Zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung in Österreich
Von den Anfängen bis zur Etablierung der Ersten Republik
Von den Anfängen bis Hainfeld 1888/89
Die Ursachen und Voraussetzungen für die Entstehung der modernen ArbeiterInnenbewegung sind in den gesellschaftlichen Verhältnissen des 19.Jahrhunderts zu suchen. Das in Jahrhunderten stabile Gesellschaftssystem des Feudalismus mit seiner strengen hierarchischen Gliederung wurde im Zuge der industriellen Revolution in eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung umgewandelt. Auch die österreichisch-ungarische Monarchie - gemeinsamer Wirtschafts- und Lebensraum von mehr als zehn Nationen und Volksgruppen mit rund fünfzig Millionen Menschen - stand in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Zeichen des gewaltigen ökonomischen Umwandlungprozesses von einer rückständischen agrarisch-handwerklichen Wirtschaftsweise zur modernen kapitalistisch-industriellen Produktionsweise. Der Anteil der in der Industrie Beschäftigten, der freilich in Österreich-Ungarn noch weit hinter den vorgeschrittenen Staaten Westeuropas zurückblieb, stieg ständig an. Da auch die Bevölkerungszahl stark anstieg, erfuhr die Zahl der Industriearbeiter eine beträchtliche absolute Zunahme. Die Arbeitermassen ballten sich wie in allen kapitalistischen Ländern in den Städten zusammen. Allein die Einwohnerzahl der Reichshauptstadt Wien, des Ausgangspunktes der österreichischen ArbeiterInnenbewegung, wuchs von 431.147 im Jahre 1851 auf 827.567 im Jahre 1890 und bis 1900 auf 1,891.000, wobei die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zur ArbeiterInnenklasse zu zählen war.
Für die Wirtschaftsstruktur Österreichs war das Vorherrschen der Klein- und Mittelbetriebe charakteristisch. Insbesondere das Kleingewerbe hatte noch eine gewichtige Stellung und versuchte verzweifelt, sich gegen die übermächtige Konkurrenz des Großkapitals zu behaupten. Der harte Konkurrenzkampf des Frühkapitalismus zwang die Unternehmer die Produktionskosten äußerst niedrig zu halten, sodass sich die Einkommen der Arbeiterfamilien um das Existenzminimum bewegten. Das Massenelend in dieser Frühzeit des Kapitalismus ist sowohl in der Literatur (Gerhart Hauptmann "Die Weber") als auch in wissenschaftlichen Untersuchungen, vor allem in den Werken der Klassiker des Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, eindrucksvoll dargestellt worden. Die fehlenden sozialen Gesetze - nicht zuletzt infolge der (noch) nicht existierenden ArbeiterInnenbewegung - ließen eine schrankenlose Ausbeutung der ArbeiterInnen zu. Die Arbeitszeit betrug oft 14 bis 16 Stunden, die billigere Kinder- und Frauenarbeit wurde bevorzugt, vor allem jugendliche ArbeiterInnen und Lehrlinge wurden aufs ärgste ausgebeutet. Die desolaten Wohnverhältnisse in den Zinskasernen, die unzulängliche medizinische Betreuung und die fehlende Vorsorge für Krankheit, Unfall und Alter taten ein übriges, um die Lebenserwartung der arbeitenden Menschen niedrig zu halten. Diese Tatsachen führten zu einem ständig wachsenden Gegensatz zwischen der Klasse der Besitzenden und den besitzlosen ArbeiterInnen.
Die dem frühen Kapitalismus zugrunde liegenden Ideen des Liberalismus drängten danach, sich nicht nur im ökonomischen, sondern auch im politischen Bereich durchzusetzen. Die Bürger strebten nach Mitsprache, nach Freiheitsrechten und einer Verfassung. In dieser Kampfstellung gegen Feudalismus und Absolutismus war das Bürgertum eine fortschrittliche Klasse, deren Ziele auch der ArbeiterInnenbewegung zugute kamen.
In der Revolution von 1848 kämpften daher BürgerInnen, StudentInnen und ArbeiterInnen gemeinsam auf den Barrikaden. Die erstmals als politische Kraft in Erscheinung getretene ArbeiterInnenbewegung war jedoch noch zu unterentwickelt und zu schwach, um mehr als eine Rolle am Rande spielen zu können. Karl Marx, der im August 1848 einige Tage zu Vorträgen in Wien weilte, fand damals noch keinen Widerhall. Die Niederlage der bürgerlich-demokratischen Revolution und der unter dem Kaiser Franz Josef aufgerichtete Neoabsolutismus mit seinen Verfolgungsmaßnahmen hemmten viele Jahre die Organisierung der Arbeiterschaft und die Vorbereitung sozialistischer Ideen.
