Otto Bauer und das Linzer Programm
Geschichte und Bedeutung des Linzer Programms
Am 3. November 2002 jährte sich die Unterzeichnung des Linzer Programms zum 72. Mal. Einem der Verfasser dieses bedeutenden Dokuments sei dieser Artikel gewidmet.
Otto Bauer wird am 5. September 1881 in Wien geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in seinem Geburtsort absolviert er das Gymnasium in Meran und Reichenberg. Bereits im Alter von 19 Jahren wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Bauer studiert Rechtswissenschaften in Wien und schließt sich unter anderem der Freien Vereinigung sozialistischer Sudenten an, wo er Karl Renner, Max Adler und Rudolf Hilferding kennenlernt. Gemeinsam rufen sie den Arbeiterinnenbildungsverein "Die Zukunft" ins Leben. Mit Karl Kautsky, Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein publiziert er in der Zeitschrift die "Neue Zeit" zu verschiedensten Themen wie der Reformismusdebatte zwischen Luxemburg und Bernstein sowie zur Krisentheorie von Karl Marx.
Otto Bauer promoviert 1906 und bereits im darauffolgendem Jahr erscheint sein erstes Werk: "Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie"1. Nationalität sieht er als etwas historisch gewachsenes an, er meint, dass "das nationale Bewusstsein […] nur aus dem nationalen Sein verstanden werden [kann] und nicht umgekehrt." Darin wird sein marxistisches Grundverständnis recht deutlich. Nur aus seiner Geschichtlichkeit heraus ist der Nationencharakter eines Volkes zu verstehen. Der Nationalcharakter ist "geronnene Geschichte in uns", gemeinsam mit kulturellen Gegebenheiten und unserer Erziehung werden wir dadurch zu einem Produkt unserer Gesellschaft2. Erst durch Errungenschaften wie dem allgemeinen Wahlrecht und der Schulpflicht kann ein einheitliches Verständnis für Nation gebildet werden. Bauer ist überzeugt, dass der moderne Staat mit der Warenproduktion aufgetaucht und mit dieser auch wieder verschwinden wird. Von Viktor Adler beauftragt, übernimmt er 1907 die Leitung des Sekretariats der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, die zu diesem Zeitpunkt die stärkste Fraktion im Parlament stellt.
Während des Krieges war er eingezogen, ziemlich bald geriet er aber in russische Kriegsgefangenschaft und kehrt erst 1917 über St. Petersburg wieder zurück nach Wien. Nach Zusammenbruch der Österreich- Ungarischen Monarchie wird er zum Staatssekretär für Äußeres ernannt, tritt aber bereits ein Jahr später zurück, weil sein Plan eines gemeinsamen Deutsch-Österreich nicht geglückt war. Ab diesem Zeitpunkt gilt sein Engagement der Gründung der Wiener Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien, auch Zweieinhalbte Internationale3 genannt. Diese sollte ein Mittelding zwischen der - inzwischen lammfromm gewordenen - Zweiten Internationale und der kommunistischen Komintern darstellen. 1923 werden Zweite und Zweieinhalbte Internationale wieder zu einer zusammengeschlossen.
Das Linzer Programm
Auf ihrem Parteitag am 3. November 1926 in Linz beschloss die Sozialdemokratische Partei das von Otto Bauer, Max Adler, Karl Renner und anderen verfassten Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschösterreichs. Dieses Programm gilt als eines der wichtigsten Dokumente des Austromarxismus. Aus der Einleitung: “Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs, gestützt auf die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus und auf die Erfahrung jahrzehntelanger sieghafter Kämpfe, eng verbunden den sozialistischen Arbeiterparteien aller Nationen, führt den Befreiungskampf der Arbeiterklasse und setzt ihm als Ziel die Überwindung der kapitalistischen, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung.”
Das Ziel der Partei war damit der Umsturz des Gesellschaftssystems. Gegliedert in 8 Teilbereiche wurden die Aufgaben der Sozialdemokratie definiert. Im Sozialbereich wurde die lückenlose Durchführung des 8- Stunden Tages gefordert, für besonders gesundheitsgefährdende Berufe sogar eine weitere Arbeitszeitverkürzung. Im Bereich der Lehrlingsausbildung reichen die Forderungen von LehrlingsinspektorInnen bis zur Verkürzung der Ausbildung auf das notwendige Maß und der Errichtung von Lehrlingsurlaubsheimen.
