4% ihrer Arbeit nicht entlohnt bekommen. Daraus lässt sich ableiten, dass Frauen in Österreich 55% der anfallenden Arbeit verrichten, aber nur 32% des ausbezahlten Gehaltes bekommen. Wird daraus ein Stundenlohn berechnet, bedeutet das, dass eine „Frauenarbeitsstunde“ in Österreich rund 3 Euro, eine Männerarbeitsstunde mehr als doppelt soviel, nämlich 7,8 Euro wert ist[15].

Ohne diese von Frauen kostenlos verrichtete Arbeit würde unser System, wie es ist nicht funktionieren. Die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt ist also weder etwas Naturgegebenes, noch ein Zufallsprodukt, sondern sie hat ganz konkrete Ursachen und Wechselwirkungen. Und: Sie wird durch die den Abbau, sozialpolitischer Maßnahmen verstärkt. Diesen Sozialabbau finden wir in fast allen Wohlfahrtsländern wieder. Der Staat soll „schlank“ werden. Die Menschen sollen „Eigenverantwortung“ übernehmen. Das alles auf dem Rücken von Frauen.



[1] Quelle: Statistik Austria, in: Hrsg: Beigewum: Frauen macht Budgets, Wien 2002
[2] Der Standard, Printausgabe, 15.1.2003
[3] Quelle: www.DieStandard.at, 12.03.2002, 15:22 Uhr
[4] Eurostat, Statistik Austria, in: Hrsg: Beigewum: Frauen macht Budgets, Wien 2002
[5] Hrsg: Beigewum: Frauen macht Budgets, Wien 2002, S. 68
[6] Karriere-Report 2001: Lehrlingsausbildung und Prüfungswesen in OÖ, Wirtschaftskammer Oberösterreich
[7] Hrsg: Beigewum: Frauen macht Budgets, Wien 2002, S. 66
[8] Geringfügig Beschäftigt bedeutet nicht mehr als 298 € Monatseinkommen
[9] aus: Geschlechtsspezifische Disparitäten 2002, Bundesanstalt Statistik Austria, Wien 2002
[10] ebenda
[11] Arbeiterkammer Oberösterreich, Jänner 2003: http://www.arbeiterkammer.com/plugin/template/newmedia/*/7204
[12] Internationale Studie der Universität Bremen, Dr. Sonja Drobnic, November 2001
[13] Hrsg: Finz, Alfred: Familienarbeit und Frauen – BIP, ÖstASt 3, 1996
[14] Hrsg: Beigewum: Frauen macht Budgets, Wien 2002, S. 67
[15] Geschlechtsspezifische Disparitäten 2002, Bundesanstalt Statistik Austria, Wien 2002


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