Erst nach der Durchsetzung des Liberalismus und der Herausbildung eines konstitutionellen Systems in den 60er Jahren waren Voraussetzungen geschaffen (insbesondere durch das Vereins- und Versammlungsgesetz vom Dezember 1867), um eine organisierte ArbeiterInnenbewegung entstehen zu lassen. Der noch im selben Jahr gegründete Wiener ArbeiterInnenbildungsverein wurde zur Keimzelle der österreichischen ArbeiterInnenbewegung, in der die Bildungs- und Kulturarbeit somit von Anfang an eine besondere Rolle spielte ("Wissen ist Macht"). Die junge ArbeiterInnenbewegung entfaltete eine rege Tätigkeit; in zahlreichen Massenversammlungen, Arbeitertage genannt, wurden die Forderungen der Arbeiter der Öffentlichkeit verkündet. Der neunte Arbeitertag am 30.08.1868 beschloß bereits ein "Sozialdemokratisches Programm", das alle wesentlichen politischen Forderungen wie die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts, Abschaffung des stehenden Heeres und Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Redefreiheit und Koalitionsrecht (darunter wurde das Recht zur Bildung von Gewerkschaften verstanden) enthielt.
Das Programm stellte fest, dass die Sozialdemokratische Partei diese Forderungen "auf friedlichem und gesetzlichem Weg, durch die Macht der öffentlichen Überzeugung" durchsetzen werde.
Behördliche Verfolgungen wie vor allem der spektakuläre Hochverratsprozess gegen die Führer der Partei (Oberwinder, Scheu, Most u.a.) im Juli 1870 vermochten die Entfaltung der Bewegung nicht zu verhindern. Zu Ostern 1874 vereinigten sich die verschiedenen sozialdemokratischen Organisationen auf dem Parteitag in Neudörfl (Burgenland, damals zur ungarischen Reichshälfte gehörig) zur "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreich". Die 25.000 Arbeiter vertretenden 74 Delegierten beschlossen ein Parteiprogramm (Neudörfler Programm), das die Grundlage für den Aufbau einer selbständigen, sozialdemokratischen und internationalen Arbeiterpartei bot. Der bereits vor Neudörfl einsetzende, aber danach mit aller Kraft ausbrechende Richtungsstreit zwischen "Gemäßigten" (Fraktion um Heinrich Oberwinder) und "Radikalen" (Fraktion um Andreas Scheu) bereitete jedoch dem hoffnungsvollen Aufstieg der Arbeiterbewegung vorerst ein Ende. Die österreichische Sozialdemokratie spaltete sich wegen der entscheidenden Frage nach dem Weg zum Sozialismus. Die Radikalen traten für eine sofortige Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch einen revolutionären Aufstand ein. Die Gemäßigten dagegen vertraten die Auffassung, dass sich der Kapitalismus erst voll entwickeln müsse, ehe der Sozialismus angestrebt werden könne. Sie beschränkten sich daher auf die Erkämpfung sozialer Reformen auf friedlichem Wege und unter Einhaltung der bestehenden Gesetze. Während die Gemäßigten mit liberalen und bürgerlichen Kräften zusammenarbeiteten (und von diesen auch finanzielle Mittel annahmen), gerieten die Radikalen unter anarchistischen Einfluss und griffen zu terroristischen Kampfmitteln ("Propaganda der Tat").
Die rücksichtslos geführten Fraktionskämpfe und die Unterdrückungsmaßnahmen der Behörden führten zum Niedergang und zur weitgehenden Lahmlegung der gesamten Arbeiterbewegung für eineinhalb Jahrzehnte. In dieser Situation versuchte Victor Adler den Streit der Fraktionen zu schlichten. Zur Jahreswende 1888/89 fand schließlich der Einigungsparteitag von Hainfeld statt, im Zuge dessen eine "Einigungs-Resolution" verfasst wurde, in der der Parteizwist durch die Annahme des Hainfelder Programms für beendet erklärt wurde. Die "Prinzipien-Erklärung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs" (SDAP) blieb mit gewissen Änderungen auch auf dem Parteitag 1901 bis zum Linzer Programm 1926 die Richtlinie der Parteitätigkeit. Die Hauptaufgabe der SDAP wurde in der politischen Organisierung und in der Schaffung des sozialistischen Bewusstseins der Arbeiterklasse gesehen. Dabei wollte sich die SDAP keineswegs auf die - ohnehin sehr geringen - legalen Mitteln beschränken, sondern sich aller zweckdienlichen und dem natürlichen Rechtsbewusstsein des Volkes entsprechenden Mittel bedienen. Die Möglichkeit des revolutionären Weges wurde in dieser Aussage nicht ausdrücklich angeführt.
Vom Arbeiterverein zur Massenpartei (1889-1901)
Mit dem Einigungsparteitag von Hainfeld war nun zwar die politische und ideologische Grundlage geschaffen; die Bewegung selbst musste jedoch erst aufgebaut werden. Die Partei besaß damals noch keine Tageszeitung, sie hatte keine VertreterInnen im Parlament, es gab keine Parteileitung und kein Parteisekretariat, und vor allem bestanden nur wenige Arbeitervereine, und die Zahl der MitgliederInnen war gering.