Auch im Bereich der Frauenpolitik greift das Linzer Programm um einiges weiter, als die gesellschaftliche Realität in Österreich im Moment aussieht. Die Forderungen nach gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen sowie der Errichtung von Wäschereien und Gemeinschaftsküchen (Kantinen) haben auch heute nichts an Gültigkeit verloren.
Straffreie, kostenlose Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie die kostenfreie Abgabe von Verhütungsmitteln sind leider ebenfalls bis heute noch nicht durchgesetzt worden. Als sehr zentraler Punkt wurde die Ausbildung angesehen: der Schulbesuch sowie die Lehrmittel sollten gratis sein, durch Einführung von Lehrwerkstätten sollte die Trennung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit aufgehoben werden. Mit KlassenschülerInnenhöchstzahlen von 30 und dem gemeinsamen Unterricht aller 6-14 jährigen (Gesamtschule!) sollte eine weitgehende Chancengleichheit aller Kinder aus allen Schichten erreicht werden.
Als zentralen Punkt wird hier auch die Forderung nach "Kirche raus aus der Schule" angesehen. Alle Ausbildung müsse weltlich sein, die Kirche dürfe keinerlei Einfluss auf den Staat haben. Alle Religionsgemeinschaften müssen vom Staat als gleichwertig betrachtet werden.
Die Emigration
Während den Februarkämpfen 19344 und der Niederlage des Republikanischen Schutzbundes gegen die austrofaschistischen Kräfte unter Engelbert Dollfuss emigrierte Otto Bauer nach Brno in der Tschechoslowakei, von wo er versuchte, den ausländischen Widerstand zu organisieren. Unter anderem gab er von dort die bereits verbotene Arbeiterzeitung heraus.
1938 erliegt er in Paris einem Herzinfarkt und wird am Fried-hof Père Lachaise gegenüber des Denkmals der gefallenen Frauen und Männer der Pariser Commune begraben.
Otto Bauer wird am 5. September 1881 in Wien geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in seinem Geburtsort absolviert er das Gymnasium in Meran und Reichenberg. Bereits im Alter von 19 Jahren wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Bauer studiert Rechtswissenschaften in Wien und schließt sich unter anderem der Freien Vereinigung sozialistischer Sudenten an, wo er Karl Renner, Max Adler und Rudolf Hilferding kennenlernt. Gemeinsam rufen sie den Arbeiterinnenbildungsverein "Die Zukunft" ins Leben. Mit Karl Kautsky, Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein publiziert er in der Zeitschrift die "Neue Zeit" zu verschiedensten Themen wie der Reformismusdebatte zwischen Luxemburg und Bernstein sowie zur Krisentheorie von Karl Marx.
Otto Bauer promoviert 1906 und bereits im darauffolgendem Jahr erscheint sein erstes Werk: "Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie"1. Nationalität sieht er als etwas historisch gewachsenes an, er meint, dass "das nationale Bewusstsein […] nur aus dem nationalen Sein verstanden werden [kann] und nicht umgekehrt." Darin wird sein marxistisches Grundverständnis recht deutlich. Nur aus seiner Geschichtlichkeit heraus ist der Nationencharakter eines Volkes zu verstehen. Der Nationalcharakter ist "geronnene Geschichte in uns", gemeinsam mit kulturellen Gegebenheiten und unserer Erziehung werden wir dadurch zu einem Produkt unserer Gesellschaft2. Erst durch Errungenschaften wie dem allgemeinen Wahlrecht und der Schulpflicht kann ein einheitliches Verständnis für Nation gebildet werden. Bauer ist überzeugt, dass der moderne Staat mit der Warenproduktion aufgetaucht und mit dieser auch wieder verschwinden wird. Von Viktor Adler beauftragt, übernimmt er 1907 die Leitung des Sekretariats der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, die zu diesem Zeitpunkt die stärkste Fraktion im Parlament stellt.
