Mittwoch 8. Februar 2012
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Inhalt:

Rechtsextremismus und Faschismus

Über Schüssel, Dollfuß, Gott und den Austrofaschismus

Interview mit Hugo Pepper
Hugo Pepper wurde am 4. Februar 1920 in Wien geboren. Während des 2. Weltkrieg schloss er sich der NS-Widerstandsbewegung an. Von 1992 bis 1995 war er Obmann des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer. Hugo Pepper ist Autor und Koautor einer Reihe von Buchpublikationen. In Anerkennung seiner volksbildnerischen Tätigkeit, wurde ihm 1973 der Berufstitel "Professor" verliehen.

Faktor: Welchen persönlichen Bezug zu der Entwicklung hin zum Ständestaat hast du?

Pepper: Zum einen die Ereignisse am 15. und 16. Juli 1927. Da ich damals erst sieben Jahre alt war, bekam ich die Ereignisse von meinen Eltern kommentiert mit. Meine völlig geschockte Mutter, sie war Krankenschwester, kam vom Auflesen der durch den brutalen Polizeieinsatz Verwundeten heim. Es hat mehr als 18 Tote gegeben. Auch die Ausschaltung des Parlaments durch den Staatsstreich von oben und natürlich die Ereignisse rund um den Februar 1934 haben mich stark geprägt. Als ich 1926 in die Schule kam, hat gerade die Schulreform nach dem Sozialdemokraten Otto Glöckel gegriffen. Ich war also aufgrund meiner Sozialisation auch ein Produkt des "Roten Wien".

Faktor: Welche Interessen und Kräfte standen hinter der Entwicklung zum Faschismus in Österreich?

Pepper: Das Wesen des Austrofaschismus ist das Nicht-Verarbeiten-Können einer gesellschaftlichen und politischen Niederlage die 1918 stattgefunden hat. Es war eine Revolution, es war ein Umsturz der aufgeräumt hat mit einer Summe von bürgerlichen Privilegien, der bis dahin herrschende Gesellschaftsschichten aus ihren Positionen gehoben hat. Eine Erniedrigung, die diese Kreise nie haben verwinden können. Sie hätten alleine aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche keine faschistische Entwicklung installieren können, aber solche soziale Gruppen gewinnen immer ihre Infanterie ihre Landsknechte - über die Schlagwortemission - indem ich die anderen madig mache und als Untermenschen klassifiziere. Die herrschenden Gesellschaftsschichten waren Beamten, die Offizierskaste, die mit 1918 politisch abgetakelten Adeligen, die aber weitgehend ökonomisch unbeschädigt in die Republik übergegangen sind. Gemeinsam mit der österreichischen Industrie und dem Gewerbe waren sie die Geldgeber des Faschismus.

Faktor: Wie siehst du den Umgang der ÖVP mit ihrer Vergangenheit als Christlichsoziale Partei?

Pepper: Die ÖVP hat sich 1945 keineswegs von ihrer Tradition gelöst, das ist höchstens nur vordergründig geschehen. Einige Begründer der VP waren ja sogar Ständestaatsfunktionäre. Ich denke an den Unterrichtsminister Pernter, also hier hatte es bruchlose personelle Übergänge gegeben. Man konnte es sich nach 1945 aus außenpolitischen Gründen nicht leisten sich näher mit dem Austrofaschismus zu identifizieren. Außerdem musste ja illustriert werden, dass man sich mit den Feinden - der Sozialdemokratie - arrangiert hat zugunsten der Entwicklung eines neuen Österreich. In Wirklichkeit ist aber das was 1918 seinen Ausgang genommen hat, das Frontmachen gegen die Neuerungen gesellschaftliche Position der Arbeitenden verhalten, aber dennoch bruchlos weitergegangen. In dem Moment wo man das Herauskehren konnte - spätestens mit dem Zusammenbruch der Sowjetrepublik - hat man genau an das angeknüpft, was man in der 1. Republik verkörpert hat.