Am 1. Mai 1890, nach dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen im Juli 1889 in Paris, wurde in Österreich der erste Tag der Arbeit gefeiert. An diesem Tag ruhte die Arbeit in ganz Österreich und Massen strömten in die sozialdemokratischen Versammlungen.
Am zweiten Parteitag 1891 wurde berichtet, dass die Zahl der Bildungs- und Fachvereine fast auf das Doppelte, die Mitgliederzahlen auf das Dreifache gestiegen waren. Nach Beendigung des noch immer herrschenden Ausnahmezustandes konnte 1892 die Parteivertretung als Führungsinstanz geschaffen werden; Victor Adler war nun auch offiziell der Vorsitzende und Wien der Sitz der sehr zentralistisch aufgebauten Partei. Die - freilich nur ungenau eruierbaren - Mitgliederzahlen stiegen kontinuierlich: 1899: 118.863; 1905: 137.600; 1911: 146.623. Neben den Parteiorganisationen entwickelten sich auch andere sozialdemokratische Organisationen. Vor allem die (sozialdemokratischen) Freien Gewerkschaften, die 1893 auf dem ersten Allgemeinen Gewerkschaftskongress in Wien eine allumfassende Reichsgewerkschaftskommission mit Anton Hueber als Sekretär gegründet hatten, erlebte einen stürmischen Aufschwung. Ihre Mitgliederzahl stieg von etwa 60.000 im Jahr 1891 auf 157.773 (1900), 205.000 (1904) und 448.270 (1906). Die sozialdemokratischen Frauen mussten aufgrund des frauenfeindlichen Vereinsgesetzes außerhalb der Organisation bleiben; sie schufen sich 1890 einen Arbeiterinnenbildungsverein und 1909 ein Frauensekretariat mit Gabriele Proft als Leiterin. Auch die Schaffung der sozialdemokratischen Bildungszentrale und der Volkshochschulbewegung fällt in diese Zeit. 1892 entstand die Arbeitersportbewegung; 1894 gründeten einige Lehrlinge in Wien den Verein jugendlicher Arbeiter, aus dem sich der Verband jugendlicher Arbeiter Österreichs, mit über 13.000 MitgliederInnen die größte Jugendorganisation der Habsburgermonarchie, entwickelte.
1908 schuf Anton Afritsch in Graz die Kinderfreunde-Bewegung. Der Aufstieg der Sozialdemokratie ging jedoch nicht ohne Schwierigkeiten vor sich. Immer wieder wurden Versammlungen von den k.k. Behörden behindert oder aufgelöst, Victor Adler wurde wiederholt vor Gericht gestellt, Vereine wurden verboten und unbequeme Zeitungsartikel wurden konfisziert. Auf ArbeiterInnen in Betrieben, die als SozialdemokratInnen bekannt waren, wurden von Unternehmern Gesinnungsterror ausgeübt; sie wurden auf "schwarze Listen" gesetzt und nicht mehr beschäftigt oder aus dem Land ausgewiesen. Skrupellos wurde die k.u.k. Armee gegen die ArbeiterInnen bei Streiks und Demonstrationen eingesetzt. Das wichtigste politische Ziel, auf das die Partei ihre Kräfte konzentrierte, war die Erringung des allgemeinen Wahlrechts. Das österreichische Parlament, in seiner Macht und seinen Rechten ohnehin sehr eingeschränkt, setzte sich aufgrund eines Kurienwahlrechtes zusammen, wobei im Durchschnitt ein Abgeordneter des adeligen Großgrundbesitzes 63 Wähler, ein Abgeordneter der in den Handelskammern vertretenen Industriellen gar nur 27 Wähler, ein Bauernabgeordneter 2.592 Wähler und ein Abgeordneter der steuerpflichtigen Städter 10.918 Wähler benötigte, während zwei Drittel der Bevölkerung überhaupt nicht im Parlament vertreten waren. Der Kampf der Sozialdemokraten um das Wahlrecht begann 1893 und zog sich länger als ein Jahrzehnt hin.
Unter dem Druck der Versammlungsstürme und Straßendemonstrationen der ArbeiterInnen hatte der Reichsrat schließlich 1896 zu den vier Wahlkurien der privilegierten Klassen eine Kurie des Allgemeinen Wahlrechts hinzugefügt. 5 Millionen Wähler der fünften Kurie durften nun so viele Abgeordnete entsenden wie die 5.000 Großgrundbesitzer.