Während des Krieges war er eingezogen, ziemlich bald geriet er aber in russische Kriegsgefangenschaft und kehrt erst 1917 über St. Petersburg wieder zurück nach Wien. Nach Zusammenbruch der Österreich- Ungarischen Monarchie wird er zum Staatssekretär für Äußeres ernannt, tritt aber bereits ein Jahr später zurück, weil sein Plan eines gemeinsamen Deutsch-Österreich nicht geglückt war. Ab diesem Zeitpunkt gilt sein Engagement der Gründung der Wiener Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien, auch Zweieinhalbte Internationale3 genannt. Diese sollte ein Mittelding zwischen der - inzwischen lammfromm gewordenen - Zweiten Internationale und der kommunistischen Komintern darstellen. 1923 werden Zweite und Zweieinhalbte Internationale wieder zu einer zusammengeschlossen.
Das Linzer Programm
Auf ihrem Parteitag am 3. November 1926 in Linz beschloss die Sozialdemokratische Partei das von Otto Bauer, Max Adler, Karl Renner und anderen verfassten Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschösterreichs. Dieses Programm gilt als eines der wichtigsten Dokumente des Austromarxismus. Aus der Einleitung: “Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs, gestützt auf die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus und auf die Erfahrung jahrzehntelanger sieghafter Kämpfe, eng verbunden den sozialistischen Arbeiterparteien aller Nationen, führt den Befreiungskampf der Arbeiterklasse und setzt ihm als Ziel die Überwindung der kapitalistischen, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung.”
Das Ziel der Partei war damit der Umsturz des Gesellschaftssystems. Gegliedert in 8 Teilbereiche wurden die Aufgaben der Sozialdemokratie definiert. Im Sozialbereich wurde die lückenlose Durchführung des 8- Stunden Tages gefordert, für besonders gesundheitsgefährdende Berufe sogar eine weitere Arbeitszeitverkürzung. Im Bereich der Lehrlingsausbildung reichen die Forderungen von LehrlingsinspektorInnen bis zur Verkürzung der Ausbildung auf das notwendige Maß und der Errichtung von Lehrlingsurlaubsheimen.
Auch im Bereich der Frauenpolitik greift das Linzer Programm um einiges weiter, als die gesellschaftliche Realität in Österreich im Moment aussieht. Die Forderungen nach gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen sowie der Errichtung von Wäschereien und Gemeinschaftsküchen (Kantinen) haben auch heute nichts an Gültigkeit verloren.
Straffreie, kostenlose Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie die kostenfreie Abgabe von Verhütungsmitteln sind leider ebenfalls bis heute noch nicht durchgesetzt worden. Als sehr zentraler Punkt wurde die Ausbildung angesehen: der Schulbesuch sowie die Lehrmittel sollten gratis sein, durch Einführung von Lehrwerkstätten sollte die Trennung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit aufgehoben werden. Mit KlassenschülerInnenhöchstzahlen von 30 und dem gemeinsamen Unterricht aller 6-14 jährigen (Gesamtschule!) sollte eine weitgehende Chancengleichheit aller Kinder aus allen Schichten erreicht werden.
Als zentralen Punkt wird hier auch die Forderung nach "Kirche raus aus der Schule" angesehen. Alle Ausbildung müsse weltlich sein, die Kirche dürfe keinerlei Einfluss auf den Staat haben. Alle Religionsgemeinschaften müssen vom Staat als gleichwertig betrachtet werden.
Die Emigration
Während den Februarkämpfen 19344 und der Niederlage des Republikanischen Schutzbundes gegen die austrofaschistischen Kräfte unter Engelbert Dollfuss emigrierte Otto Bauer nach Brno in der Tschechoslowakei, von wo er versuchte, den ausländischen Widerstand zu organisieren. Unter anderem gab er von dort die bereits verbotene Arbeiterzeitung heraus.
1938 erliegt er in Paris einem Herzinfarkt und wird am Fried-hof Père Lachaise gegenüber des Denkmals der gefallenen Frauen und Männer der Pariser Commune begraben.