Faktor: Wie bewertest du die ÖVP aktuell im Vergleich zur Politik des Austrofaschisten Dollfuß, der nach wie vor im VP-Parlamentsklub hängt?

Pepper: Wenn ich mir ansehe, wie BK Schüssel politisch agiert, so ist es nicht unähnlich dem Auftreten des BK Dollfuß, der sich auch als Figur mit Sendungsbewusstsein durch seine Möglichkeiten bewegt hat. Ein 2. Punkt ist der Ansatz der Zerschlagung Österreichs als Sozialstaat. Das war das auch das Anliegen der Ständestaatskonzeption. Wir müssen den ÖsterreicherInnen in Bewusstsein rücken: Prälat Ignaz, Seipel, mehrmaliger christlichsozialer Bundeskanzler in den 20er Jahren, hat immer davon gesprochen, das es nötig sei "den revolutionären Schutt" wegzuräumen. Eine Vokabel, die nach seinem Tod von den Christlichsozialen weiterverwendet worden ist. Mit der Ausschaltung des Parlamentarismus im März 1933 ist das zum offizielle Slogan geworden. Der revolutionäre Schutt waren die sozialen Errungenschaften der Arbeitenden in Österreich. Nun ist man drauf und dran revolutionäre Schuttreste die sich aus der 1. Republik hinübergerettet haben in die 2. Republik - und noch dazu eine Erweiterung erfahren haben - in den 70er Jahren, besonders in der Sozialpolitik, wegzuräumen.

Faktor: Vor kurzem forderte VP-Nationalratspräsident Khol Gott in der Verfassung zu verankern...

Pepper: Gott steht in der Ständestaatsverfassung. In der Präambel der Ständestaatsverfassung steht ein monströse Formulierung. Wenn man Gotteslästerung erkennbar machen möchte, müsste man diese Präambel zitieren: "Im Namen Gottes, von dem alles Recht aus geht, erhält Österreich diese Verfassung." Nämlich eine oktroyierte, über die keine Volksvertretung entschieden hat und die autoritär via Staatsstreich von oben fixiert worden ist. Das muss man der Sehnsucht des Herrn Khol gegenüberstellen, den lieben Gott in der Verfassung verankert zu sehen. Bis 1918 ist in Österreich alles mit Gott gegangen und ab 1918 ist alles vom Volk ausgegangen. Das war ein Bruch, den man nicht goutiert hat. Damals hat man Gott in der Verfassung vermisst, weil man in der Republik das Recht vom Volke ausgehen hat lassen. In anbetracht dessen merkt man, wie reaktionär - also rückschrittlich - die Aussage des Herrn Khol ist. Ein Rückschritt vor die Erkenntnisse der französischen Revolution im Geiste der Aufklärung.

Faktor: Wie siehst du die Position, dass die Sozialdemokratie als Wegbereiter des Faschismus zu sehen ist?

Pepper: Ich bin ein Verfechter der These der geteilten Schuld, aber mit einer spezifischen Klassifizierung. Die Schuld der einen besteht darin, dass sie nicht die erforderlichen Mittel zur rechten Zeit einzusetzen um Arges zu verhüten. Die Schuld der anderen besteht darin, dieses Arge bewusst, ja mit Gewalt herbeigeführt zu haben. Das ist die geteilte Schuld.

Faktor: "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen" - Was denkst du über die Faschismuskampagne der SJ-Wien?

Pepper: Ich stehe dieser Kampagne grundsätzlich positiv gegenüber. Es kann gar nicht genug getan werden damit sich junge Menschen um ein einigermaßen intaktes Geschichtsbewusstsein bemühen. Denn es ist unmöglich zu einem politischen Urteil zu kommen, wenn man sich nicht mit der jüngeren, mit der politischen Geschichte auseinandergesetzt hat. Es darf nicht bei dieser einen Kampagne bleiben!

Faktor: Danke für das Gespräch
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