Am 28. November 1905 riefen Partei und Gewerkschaften einen 24-stündigen Generalstreik aus. Während die Arbeit im ganzen Land ruhte, gab es riesige Demonstrationen in den großen Städten; allein in Wien marschierten 250.000 ArbeiterInnen vor dem Parlament auf. Noch am selben Tag unterbreitete die Regierung dem Reichsrat eine Gesetzesvorlage über das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Im Mai 1907 fanden schließlich die ersten Wahlen aufgrund des allgemeinen Wahlrechtes (freilich nur für Männer) statt. Mit 1 Million von 4,5 Millionen Stimmen und 87 von 510 Abgeordneten ging die internationale Sozialdemokratie als die stärkste Partei hervor. Bei den zweiten allgemeinen Wahlen im Jahre 1911 konnte die Sozialdemokratie ihre Stärke behaupten und erstmals in Wien die absolute Mehrheit an Mandaten erringen. Im Wiener Gemeinderat blieben die Sozialdemokraten jedoch infolge ungerechter Wahlordnung und berüchtigter Schwindelaktionen der Christlichsozialen Partei Luegers weiterhin eine kleine Minderheit.
Vom Kaiserreich zur Republik (1901-1926)
Hauptproblem der österreichischen Innenpolitik vor 1914 war die ungelöste Nationalitätenfrage. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Nationalitätenproblem hatten sich innerhalb der Sozialdemokratie theoretische Neuansätze der Marxschen Schule entwickelt, für die sich der Begriff Austromarxismus prägte. Seine führenden Vertreter waren Otto Bauer, Karl Renner, Rudolf Hilferding, Max Adler und Friedrich Adler, deren Sprachrohr die seit 1907 von ihnen herausgegebene theoretische Zeitschrift "Der Kampf" war. Der organisatorische und politische Aufstieg der ArbeiterInnenbewegung vor 1914 konnte nicht darüber hinweg täuschen, daß die Sozialdemokratische Partei und mit ihr die ArbeiterInnenklasse von einer wirklichen Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft ausgeschlossen blieben. Die entscheidenden Machtpositionen lagen weiter fest in den Händen der nicht vom Volk bestellten und nicht dem Volk verantwortlichen obersten Staatsspitze - des Kaisers, seines Hofes und der von ihm ernannten Regierung.
Die Konflikte zwischen revolutionärem und reformistischen Flügel, die für die deutsche Sozialdemokratie symptomatisch waren, gab es in Österreich nicht. Die Einheit der Partei war unangefochten, zu ernsthaften Konflikten kam es allerdings beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als es der Parteivorstand unterließ, die ArbeiterInnenklasse gegen den Krieg zu mobilisieren und teilweise sogar in deutschnationaler bzw. habsburgisch- patriotischer Kriegsbegeisterung schwelgte.
Die Parteilinke um Friedrich Adler, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Max Adler, Julius Deutsch und Robert Danneberg standen in entschiedener Opposition zum Parteivorstand, verlangten einen sofortigen Frieden ohne Annexionen und forderten entschiedene Maßnahmen gegen Kriegsdiktatur, Zensur und wirtschaftliche Not der ArbeiterInnenklasse.
Aus Protest gegen die in Österreich von der Regierung errichtete Diktatur, gegen Krieg, aber auch gegen die passive Haltung der Parteiführung erschoß Friedrich Adler am 21.10.1916 den Ministerpräsidenten Graf Stürgkh. Seinen Mordprozeß nutzte Adler als Bühne, um seine Kritik zu artikulieren und damit ArbeiterInnen und Parteispitze wachzurütteln. Adlers Popularität nahm derart zu, dass das Gericht es nicht wagte, ihn zum Tode zu verurteilen.
Unter dem Eindruck von Adlers Tat, des sich hinziehenden blutigen Kriegs, aber auch durch die revolutionären Ereignisse in Rußland bestärkt, schwenkte die Partei auf eine Anti-Kriegslinie um. Die Jännerstreiks 1918 erschütterten das System schwer, im November 1918 brach auch in Österreich die Revolution aus. Die Donaumonarchie war schon davor auseinandergebrochen, am 12. November wurde die Republik ausgerufen, die Sozialdemokratie übernahm die Führung der Regierung.
Die Errichtung einer Räterepublik lehnte die SDAPÖ ab. Einerseits, so wurde argumentiert, sei Österreich der bürgerlichen Entente militärisch ausgeliefert, die Fortführung der Revolution hätte mit einiger Wahrscheinlichkeit den Einmarsch der Entente und den Sieg der Konterrevolution zur Folge; andererseits konstatierte Otto Bauer, der nach dem Tod Victor Adlers Anfang November 1918, der führende Theoretiker und Stratege der Partei geworden war, ein "Gleichgewicht der Klassenkräfte", zwischen Proletariat einerseits und Bauernschaft und Bürgertum andererseits. Die sozialistische Machtübernahme solle erst dann erfolgen, wenn das Proletariat eine Mehrheit erzielen könne.
Durch die Ablehnung des populären und aus der Haft entlassenen Friedrich Adlers, die Führung der KPÖ zu übernehmen, wurde auch die Spaltung der ArbeiterInnenbewegung in Österreich - anders als in großen Teilen Europas - abgewendet. Durch den Druck der Massen gestärkt, setzte die SDAPÖ nicht das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht für Männer und Frauen durch: bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung wurde die SDAPÖ stärkste Partei.
Die Ursachen und Voraussetzungen für die Entstehung der modernen ArbeiterInnenbewegung sind in den gesellschaftlichen Verhältnissen des 19.Jahrhunderts zu suchen. Das in Jahrhunderten stabile Gesellschaftssystem des Feudalismus mit seiner strengen hierarchischen Gliederung wurde im Zuge der industriellen Revolution in eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung umgewandelt. Auch die österreichisch-ungarische Monarchie - gemeinsamer Wirtschafts- und Lebensraum von mehr als zehn Nationen und Volksgruppen mit rund fünfzig Millionen Menschen - stand in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Zeichen des gewaltigen ökonomischen Umwandlungprozesses von einer rückständischen agrarisch-handwerklichen Wirtschaftsweise zur modernen kapitalistisch-industriellen Produktionsweise. Der Anteil der in der Industrie Beschäftigten, der freilich in Österreich-Ungarn noch weit hinter den vorgeschrittenen Staaten Westeuropas zurückblieb, stieg ständig an. Da auch die Bevölkerungszahl stark anstieg, erfuhr die Zahl der Industriearbeiter eine beträchtliche absolute Zunahme. Die Arbeitermassen ballten sich wie in allen kapitalistischen Ländern in den Städten zusammen. Allein die Einwohnerzahl der Reichshauptstadt Wien, des Ausgangspunktes der österreichischen ArbeiterInnenbewegung, wuchs von 431.147 im Jahre 1851 auf 827.567 im Jahre 1890 und bis 1900 auf 1,891.000, wobei die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zur ArbeiterInnenklasse zu zählen war.
Für die Wirtschaftsstruktur Österreichs war das Vorherrschen der Klein- und Mittelbetriebe charakteristisch. Insbesondere das Kleingewerbe hatte noch eine gewichtige Stellung und versuchte verzweifelt, sich gegen die übermächtige Konkurrenz des Großkapitals zu behaupten. Der harte Konkurrenzkampf des Frühkapitalismus zwang die Unternehmer die Produktionskosten äußerst niedrig zu halten, sodass sich die Einkommen der Arbeiterfamilien um das Existenzminimum bewegten. Das Massenelend in dieser Frühzeit des Kapitalismus ist sowohl in der Literatur (Gerhart Hauptmann "Die Weber") als auch in wissenschaftlichen Untersuchungen, vor allem in den Werken der Klassiker des Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, eindrucksvoll dargestellt worden. Die fehlenden sozialen Gesetze - nicht zuletzt infolge der (noch) nicht existierenden ArbeiterInnenbewegung - ließen eine schrankenlose Ausbeutung der ArbeiterInnen zu. Die Arbeitszeit betrug oft 14 bis 16 Stunden, die billigere Kinder- und Frauenarbeit wurde bevorzugt, vor allem jugendliche ArbeiterInnen und Lehrlinge wurden aufs ärgste ausgebeutet. Die desolaten Wohnverhältnisse in den Zinskasernen, die unzulängliche medizinische Betreuung und die fehlende Vorsorge für Krankheit, Unfall und Alter taten ein übriges, um die Lebenserwartung der arbeitenden Menschen niedrig zu halten. Diese Tatsachen führten zu einem ständig wachsenden Gegensatz zwischen der Klasse der Besitzenden und den besitzlosen ArbeiterInnen.
Die dem frühen Kapitalismus zugrunde liegenden Ideen des Liberalismus drängten danach, sich nicht nur im ökonomischen, sondern auch im politischen Bereich durchzusetzen. Die Bürger strebten nach Mitsprache, nach Freiheitsrechten und einer Verfassung. In dieser Kampfstellung gegen Feudalismus und Absolutismus war das Bürgertum eine fortschrittliche Klasse, deren Ziele auch der ArbeiterInnenbewegung zugute kamen.
In der Revolution von 1848 kämpften daher BürgerInnen, StudentInnen und ArbeiterInnen gemeinsam auf den Barrikaden. Die erstmals als politische Kraft in Erscheinung getretene ArbeiterInnenbewegung war jedoch noch zu unterentwickelt und zu schwach, um mehr als eine Rolle am Rande spielen zu können. Karl Marx, der im August 1848 einige Tage zu Vorträgen in Wien weilte, fand damals noch keinen Widerhall. Die Niederlage der bürgerlich-demokratischen Revolution und der unter dem Kaiser Franz Josef aufgerichtete Neoabsolutismus mit seinen Verfolgungsmaßnahmen hemmten viele Jahre die Organisierung der Arbeiterschaft und die Vorbereitung sozialistischer Ideen.
Erst nach der Durchsetzung des Liberalismus und der Herausbildung eines konstitutionellen Systems in den 60er Jahren waren Voraussetzungen geschaffen (insbesondere durch das Vereins- und Versammlungsgesetz vom Dezember 1867), um eine organisierte ArbeiterInnenbewegung entstehen zu lassen. Der noch im selben Jahr gegründete Wiener ArbeiterInnenbildungsverein wurde zur Keimzelle der österreichischen ArbeiterInnenbewegung, in der die Bildungs- und Kulturarbeit somit von Anfang an eine besondere Rolle spielte ("Wissen ist Macht"). Die junge ArbeiterInnenbewegung entfaltete eine rege Tätigkeit; in zahlreichen Massenversammlungen, Arbeitertage genannt, wurden die Forderungen der Arbeiter der Öffentlichkeit verkündet. Der neunte Arbeitertag am 30.08.1868 beschloß bereits ein "Sozialdemokratisches Programm", das alle wesentlichen politischen Forderungen wie die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts, Abschaffung des stehenden Heeres und Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Redefreiheit und Koalitionsrecht (darunter wurde das Recht zur Bildung von Gewerkschaften verstanden) enthielt.
Das Programm stellte fest, dass die Sozialdemokratische Partei diese Forderungen "auf friedlichem und gesetzlichem Weg, durch die Macht der öffentlichen Überzeugung" durchsetzen werde.
Behördliche Verfolgungen wie vor allem der spektakuläre Hochverratsprozess gegen die Führer der Partei (Oberwinder, Scheu, Most u.a.) im Juli 1870 vermochten die Entfaltung der Bewegung nicht zu verhindern. Zu Ostern 1874 vereinigten sich die verschiedenen sozialdemokratischen Organisationen auf dem Parteitag in Neudörfl (Burgenland, damals zur ungarischen Reichshälfte gehörig) zur "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreich". Die 25.000 Arbeiter vertretenden 74 Delegierten beschlossen ein Parteiprogramm (Neudörfler Programm), das die Grundlage für den Aufbau einer selbständigen, sozialdemokratischen und internationalen Arbeiterpartei bot. Der bereits vor Neudörfl einsetzende, aber danach mit aller Kraft ausbrechende Richtungsstreit zwischen "Gemäßigten" (Fraktion um Heinrich Oberwinder) und "Radikalen" (Fraktion um Andreas Scheu) bereitete jedoch dem hoffnungsvollen Aufstieg der Arbeiterbewegung vorerst ein Ende. Die österreichische Sozialdemokratie spaltete sich wegen der entscheidenden Frage nach dem Weg zum Sozialismus. Die Radikalen traten für eine sofortige Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch einen revolutionären Aufstand ein. Die Gemäßigten dagegen vertraten die Auffassung, dass sich der Kapitalismus erst voll entwickeln müsse, ehe der Sozialismus angestrebt werden könne. Sie beschränkten sich daher auf die Erkämpfung sozialer Reformen auf friedlichem Wege und unter Einhaltung der bestehenden Gesetze. Während die Gemäßigten mit liberalen und bürgerlichen Kräften zusammenarbeiteten (und von diesen auch finanzielle Mittel annahmen), gerieten die Radikalen unter anarchistischen Einfluss und griffen zu terroristischen Kampfmitteln ("Propaganda der Tat").
Die rücksichtslos geführten Fraktionskämpfe und die Unterdrückungsmaßnahmen der Behörden führten zum Niedergang und zur weitgehenden Lahmlegung der gesamten Arbeiterbewegung für eineinhalb Jahrzehnte. In dieser Situation versuchte Victor Adler den Streit der Fraktionen zu schlichten. Zur Jahreswende 1888/89 fand schließlich der Einigungsparteitag von Hainfeld statt, im Zuge dessen eine "Einigungs-Resolution" verfasst wurde, in der der Parteizwist durch die Annahme des Hainfelder Programms für beendet erklärt wurde. Die "Prinzipien-Erklärung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs" (SDAP) blieb mit gewissen Änderungen auch auf dem Parteitag 1901 bis zum Linzer Programm 1926 die Richtlinie der Parteitätigkeit. Die Hauptaufgabe der SDAP wurde in der politischen Organisierung und in der Schaffung des sozialistischen Bewusstseins der Arbeiterklasse gesehen. Dabei wollte sich die SDAP keineswegs auf die - ohnehin sehr geringen - legalen Mitteln beschränken, sondern sich aller zweckdienlichen und dem natürlichen Rechtsbewusstsein des Volkes entsprechenden Mittel bedienen. Die Möglichkeit des revolutionären Weges wurde in dieser Aussage nicht ausdrücklich angeführt.
Vom Arbeiterverein zur Massenpartei (1889-1901)
Mit dem Einigungsparteitag von Hainfeld war nun zwar die politische und ideologische Grundlage geschaffen; die Bewegung selbst musste jedoch erst aufgebaut werden. Die Partei besaß damals noch keine Tageszeitung, sie hatte keine VertreterInnen im Parlament, es gab keine Parteileitung und kein Parteisekretariat, und vor allem bestanden nur wenige Arbeitervereine, und die Zahl der MitgliederInnen war gering.
Am 1. Mai 1890, nach dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen im Juli 1889 in Paris, wurde in Österreich der erste Tag der Arbeit gefeiert. An diesem Tag ruhte die Arbeit in ganz Österreich und Massen strömten in die sozialdemokratischen Versammlungen.
Am zweiten Parteitag 1891 wurde berichtet, dass die Zahl der Bildungs- und Fachvereine fast auf das Doppelte, die Mitgliederzahlen auf das Dreifache gestiegen waren. Nach Beendigung des noch immer herrschenden Ausnahmezustandes konnte 1892 die Parteivertretung als Führungsinstanz geschaffen werden; Victor Adler war nun auch offiziell der Vorsitzende und Wien der Sitz der sehr zentralistisch aufgebauten Partei. Die - freilich nur ungenau eruierbaren - Mitgliederzahlen stiegen kontinuierlich: 1899: 118.863; 1905: 137.600; 1911: 146.623. Neben den Parteiorganisationen entwickelten sich auch andere sozialdemokratische Organisationen. Vor allem die (sozialdemokratischen) Freien Gewerkschaften, die 1893 auf dem ersten Allgemeinen Gewerkschaftskongress in Wien eine allumfassende Reichsgewerkschaftskommission mit Anton Hueber als Sekretär gegründet hatten, erlebte einen stürmischen Aufschwung. Ihre Mitgliederzahl stieg von etwa 60.000 im Jahr 1891 auf 157.773 (1900), 205.000 (1904) und 448.270 (1906). Die sozialdemokratischen Frauen mussten aufgrund des frauenfeindlichen Vereinsgesetzes außerhalb der Organisation bleiben; sie schufen sich 1890 einen Arbeiterinnenbildungsverein und 1909 ein Frauensekretariat mit Gabriele Proft als Leiterin. Auch die Schaffung der sozialdemokratischen Bildungszentrale und der Volkshochschulbewegung fällt in diese Zeit. 1892 entstand die Arbeitersportbewegung; 1894 gründeten einige Lehrlinge in Wien den Verein jugendlicher Arbeiter, aus dem sich der Verband jugendlicher Arbeiter Österreichs, mit über 13.000 MitgliederInnen die größte Jugendorganisation der Habsburgermonarchie, entwickelte.
1908 schuf Anton Afritsch in Graz die Kinderfreunde-Bewegung. Der Aufstieg der Sozialdemokratie ging jedoch nicht ohne Schwierigkeiten vor sich. Immer wieder wurden Versammlungen von den k.k. Behörden behindert oder aufgelöst, Victor Adler wurde wiederholt vor Gericht gestellt, Vereine wurden verboten und unbequeme Zeitungsartikel wurden konfisziert. Auf ArbeiterInnen in Betrieben, die als SozialdemokratInnen bekannt waren, wurden von Unternehmern Gesinnungsterror ausgeübt; sie wurden auf "schwarze Listen" gesetzt und nicht mehr beschäftigt oder aus dem Land ausgewiesen. Skrupellos wurde die k.u.k. Armee gegen die ArbeiterInnen bei Streiks und Demonstrationen eingesetzt. Das wichtigste politische Ziel, auf das die Partei ihre Kräfte konzentrierte, war die Erringung des allgemeinen Wahlrechts. Das österreichische Parlament, in seiner Macht und seinen Rechten ohnehin sehr eingeschränkt, setzte sich aufgrund eines Kurienwahlrechtes zusammen, wobei im Durchschnitt ein Abgeordneter des adeligen Großgrundbesitzes 63 Wähler, ein Abgeordneter der in den Handelskammern vertretenen Industriellen gar nur 27 Wähler, ein Bauernabgeordneter 2.592 Wähler und ein Abgeordneter der steuerpflichtigen Städter 10.918 Wähler benötigte, während zwei Drittel der Bevölkerung überhaupt nicht im Parlament vertreten waren. Der Kampf der Sozialdemokraten um das Wahlrecht begann 1893 und zog sich länger als ein Jahrzehnt hin.
Unter dem Druck der Versammlungsstürme und Straßendemonstrationen der ArbeiterInnen hatte der Reichsrat schließlich 1896 zu den vier Wahlkurien der privilegierten Klassen eine Kurie des Allgemeinen Wahlrechts hinzugefügt. 5 Millionen Wähler der fünften Kurie durften nun so viele Abgeordnete entsenden wie die 5.000 Großgrundbesitzer.
Am 28. November 1905 riefen Partei und Gewerkschaften einen 24-stündigen Generalstreik aus. Während die Arbeit im ganzen Land ruhte, gab es riesige Demonstrationen in den großen Städten; allein in Wien marschierten 250.000 ArbeiterInnen vor dem Parlament auf. Noch am selben Tag unterbreitete die Regierung dem Reichsrat eine Gesetzesvorlage über das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Im Mai 1907 fanden schließlich die ersten Wahlen aufgrund des allgemeinen Wahlrechtes (freilich nur für Männer) statt. Mit 1 Million von 4,5 Millionen Stimmen und 87 von 510 Abgeordneten ging die internationale Sozialdemokratie als die stärkste Partei hervor. Bei den zweiten allgemeinen Wahlen im Jahre 1911 konnte die Sozialdemokratie ihre Stärke behaupten und erstmals in Wien die absolute Mehrheit an Mandaten erringen. Im Wiener Gemeinderat blieben die Sozialdemokraten jedoch infolge ungerechter Wahlordnung und berüchtigter Schwindelaktionen der Christlichsozialen Partei Luegers weiterhin eine kleine Minderheit.
Vom Kaiserreich zur Republik (1901-1926)
Hauptproblem der österreichischen Innenpolitik vor 1914 war die ungelöste Nationalitätenfrage. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Nationalitätenproblem hatten sich innerhalb der Sozialdemokratie theoretische Neuansätze der Marxschen Schule entwickelt, für die sich der Begriff Austromarxismus prägte. Seine führenden Vertreter waren Otto Bauer, Karl Renner, Rudolf Hilferding, Max Adler und Friedrich Adler, deren Sprachrohr die seit 1907 von ihnen herausgegebene theoretische Zeitschrift "Der Kampf" war. Der organisatorische und politische Aufstieg der ArbeiterInnenbewegung vor 1914 konnte nicht darüber hinweg täuschen, daß die Sozialdemokratische Partei und mit ihr die ArbeiterInnenklasse von einer wirklichen Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft ausgeschlossen blieben. Die entscheidenden Machtpositionen lagen weiter fest in den Händen der nicht vom Volk bestellten und nicht dem Volk verantwortlichen obersten Staatsspitze - des Kaisers, seines Hofes und der von ihm ernannten Regierung.
Die Konflikte zwischen revolutionärem und reformistischen Flügel, die für die deutsche Sozialdemokratie symptomatisch waren, gab es in Österreich nicht. Die Einheit der Partei war unangefochten, zu ernsthaften Konflikten kam es allerdings beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als es der Parteivorstand unterließ, die ArbeiterInnenklasse gegen den Krieg zu mobilisieren und teilweise sogar in deutschnationaler bzw. habsburgisch- patriotischer Kriegsbegeisterung schwelgte.
Die Parteilinke um Friedrich Adler, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Max Adler, Julius Deutsch und Robert Danneberg standen in entschiedener Opposition zum Parteivorstand, verlangten einen sofortigen Frieden ohne Annexionen und forderten entschiedene Maßnahmen gegen Kriegsdiktatur, Zensur und wirtschaftliche Not der ArbeiterInnenklasse.
Aus Protest gegen die in Österreich von der Regierung errichtete Diktatur, gegen Krieg, aber auch gegen die passive Haltung der Parteiführung erschoß Friedrich Adler am 21.10.1916 den Ministerpräsidenten Graf Stürgkh. Seinen Mordprozeß nutzte Adler als Bühne, um seine Kritik zu artikulieren und damit ArbeiterInnen und Parteispitze wachzurütteln. Adlers Popularität nahm derart zu, dass das Gericht es nicht wagte, ihn zum Tode zu verurteilen.
Unter dem Eindruck von Adlers Tat, des sich hinziehenden blutigen Kriegs, aber auch durch die revolutionären Ereignisse in Rußland bestärkt, schwenkte die Partei auf eine Anti-Kriegslinie um. Die Jännerstreiks 1918 erschütterten das System schwer, im November 1918 brach auch in Österreich die Revolution aus. Die Donaumonarchie war schon davor auseinandergebrochen, am 12. November wurde die Republik ausgerufen, die Sozialdemokratie übernahm die Führung der Regierung.
Die Errichtung einer Räterepublik lehnte die SDAPÖ ab. Einerseits, so wurde argumentiert, sei Österreich der bürgerlichen Entente militärisch ausgeliefert, die Fortführung der Revolution hätte mit einiger Wahrscheinlichkeit den Einmarsch der Entente und den Sieg der Konterrevolution zur Folge; andererseits konstatierte Otto Bauer, der nach dem Tod Victor Adlers Anfang November 1918, der führende Theoretiker und Stratege der Partei geworden war, ein "Gleichgewicht der Klassenkräfte", zwischen Proletariat einerseits und Bauernschaft und Bürgertum andererseits. Die sozialistische Machtübernahme solle erst dann erfolgen, wenn das Proletariat eine Mehrheit erzielen könne.
Durch die Ablehnung des populären und aus der Haft entlassenen Friedrich Adlers, die Führung der KPÖ zu übernehmen, wurde auch die Spaltung der ArbeiterInnenbewegung in Österreich - anders als in großen Teilen Europas - abgewendet. Durch den Druck der Massen gestärkt, setzte die SDAPÖ nicht das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht für Männer und Frauen durch: bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung wurde die SDAPÖ stärkste Partei.










